Michael Trabitzsch

Max Beckmann – Departure

Max Beckmann: Akrobaten (Triptychon No. 3) mit Simon Kelly, Kurator, St. Louis Art Museum. Foto: Piffl Medien

(Kinostart 6.6.) Mysteriöser Max Beckmann: Er war Picasso ebenbürtig, doch völlig anders. Die Umwälzungen seiner Epoche bannte er in vielschichtige, kaum entwirrbare Triptychen. Sie versucht Michael Trabitzschs Dokumentarfilm zu enträtseln.

Sein Geheimnis lässt sich Max Beckmann (1884 – 1950) bis heute nicht entreißen. Das schaffen weder deutsche oder französische Experten noch Kuratoren von US-Museen, die sich an Bildbeschreibungen vor dem Objekt versuchen. Auch Michael Trabitzsch gelingt es mit seinem Film «Max Beckmann – Departure» nicht, des Künstlers Rätselhaftigkeit aufzulösen.

 

Info

Max Beckmann – Departure

 

Regie: Michael Trabitzsch

93 Min., Deutschland 2013

mit: Uwe M. Schneede, Didier Ottinger, Reinhard Spieler

 

Website zum Film

Darum ist es ein guter Film geworden! Denn im Rätsel und dem Mythos um seine Kunst liegt auch ihre Qualität und beständige Aktualität. Max Beckmann hat sich immer als einer der ganz großen Künstler seiner Zeit begriffen – wenn nicht als der größte. In zahlreichen Selbstzeugnissen hat er deutlich gemacht, dass allenfalls Picasso ihm das Wasser reichen könne.

 

Romanik versus Gotik

 

Während Picasso die romanische Vorstellung vom emotionalen Künstler verkörperte, stellte sich ihm Beckmann als Vertreter eines eher gotischen Ideals entgegen. Als Egomanen sondergleichen prägten sie die Entwicklung der modernen Kunst als Ausdruck von Individualität. Beckmanns Individualismus wurde allerdings mehr als derjenige Picassos vom Lauf der Geschichte angekratzt.


Offizieller Filmtrailer


 

Triptychen als bevorzugte Bildform

 

Trabitzsch hat schon eine Doku über Ernst Ludwig Kirchner gedreht. Sein neuer Film folgt dem Leben Beckmanns chronologisch: vom ersten bis zum letzten Gemälde, das er vollendete, untermalt von atmosphärischen Bildern der gewollten oder ungewollten Stationen seines Lebens wie Berlin, München, Frankfurt, Amsterdam, New York oder St. Louis, angereichert mit Zitaten aus seinen Tagebüchern und Interviews mit Museumsleuten.

 

Im Mittelpunkt des Films stehen Beckmanns Triptychen. Mit ihnen findet er Anfang der 1930er Jahre seine individuelle Methode, Narration und Mystik, Expression und Symbolik in die altbekannte Form von zentraler Bildtafel und zwei Begleittafeln zu gießen. «Vor 1932/33 ist kein Triptychon entstanden. ‚Departure‘ spricht bereits ganz offensichtlich von den schweren Bedrohungen durch den Nationalsozialismus, erahnt sie und stellt sie symbolisch dar», erklärt Uwe M. Schneede, langjähriger Direktor der Hamburger Kunsthalle.

 

Nicht fürs Wohnzimmer, sondern für die Öffentlichkeit

 

«Das Triptychon stellt auch eine neue soziale Positionierung der Kunst Beckmanns dar», ergänzt Didier Ottinger, einer der künstlerischen Leiter am Centre Pompidou in Paris: «Es ist nicht für ein Wohnzimmer geschaffen, sondern für eine Kirche, für einen öffentlichen Ort. Damit wendet sich der Künstler in eine neue Richtung, die an der Gesellschaft interessiert ist, die eine Botschaft vermittelt.»

 

«Departure», das dem Film seinen Titel gab, wurde 1935 vollendet und bereits 1942 vom Museum of Modern Art (MoMA) in New York angekauft. Für Beckmann illustriert es den Abschied vom alten Europa und auch von Deutschland, in dem seine Kunst unter den Nazis als ‚entartet‘ galt. Die dreiteiligen Bildern, die Trabitzsch in seinem Film aufsucht, sind heute über deutsche und US-Museen verstreut.

 

Von Sammlern umschwärmter Salonlöwe

 

In der Weimarer Republik wurde Beckmann zur bedeutendsten Künstlerpersönlichkeit, dann von den Nazis angefeindet. Im US-Exil versuchte er, als Lehrer und von Sammlern umschwärmter Salonlöwe an die große Zeit anknüpfen, lebte sich aber nie wirklich ein. In seinen Triptychen verschmelzen psychologische Momente mit historischen und zeitgeschichtlichen Allegorien und ausgefeilter Symbolik zu einem kaum entwirrbaren Über- und Durcheinander von Erzählungen und Andeutungen.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier einen Bericht über die Ausstellung Von Beckmann bis WarholKunst des 20. und 21. Jahrhunderts Die Sammlung Bayer im Martin-Gropius-Bau, Berlin

 

und hier eine Besprechung des Films „Richard Deacon – In Between“ – beeindruckende Dokumentation von Claudia Schmid

 

und hier eine Rezension des Films  „Georg Baselitz „eine Hommage über den Jahrhundertkünstler von Evelyn Schels

 

Die Erfahrung des Kriegs bricht immer wieder durch und stellt den eigentlich unbeugsamen Lebenswillen Beckmanns infrage. Bis zum Ende sucht er eine höhere Wahrheit oder einen Sinn. Seine Bilder sollten allerdings als komplexe Formulierung dieser Fragen auf vielerlei Ebenen verstanden werden.

 

Welt durch sich selbst erklären

 

«Beckmann bleibt überzeugt davon, dass aus diesem Chaos, dieser Konfusion der Geschichte, die er gerade erleidet, noch eine Wahrheit, eine Offenbarung entstehen könne», resümiert Ottinger diese Anstrengung. Bis zum Schluss bleibt Beckmann aber auch der ichbezogene Künstler, der nicht nur etliche einprägsame Selbstporträts hinterließ, sondern die Welt vor allem durch sich selbst erklären will.

 

So formulierte er nach der Entlassung aus dem Militärdienst 1917 quasi sein Lebensmotto: «Je stärker und intensiver mein Wille wird, die unsagbaren Dinge des Lebens festzuhalten, je schwerer und tiefer die Erschütterung über unser Dasein in mir brennt, umso verschlossener wird mein Mund, um so kälter mein Wille, dieses schaurig zuckende Monstrum von Vitalität zu packen und in glasklare Linien und Flächen einzusperren,  niederzudrücken, zu erwürgen.»


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