Robert Redford

The Company You Keep – Die Akte Grant

Der Anwalt Jim Grant (Robert Redford) telefoniert. Foto: © 2013 Concorde Filmverleih GmbH

(Kinostart: 25.7.) Terrorismus-Aufarbeitung à la „New Hollywood“: Nach 30 Jahren Inkognito-Existenz fliegt Robert Redford auf und flüchtet zu alten Kampfgenossen. Spannender, angenehm actionarmer Polit-Thriller mit brillanten Alt-Stars.

Eine US-Terroristin ist verhaftet worden. Wohlgemerkt: Kein Dschihadist, kein muslimischer Einwanderer, sondern die weiße US-Amerikanerin Sharon Solarz (Susan Sarandon), die in den Vereinigten Staaten Anschläge verübt hat – bis vor drei Jahrzehnten. Als Mitglied der „Weathermen“: Diese linksradikale Organisation kämpfte in den 1970er Jahren gegen den Vietnam-Krieg.

 

Info

The Company You Keep – Die Akte Grant

 

Regie: Robert Redford

121 Min., USA 2012

mit: Robert Redford, Shia LaBeouf, Terrence Howard, Julie Christie

 

Website zum Film

Solarz‘ Festnahme wirbelt Staub auf. Jungreporter Ben Shepard (Shia LaBeouf) enthüllt im Provinzblatt „Albany Sun Times“, dass der angesehene Anwalt Jim Grant (Robert Redford) früher ebenso ein „Weatherman“ war. Er steht bis heute auf der FBI-Fahndungsliste: gesucht wegen Mordes an einem Wachmann.

 

Entlastung durch Ex-Geliebte

 

Grant vertraut Tochter Isabel seinem Bruder Daniel Sloan (Chris Cooper) an und taucht ab. Er flieht quer durch den Nordosten der USA und spürt alte Gesinnungsgenossen auf, um die einzige Person zu finden, die ihn entlasten kann – seine frühere Geliebte Mimi Lurie (Julie Christie).


Offizieller Filmtrailer


 

Marihuana-Händler an der Börse

 

Seine Zickzack-Flucht inszeniert Hollywood-Legende Redford, der auch die Hauptrolle spielt, mit routinierter Brillanz: voller überraschender Wendungen und spannender Begegnungen. Die einstigen Kampfgefährten sind mehr oder weniger bürgerlich geworden: Holzhändler, Hochschul-Professor oder Marihuana-Großhändler, die an der Börse spekulieren.

 

Das Wiedersehen mit ihnen nutzt der bekennende Linke Redford, um über Motive und Mentalitäten der 1970er Jahre zu sprechen, als Engagement nicht nur im Job oder auf Wohltätigkeits-Basaren gefragt war.

 

Jugend im sinnlosen Krieg

 

„Wir lebten in einem Land, dessen Regierung junge Männer in einen sinnlosen Krieg schickte“, erklärt die Gefangene Solarz dem faktenhungrigen Shepard. Alle hatten ein existentielles Interesse, ihn zu beenden: „Jeder kannte jemanden, der oder dessen Bruder im Krieg gefallen oder schwer verletzt worden war.“

 

Also eine Art Vergangenheitsbewältigung oder 68er-Aufarbeitung auf Amerikanisch. Dass sie recht nüchtern gerät, liegt weniger an der geringeren Bedeutung der „Weathermen“: Sie waren nie so gefürchtet wie die „RAF“ oder die italienischen „Brigade Rosso“, weil sie zwar Brandanschläge und Banküberfälle ausführten, aber keine Morde an politischem Führungspersonal.

 

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Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Das Wochenende“ – über einen Ex-RAF-Terroristen von Nina Grosse mit Sebastian Koch

 

und hier einen Bericht über den Film „Die wilde Zeit“ – über die Ära französischer K-Gruppen der 1970er Jahre von Olivier Assayas

 

und hier eine Rezension des Films “The Black Power Mixtape 1967 – 1975″ – fesselnde Doku über die US-Bürgerrechtsbewegung von Göran Hugo Olsson.

Auch wurden die „Weathermen“ weniger hysterisch gejagt: Die USA schlagen sich schon seit 200 Jahren mit militanten Zirkeln herum, die zu den Waffen greifen. Doch Redfords Rückblick auf radikale Zeiten fällt wohl deshalb so unaufgeregt aus, weil sie passé sind. „Wenn ich meinen Studenten von der Bürgerrechts-Bewegung erzähle, hören sie andächtig zu und klatschen brav“, so Geschichts-Dozent Jed Lewis (Richard Jenkins): „Dann updaten sie ihr Facebook-Profil, und schon haben sie alles vergessen.“

 

Der Film nimmt das hin; weder belehrt er oder beklagt etwas, noch geht er auf die Suche nach dem verlorenen Engagement. Stattdessen zieht er noch einmal alle Register von „New Hollywood“: schnörkellos realistischer Plot, präzise Charakterzeichnung, pointierte Dialoge und ein Ensemble ausdrucksstarker Alt-Stars, die newcomer Shia LaBeouf als karrieregeilen Journalisten glatt an die Wand spielen.

 

Topfitte Region + Schauspieler

 

Solche Qualitäten eines kommerziell erfolgreichen Kinos mit menschlichem Antlitz sind mittlerweile genauso selten wie schießwütige westliche Weltverbesserer. Daran erinnert Redford ebenso wie an den Schauwert des US-Nordostens: Wann wurde das letzte Mal der vernachlässigte und verarmte rust belt so opulent auf der Leinwand ausgebreitet?

 

Diese Region mag ebenso viele Falten und Altersflecken haben wie die Schauspieler-Riege, doch sie sind noch topfit – wie Redford in den Wälder Michigans bei einem finalen Dauerlauf mit seinen Verfolgern auf den Fersen beweist.


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