Holly Hunter

Jackie – wer braucht schon eine Mutter

Jackie (Holly Hunter) mit ihren Töchtern Sofie (Carice van Houten) und Daan (Jelka van Houten). Foto: Schwarz-Weiss Filmverleih

(Kinostart: 18.7.) Wiedersehen mit der Leihmutter: Zwei Schwestern fahren mit ihrer Gebärerin, die sie seither nie wieder trafen, durch die USA. Regisseurin Antoinette Beumer gelingt ein wunderbar warmherziges Roadmovie ohne Klischees und Kitsch.

Späte Familienzusammenführungen haben es in sich. Vor allem, wenn diese Familien nicht gerade der so genannten Norm entsprechen, wie in Antoinette Beumers Film: Titelfigur Jackie (Holly Hunter) ist alles andere als eine liebevolle Mama.

 

Info

Jackie – wer braucht schon eine Mutter

 

Regie: Antoinette Beumer,

98 Min., Niederlande / USA 2012;

mit: Holly Hunter, Carice van Houten, Jelka van Houten

 

Website zum Film

Vor 34 Jahren hat sie sich als Leihmutter für ein schwules Paar in den Niederlanden zur Verfügung gestellt, dessen Kinderwunsch übermächtig wurde. Sie brachte zwei Mädchen zur Welt, die bei ihren treusorgenden Vätern in Holland aufwuchsen und nichts entbehrt haben.

 

Krankentransport in den USA

 

Bis sie plötzlich ein US-Krankenhaus anruft: Jackie ist schwerkrank und muss zur Rehabilitation in ein weit entferntes Sanatorium gefahren werden. Da sie den normalen Transportweg verweigert, sollen das ihre Angehörigen erledigen.


Offizieller Filmtrailer


 

Kommunikations-SuperGAU im Wohnmobil

 

Die einzigen auffindbaren sind ihre Zwillingstöchter Sophie (Carice van Houten) und Daan (Jelka von Houten). Allein schon aus Neugier auf die Frau, die sie geboren hat, beschließen sie nach dem ersten Schock, ihre Mutter zu begleiten. Klar, dass diese Reise ihr Leben verändern wird.

 

Zunächst müssen sie sich damit anfreunden, die Strecke in Jackies heruntergekommenem Wohnmobil zurückzulegen, ihrem einzigen Besitz. Für die arbeitswütige, scharfzüngige Sophie mit Bindungsangst, die als Magazin-Chefredakteurin eigentlich immer erreichbar sein muss, ist das der kommunikationstechnische Super-GAU. Die erste Zeit verbringt sie damit, Steckdosen für ihren Laptop zu suchen.

 

Mutter Jackie thront und schweigt

 

Die nur wenige Minuten jüngere Daan ist entspannter, leidet aber unter dem typischen Kleine-Schwester-Komplex: Als mit einem kontrollsüchtigen Architekten verheiratete Kindergärtnerin will sie es allen recht machen. Sie bemüht sich ehrlich, ihre „Eizellenspenderin“, wie Sophie sie nennt, kennen zu lernen. Das macht ihr die verschlossene Jackie sehr schwer: Sie sitzt meist im hinteren Teil des Wohnmobils und sagt nur das Nötigste.

 

Regisseurin Antoinette Beumer ist ein wunderbares Roadmovie über Familie und andere Katastrophen gelungen; sie zieht alle Register des Genres und unterläuft dabei die üblichen Klischees. Die Zwillinge sind mit den realen Schwestern Carice und Jelka von Houten wunderbar besetzt; dass Holly Hunter auch mit wenigen bis keinen Worten viel ausdrücken kann, ist seit ihrer Hauptrolle im Film „Das Piano“ (1993) von Jane Campion bekannt.

 

Telefon wegwerfen, wenn der Gatte anruft

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Mutter & Kind – Child’s Pose“ – Psychodrama über eine verkorkste Mutter-Kind-Beziehung von Călin Peter Netzer

 

und hier einen Bericht über den Film „We need to talk about Kevin“ – Mutter-Kind-Drama mit Tilda Swinton von Lynne Ramsay

 

und hier eine Rezension des Films “Periferic – Outbound” packendes Mutter-Kind-Drama in Bukarest von Bogdan George Apetri.

 

Ihre wilde Jackie thront mit wachem Blick und Krückstock würdevoll auf dem Rücksitz. Quasi gemeinsam mit ihr beobachten wir, wie ihre Töchter zu begreifen beginnen, dass sie doch nicht so unterschiedlich sind, wie sie immer glaubten. Die entschleunigte Reise durch New Mexico wird zu einem Trip mit Langzeitwirkung auf die Leben der drei Frauen, die sich zunehmend annähern.

 

Sophie entdeckt ihre weiche, mitfühlende Seite. Daan lernt, Nein zu sagen und ihre Wünsche wichtig zu nehmen; in dem zarten Persönchen steckt eine talentierte Sängerin. Irgendwann stehen sie auf einem Berg mitten in der Wüste, als Daans Mann anruft. Anstatt zu antworten, wirft sie das Telefon einfach weg. Eine schöne Reminiszenz an ein anderes Roadmovie über Frauen: „Thelma und Louise“. Auch an die australische Queer-Komödie „Priscilla – Königin der Wüste“ erinnert der Film; wegen des Wohnmobils und einiger Szenen auf der Fahrt.

 

Herzerwärmendes Feelgood-Movie

 

Das Drehbuch wartet mit verblüffenden Wendungen und wohltuend wenig Sentimentalitäten auf. Rührende Szene, von denen es einige gibt, werden nicht ausgewalzt, sondern meist passiert etwas, das jegliche Rührseligkeit auffängt. Auch das Ende wartet mit Überraschungen auf. Dieser Film wärmt nicht nur Herz und Seele, sondern macht einfach gute Laune.


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