Berlin

Kader Attia: Reparatur – 5 Akte

Akt 2: Politik: The Repair`s Cosmogony (Die Weltentstehungslehre der Reparatur), weiße Marmorskulptur aus Carrara: Büste einer Afrikanerin, Courtesy: the artist, Galerie Nagel Draxler/ Continua/ Krinzinger. Foto: ohe

Dass im Ersten Weltkrieg auch Schwarze starben, ist heute fast vergessen. Kader Attia spürt solche Verbindungen zwischen Europa und Afrika auf und setzt sie in beeindruckende Installationen um, wie seine erste deutsche Einzelschau in den KW zeigt.

Vergangenheit, die nicht vergehen will: Das ist in vielen außereuropäischen Ländern nicht Faschismus oder Stalinismus, sondern der Kolonialismus. Im Westen schon halb vergessen, prägt das Erbe der Kolonialzeit dort bis heute den Alltag. Teils positiv, aber vor allem negativ: durch starke Abhängigkeit von und Fixierung auf die frühere Kolonialmacht.

 

Info

Kader Attia:
Reparatur – 5 Akte


26.5.2013 – 25.8.2013

täglich außer dienstags 12 – 19 Uhr, donnerstags 12 – 21 Uhr

im KW Institute for Contemporary Art
Auguststr. 69,  Berlin

 

Weitere Informationen

Auf dieses fatale Verhältnis macht Kader Attia aufmerksam. Der Franzose algerischer Herkunft beeindruckte 2012 auf der documenta 13 mit einer raumfüllenden Installation voller Weltkriegs-Memorabilia: etlichen Gebrauchsgegenständen aus Waffen-Schrott und überlebensgroßen Holzbüsten kriegsversehrter Soldaten.

 

Alles von Afrikanern gefertigt

 

All das hatten Afrikaner angefertigt. Entweder nach dem Ersten Weltkrieg (WWI), als Kriegs-Trümmer für zivile Zwecke recycelt wurden, oder als aktuelle Auftragsarbeit: Attia ließ Bildhauer im Senegal die Büsten nach historischen Fotos schnitzen. In beiden Fällen eigneten sich Afrikaner Überbleibsel von Europäern an – für den Künstler ein zentraler Vorgang.


Interview (auf Englisch) mit Kader Attia + Impressionen der Ausstellung


 

Pop kehrt aus USA nach Afrika zurück

 

Er betrachtet jede Wiederaneignung, jede Entwicklung überhaupt, als Prozess der Reparatur. Dieser Auffassung widmet er seine erste Einzelausstellung in Deutschland, eine Inszenierung in „fünf Akten“ für die KunstWerke (KW) in Berlin.

 

Der Auftakt ist freundlich-harmlos: Zu Afropop-Klängen werden Platten-Cover aus den 1960/70er an die Wand produziert. Dass Afrikas Popmusiker Rhythmen aus Amerika übernahmen, die verschleppte Sklaven dort weiterentwickelt hatten, weiß jeder Musikfreund. Daneben stehen mit Spiegelscherben beklebte, afrikanische Masken, damit „dem Besucher auf dem fremden Gesicht das eigene fragmentiert entgegenblickt“. Im engen Durchgang sieht man jedoch fast nichts.

 

Kriegsopfer neben Schmucknarben-Trägern

 

Überwältigend wirkt danach aber die Weiterentwicklung der documenta-Installation. Eine Diashow historischer WWI-Fotos stimmt auf das Thema ein. Dann steht man in einem Irrgarten aus Metall-Regalen, vollgestopft mit Fundstücken aller Art. Etwa dem eingeschlagenen Tonmodell eines „Banania“-Mohren, der in Frankreich seit 100 Jahren für ein Schoko-Getränkepulver wie „Nesquik“ wirbt – so naiv grinsend wie hierzulande der „Sarotti“-Mohr.

 

Antiquarische Bücher und Zeitschriften, von Attia mit Drahtklammern versiegelt, führen den rassistischen Geist der Epoche vor. Gleichmütig beäugt von enormen Kriegsopfer-Holzköpfen und Marmor-Büsten von Afrikanern mit Schmucknarben. Manche Parallelen zwischen entstellenden Kriegsverletzungen und als schön geltenden Deformationen sind verblüffend.

 

Tiere als Masken + Präparate

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier einen Bericht über einen „Rundgang durch das Fridericianum“ auf der dOCUMENTA (13) mit Werken von Kader Attia in Kassel

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Minkisi – Skulpturen vom unteren Kongo“ mit traditionellen, faszinierenden Nagel-Fetischen im Grassi Museum, Leipzig

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Afrika mit eigenen Augen“ über Gegner der kolonialen Sicht auf Afrika im Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts, Baden-Baden.

In beiden Fällen wird die Natur korrigiert; um den Ausgangs- oder einen anderen Zustand herzustellen. Wie in einem Anatomie-Atlas von 1850 für plastische Chirurgen, den Attia zwischen geflickte Spiegel hängt. Stets wollen Menschen die Natur beherrschen. Afrikanische Riten versuchen das mit Mimesis: Kräfte von Tieren sollen auf ähnlich gestaltete Maske übergehen. Europäische Jäger demonstrieren das mit Präparaten: Ausgestopfte Tiere künden von ihrer Treffsicherheit.

 

Selbst in der Tierwelt wird Aneignung praktiziert. Der australische Prachtleierschwanz kann nicht nur den Gesang anderer Vögel imitieren, sondern auch von Menschen erzeugte Geräusche – etwa das Klicken von Fotokameras oder das Röhren einer Kettensäge. Seine Überlebens-Chancen steigert das nicht; der Lärm dieser Eindringlinge kann ihm langfristig den Garaus machen.

 

Globalisierung braucht solche Kunst

 

Anders als im Theater runden sich diese fünf Akte nicht zu einer geschlossenen Fabel. Und des Künstlers Beharren, alle Entwicklung sei irgendwie als Reparatur zu verstehen, darf man getrost bezweifeln. Das mindert weder den ästhetischen noch intellektuellen Reiz seiner Arbeit: Die fünf Stationen sind gesättigt mit Wirklichkeit.

 

Attia spürt jede Menge Belege für verborgene Verbindungen zwischen Erster und Dritter Welt auf, die weitgehend vergessen oder kaum bekannt sind. In der Globalisierung, die einander fremde Kulturkreise miteinander konfrontiert, kann es gar nicht genug solche Kunst geben.


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