Noah Baumbach

Frances Ha

Frances (Greta Gerwig) tanzt vor einem Brunnen. Foto: © Copyright Pine District, LLC./ MFA+ FilmDistribuion e.K.

(Kinostart: 1.8.) Für Bohème-Leben ist New York längst viel zu teuer. Hauptdarstellerin Greta Gerwig bekommt es trotzdem hin: Als Tänzerin Frances lässt sie sich nicht unterkriegen. Wunderbar liebevolles Generationen-Porträt von Noah Baumbach.

Scheinrangeln auf der Straße geht nur mit der besten Freundin. Endzwanzigerin Frances (Greta Gerwig) hat so eine und wohnt sogar mit ihr zusammen. Sie und Sophie (Mickey Sumner, die Tochter von Sting) teilen scheinbar alles miteinander. Beide leben in den Tag hinein und träumen unbeirrbar von einer großen Zukunft: Frances als Tänzerin, ihre Freundin als Großverlegerin.

 

Info

Frances Ha

 

Regie: Noah Baumbach

86 Min., USA 2012

mit: Greta Gerwig , Mickey Sumner, Adam Driver

 

Englische Website zum Film

Ginge es nach Frances, würde es ewig so weitergehen; bis Sophie ihr eröffnet, dass sie auszieht. Sie hat eine andere Mitbewohnerin für eine bessere Bleibe näher an ihrem Arbeitsplatz gefunden. Außerdem schien für Sophie klar, dass Frances mit ihrem Freund zusammenziehen wird. Da sie das nicht will, muss sie sich etwas Neues suchen.

 

Bürojob statt reguläre Tänzerin

 

Auch im Job läuft es nicht besonders gut für sie. Frances will immer noch feste Tänzerin in der Modern Dance Company werden, wo sie als Tutorin aushilft. Doch die Chefin bietet ihr einen Bürojob an: Das feste Gehalt wäre doch eine gute Basis, sich in Ruhe Gedanken über die Zukunft zu machen.


Offizieller Filmtrailer


 

Visionärer Fünfjahresplan

 

Langsam bekommt Frances das Gefühl, dass sie allenthalben von Jüngeren überholt wird, obwohl sie erst 27 Jahre alt ist. Zu allem Überfluss hat Sophie einen Freund, mit dem sie ans andere Ende der Welt nach Japan zieht.

 

Selbst im nicht mehr ganz so gemütlichen Berlin ist es als twentysomething mittlerweile schwierig, ohne visionären Fünfjahresplan sein unstetes Leben zu rechtfertigen. Das zeigte schon im letzten Jahr Regisseur Jan Ole Gerster in „Oh Boy“ – womit er sechs Deutsche Filmpreise absahnte.

 

Dickes Fell und viel Optimismus

 

Doch im effizienten, erfolgsorientierten New York braucht man für solch ein zielloses Bohème-Leben entweder reiche, tolerante Eltern oder ein dickes Fell und viel Optimismus. Frances hat von letzterem reichlich. Plus eine Menge Humor und Lebensklugheit: Das lässt sie spießige Abendessen bei gut situierten Paaren ebenso überstehen wie die ewige Suche nach einer Bleibe und ihre größte Niederlage; ein Sommerjob am College ihres Heimatorts in der Provinz.

 

Von ihrem Ziel kann sie nichts abbringen, auch kein Mann. Benji (Michael Zegen), Mitbewohner in einer Jungs-WG in Brooklyn, wo Frances zeitweise unterkommt, nennt sie „totally undateable“ – obwohl er sie mag. Denn Frances hat nichts von einer Klischee-Ballerina: Sie ist groß, ein wenig ungelenk, tolpatschig und genau deswegen liebenswert. Aber sie lässt sich nicht leicht herunterziehen: Sie stolpert, steht wieder auf und ändert ein wenig die Richtung, bis sie doch irgendwo ankommt und tanzt.

 

Wie Filme von Woody Allen

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des frankokanadischen Films „Laurence Anyways“ von Xavier Dolan über das Liebesleben eines Transsexuellen

 

und hier einen Bericht über den Film „Blank City“ –  facettenreiche Doku von Céline Danhier über die No-Wave-Szene im New York der späten 1970er Jahre

 

und hier eine Rezension des Films „2 Tage New York“ – turbulente Culture-Clash-Komödie von Julie Delpy.

 

Völlig berechtigt wird Noah Baumbachs wunderbarer Film öfter mit „Manhattan“ von Woody Allen verglichen. „Frances Ha“ ist nicht nur ebenso in Schwarzweiß; seine Protagonistin taugt auch zur Integrationsfigur einer ganzen Generation, wie Diane Keaton als Annie Hall in Allens Klassiker „Der Stadtneurotiker“ von 1977.

 

Regisseur Baumbach hat mit seiner Partnerin und Hauptdarstellerin Greta Gerwig auch das Drehbuch geschrieben. Beide werfen einen liebevollen Blick auf eine neue Generation von Großstädtern, die gut ausgebildet, unterbeschäftigt und mies bezahlt nicht nur in New York oder Berlin versuchen, über die Runden zu kommen und ihre Träume zu verwirklichen.

 

New Yorker Wortwitz im Original

 

Sie sind rast- und ein wenig wurzellos, aber weder niedergeschlagen noch mutlos. Sie reden viel über sich, das Leben und den ganzen Rest. Sie suchen nach ihrem Platz im Leben; Freunde sind ihnen wichtiger als Beziehungen oder Familie.

 

Dabei macht Greta Gerwig diesen Film unwiderstehlich: Ihr ist ihre Rolle auf den Leib geschrieben. Sie trägt den Film mit heiterer Leichtigkeit auf ihren nicht so schmalen Schultern, lässt aber auch den anderen, guten Darstellern genug Raum. Zudem sind die Dialoge pointiert, mit typisch trockenem Wortwitz der New Yorker; man hört ihnen am besten in der Originalfassung zu. Und woher das „Ha“ im Titel kommt, soll bitte jeder selbst herausfinden.


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