Venedig

Länderpavillons der 55. Biennale Venedig

Chile: Alfredo Jaar, 55. Biennale di Venezia. Foto: © Susanne Röllig, 2013

Venedig als Oligarchen-Spielwiese

 

Hier hat sich Jeremy Deller über separatistische Animositäten glücklicherweise hinweggesetzt und präsentiert eine materialreiche Recherche über die britische Gesellschaft. Der Turner-Preisträger von 2004 macht sich etwa über in London ansässige, russische Oligarchen lustig, die Venedig zu Biennale-Zeiten gern als private Spielwiese betrachten. Deller zeigt auch den genüsslich destruktiven Film „English Magic“ und sammelt Zeichnungen von Kriegsheimkehrern. Im Oberstübchen wird launig Tee serviert.

 

Spektakulär inszeniert sich auch der israelische Pavillon mit einem Video-Mehrkanal-Projekt von Gilad Ratman. Den Filmszenen ging eine Performance mit vielen Beteiligten voraus, in der aus Ton groteske Skulpturen geformt wurden. Zudem mischte Ratman während des Happenings aufgenommenen sounds zu einer eindrucksvollen Geräuschkulisse zusammenmischte. Zu besichtigen ist nun ein Gesamtkunstwerk, das eine Atmosphäre der Verunsicherung erzeugt und damit unterschwellig hochpolitisch wird.

 

Südamerikanische Staatenunion

 

Nur nostalgisch dagegen ist Matthias Poledna, der für den Österreichischen Pavillon einen Trickfilm im Stil der Disney-Animationen der 1940er Jahre produzieren ließ und mit einem alten Broadway-Gassenhauer unterlegte. Wunderschön anzusehen, aber etwas banal. Immerhin taugt er als erfrischende Reinigung der Sinne – Stichwort Reizüberflutung.

 

Während die zentrale Ausstellung „Il Palazzo Enciclopedico“ diesmal sehr rückwärtsgewandt ist, bieten die Pavillons immerhin ein Blick auf Gegenwarts-Künstler. So wird die Biennale 2013 zu einem guten Gesamtpaket, denn es gibt viel zu entdecken. Lateinamerika hat beispielsweise in Venedig schon eine Staatenunion gebildet und bespielt eine große Halle mit Videos und Installationen: „El Atlas del Imperio“

 

Bahamas begeistern sich für kaltes Klima

 

Simón Vega repräsentiert dort El Salvador mit einem Environment, dass er aus Treibgut und Strandfundstücken zusammengeflickt hat. Martín Sastre destilliert ein Parfüm aus den Blumen im Garten des Präsidenten von Uruguay, und für Bolivien sammelt Sonia Falcone Farbpigmente und Gewürze.

 

Die erstmalig teilnehmenden Bahamas hatte man bislang nicht auf der künstlerischen Landkarte verzeichnet. Durch das gezeigte Werk von Tavares Strachan darf sich der Inselstaat aber nun sehr umfassend repräsentiert fühlen dürfen: Tavares' Fotos, Installationen und Skulpturen erinnern in ihrer Begeisterung für kalte Klimazonen etwas an Olafur Eliasson.

 

Alfredo Jaar versenkt Giardini im Kanalwasser

 

Kanada zeigt skurrile Keramiken und Videoinstallationen von Shary Boyle. Der Chilene Alfredo Jaar ist ein alter Bekannter des Kunstbetriebs: Diesmal schaut er in die Zukunft Venedigs und lässt ein Modell der Giardini im Kanalwasser versinken. Vergangenheitsselig wirkt dagegen Ägypten: Der gezeigte Kulturkitsch fällt weit hinter den Aufbruch des „Arabischen Frühlings“ zurück, der vor zwei Jahren auch in Venedig präsent war.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der zentralen Biennale-Ausstellung "Der enzyklopädische Palast" in den Giardini + Arsenale, Venedig

 

und hier einen Bericht über die "Architektur - Biennale 2012" in den Giardini + Arsenale, Venedig

 

und hier eine Besprechung des Films "Das Venedig-Prinzip" - Doku über die Existenzkrise der Lagunen-Stadt von Andreas Pichler

 

Russland lässt Goldmünzen auf Frauen niederregnen, während sich Georgien mit einer Gruppenausstellung in der „Kamikaze Loggia“ eher von der sperrigen Seite zeigt. Japan recycelt einfach die Überbleibsel seines Beitrags zur Architekturbiennale 2012. Die skandinavischen Länder beschäftigen sich eingehend mit dem Umbau ihrer Pavillons, während Portugal gleich auf ein Schiff umzieht.

 

Taiwanese vertritt Tuvalu

 

Und Tuvalu? Der abgelegene Zwergstaat im Pazifischen Ozean ist zum ersten Mal dabei und wählt auch auf der Biennale einen Ort, wo nur selten jemand hinkommt: Mestre. Dort ist die Installation "Destiny Intertwined" aus Fotos und Pinguin-Skulpturen; angefertigt vom Taiwanese Vincent Huang.

 

Dorthin dürften sich nicht viele Besucher verirren: Venedigs unansehnliche Nachbargemeinde auf dem Festland wird von der Kunstmeute gemieden. Doch die Venezianer müssen längst hier wohnen, weil ihre Heimatstadt nicht nur in die Fänge der Touristen, sondern auch der Immobilienspekulanten geraten ist.


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