Pedro Almodóvar

Fliegende Liebende

Die drei Stewards:Fajas (Carlos Arcedes), Ulloa (Raúl Arévalo) und Jossera (Javier Cámara). Foto: © TOBIS Film

(Kinostart: 4.7.) Superdurchgeknallt, superlustig und supertuntig: Mit „Fliegende Liebende“ hat Regisseur Pedro Almodóvar die ultimative Sommerkomödie zur großen Finanzkrise gedreht – mit überdrehter Lust an der Enttabuisierung.

Nachdem Pedro Almodóvar mit seinem letzten Film, dem eigenwilligen Horror-Melodram „Die Haut, in der ich wohne“, Stoff für nachhaltige Albträume lieferte, hat er mit „Fliegende Liebende“ nunmehr ein probates Gegenmittel entwickelt.

 

Info

Fliegende Liebende

 

Regie: Pedro Almodóvar,

90 Min., Spanien 2013

mit: Penélope Cruz, Antonio Banderas, Javier Cámara

 

Website zum Film

Der verstörend vielseitige Regisseur, der wie kein anderer menschlichen Grenzsituationen nachspürt, hat es nach langen Jahren endlich wieder einmal getan: eine Komödie gedreht. Es ist die erste seit „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ von 1988, und in etwa doppelt so durchgeknallt.

 

Kein Platz für Privatsphäre

 

Sex, Alkohol, Drogen und der Umstand, aufgrund räumlicher Enge auch über privateste Dinge nur öffentlich kommunizieren zu können, sind die starken Antriebsfedern einer Handlung, deren hauptsächliches Ziel in der ultimativen Enttabuisierung aller persönlichen Verkorkstheiten liegt, die die Personen mit sich schleppen.

 


Offizieller Film-Trailer


 

Versehen mit bösen Folgen

 

Die Grenzsituation, der Almodóvars Filmpersonal diesmal ins Auge sehen muss, besteht darin, sich in einem Flugzeug zu befinden, das bei der Landung auseinanderzubrechen droht. Ein Techniker hat nämlich vergessen, bei einem der Fahrwerke die Bremsklötze zu entfernen, nachdem seine Frau ihm überraschend mitgeteilt hatte, dass sie schwanger ist. In diesen beiden Minirollen geben Penelope Cruz und Antonio Banderas einen kurzen Gastauftritt.

 

Als die Besatzung die Kalamität bemerkt, wird den Reisenden der Touristenklasse ein Schlafmittel eingeflößt. Die wenigen Passagiere der Businessklasse aber bleiben, ebenso wie die beiden Piloten und die drei schwulen Stewards, wach. Die ins Absurde gesteigerte Obertuntigkeit (in dieser Disziplin besonders grandios: Carlos Areces) des männlichen Kabinenpersonals wird bereits während der einleitenden Vorführung der Sicherheitsvorkehrungen gezielt ausgereizt.

 

Steter Quell der Freude

 

Und ist nicht nur während des gesamten Films ein steter Quell der Freude, sondern setzt eben gleich zu Anfang in der offensiven Zurschaustellung sexueller Identität auch Maßstäbe. Wenn die Enttabuisierung von Sexualität in ihren verschiedenen Formen eines der Anliegen dieses Films sein sollte, so ist das bisher kaum jemandem auf so unpeinlich komische Weise geglückt.

 

Da Sex im Grunde eher das Gegenteil von komisch ist, enden filmische Versuche, komische Sexszenen zu gestalten, in der Regel irgendwo im Zotigen. Almodóvar aber, selbst immerhin einer der großen Enttabuisierer des Kinos, geht über diese Ebene weit hinaus. In „Fliegende Liebende“ ist nicht das gebrochene Tabu, sondern die übersteigerte Lust an der Enttabuisierung selbst der eigentliche Quell der Komik.

 

Almodóvar darf das

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

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und hier eine Besprechung des Films „Spring Breakers“ – trashige College-Komödien-Parodie mit James Franco von Harmony Korine

 

und hier eine Rezension des Films „Ein griechischer Sommer“ – herzerwärmende Sommer-Komödie von Olivier Horlait


Es gibt zwar auch großartig komische Sexszenen, darunter zweimal Sex mit Bewusstlosen, was sich ja wirklich nicht gehört. Almodóvar aber darf das, weil er es so kann, dass es wirklich „saukomisch“ wird; das ist das Attribut, mit dem er seinen Film am liebsten beschrieben wissen will. Solche grenzwertigen Szenen sind eben dramaturgisch hervorragend vorbereitet: durch absurde kleine Konversationsszenen, in denen das Prinzip der Enttabuisierung vorbeugend ins Lächerliche getrieben wird.

 

Eine Schlüsselszene ist in dieser Hinsicht jene, worin ein paar erboste Passagiere ins Cockpit eindringen und zu wissen verlangen, was mit dem Flugzeug los sei. Und unversehens sind alle, Passagiere, Stewards und Piloten, nicht nur angetrunken, sondern auch dabei, sich gegenseitig ihre sexuellen Präferenzen zu beichten, während es doch eigentlich gilt, eine Lösung für das Problem des nicht funktionierenden Fahrwerks zu finden.

 

Andeutungen auf die spanische Finanzkrise

 

Möglich, dass Pedro Almodóvar mit diesem Film gleichzeitig eine Allegorie auf die trudelnde Situation des ökonomisch schwer angeschlagenen Spanien hat abliefern wollen. Andeutungen auf die Finanzkrise spart er zumindest nicht aus. Doch bleibt das eher ein Nebenthema; und dass der sich ebenfalls im Flieger befindliche flüchtige Finanzhai am Schluss reuig in den Schoß der Familie zurückkehrt, um sich der Polizei zu stellen, gehört zu den verschiedenen kleinen Happyends, die genrekonform den Film beschließen. Sicher aber ist eines: in Zeiten der Krise braucht man Komödien wie diese.


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