Bence Fliegauf

Just the Wind – Csak a szél

Anna (Gyöngyi Lendvai) langweilt sich im Schulunterricht. Foto: Peripher Film

(Kinostart: 18.7.) Rassismus mit Todesfolgen: Regisseur Fliegauf verfolgt den Alltag einer Roma-Familie in Ungarn, deren Nachbarn ermordet worden sind. Für die ungeschönte Darstellung ihrer Diskriminierung erhielt er 2012 den Silbernen Bären.

Eine Roma-Familie im Dorf ist ermordet worden. Alle wissen es und verlieren keine Worte darüber. Der nächste Tag ist ein ganz normaler Tag, und doch ist alles anders. Als die halbwüchsige Anna (Gyöngyi Lendvai) zur Schule geht, trifft sie auf eine Art Bürgerwehr: Die Roma-Männer schärfen ihr ein, stets ihr Handy angeschaltet zu lassen.

 

Info

Just the wind –
Csak a szél

 

Regie: Bence Fliegauf,

98 Min., Ungarn/D/F 2011,

mit: Katalin Toldi, Gyöngyi Lendvai, Lajos Sárkány, György Toldi

 

Website zum Film

Zuvor ist Mutter Mari (Katalin Toldi) zum ersten ihrer beiden Jobs aufgebrochen. Im Auftrag der Autobahnmeisterei sammelt sie Müll am Straßenrand ein. Später wird sie in derselben Schule putzen, in der ihre Tochter lernt; verspottet vom Hausmeister, der „Aas“ zu riechen behauptet, wenn sie hereinkommt.

 

Bunker für die ganze Familie

 

Ihr jüngster Sohn Rio (Lajos Sárkány) treibt sich herum. Erst spielt er in einer verwanzten Bude mit anderen Jungs Computerspiele. Dann schaut er in seinem „Bunker“ nach dem Rechten: Er hat ihn in einem Keller mit dem Nötigsten ausgestattet, um sich dort mit seinen Verwandten zu verstecken, falls Gefahr droht.


Offizieller Filmtrailer


 

Puzzlebild des Roma-Lebens

 

Der Film folgt dieser Rumpffamilie – ihr Vater ist nach Kanada ausgewandert und will sie bald nachholen – durch den Tag. Schritt für Schritt: Auf langen Gängen von einer Station zur anderen heftet sich die Kamera an ihre Füße. Oder ihre Schultern oder ihre Hände: Jede Tätigkeit wird mit gleicher Aufmerksamkeit aufgezeichnet. Diese Reigen fügt sich allmählich zu einem Puzzlebild des Lebens von Roma in Ungarn.

 

Mutter Mari wirkt verhärmt und verdrossen, erfüllt aber gewissenhaft ihre beruflichen und häuslichen Pflichten. Ebenso Tochter Anna: Sie ist als erste im Klassenzimmer, lernt fleißig Englisch und kümmert sich danach um ihre kleine Cousine Zita. Deren Eltern sind Alkoholiker und lassen ihre Wohnung völlig verwahrlosen.

 

In der Außenwelt isoliert

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Newo Ziro – Neue Zeit“ – Dokumentation über Sinti + Roma in Deutschland von Robert Krieg + Monika Nolte

 

und hier einen Beitrag über den Film „Die feinen Unterschiede“ von Sylvie Michel über Konflikte eines deutschen Arztes + seiner bulgarischen Putzfrau

 

und hier einen Bericht über den Film „Tabu – Eine Geschichte von Liebe und Schuld“ von Miguel Gomes über postkoloniale Diskriminierung in Portugal.

 

Nesthäkchen Rio schwänzt zwar die Schule, zeigt aber Initiative – ob mit seinem „Bunker“ oder, indem er das Schwein der ermordeten Familie beerdigt. Damit entsprechen alle drei dem Klischee von „anständigen Zigeunern“, über das ein rassistischer Polizist am Mord-Tatort schwadroniert: Solche nützlichen Leute zu ermorden, sei ein Fehler. Es wird ihnen nichts helfen.

 

Allen gemeinsam ist ihre Isolation: die Mauer aus Gleichgültigkeit und Ablehnung, die sie umgibt, wenn sie ihr Dorf verlassen. Dann laufen sie eilig mit gesenkten Köpfen, ihre Mienen spiegeln Angst und Misstrauen. Die Kluft zwischen ihnen und ihren Mitmenschen reicht so tief, dass Anna schweigend flüchtet, als Schüler eine Klassenkameradin zu vergewaltigen versuchen. Umgekehrt pöbeln Roma-Trunkenbolde vor der Dorfkneipe harmlose Passanten an, weil sie keine Roma sind.

 

Konsequent-unnötiger Schockeffekt

 

„Just the Wind“, der eine Mordserie an ungarischen Roma vor wenigen Jahren aufgreift, ist ein anstrengender Film. Nicht nur, weil er ihre Diskriminierung völlig selbstverständlich und ungeschönt vorführt. Sondern vor allem, weil er sie auf der Mikro-Ebene alltäglicher Verrichtungen registriert.

 

Die eng an den Akteuren klebende Kamera verweigert dem Zuschauer jeden Überblick. Er muss sich aus lauter flüchtigen Details und beiläufigen Bemerkungen erschließen, welche tödliche Bedrohung diesen banalen Tag durchwirkt. Der Schockeffekt zum Schluss ist zwar konsequent, wäre aber gar nicht nötig.


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