Berlin

Antes: Malerei 1958 – 2010

Für Salomea, 1973. Foto: © VG Bild-Kunst, Bonn, 2013 / Quelle: Martin Grpoius Bau, Berlin

König der Kopffüßler: Horst Antes’ Geschöpfe bevölkerten die alte Bundesrepublik und verschwanden nach 1990 aus dem Blickfeld. Der Martin-Gropius-Bau wagt nun eine Wiederentdeckung, die den Geist einer untergegangenen Epoche heraufbeschwört.

Dass der Martin-Gropius-Bau ein “Ort der Wiederentdeckung und Neubewertung” des Werkes von Horst Antes sein will, mutet seltsam an. Er war ein Star-Maler der alten Bundesrepublik; kein westdeutsches Museum für Gegenwartskunst, dass nicht seine Gemälde gezeigt hätte.

 

Info

Antes:
Malerei 1958 – 2010

 

14.06.2013 -  16.09.2013

täglich außer dienstag

10 –19 Uhr

im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, Berlin

 

Katalog 29,80 €

 

Weitere Informationen

 

Doch mit dieser Ausstellung fällt auf: Antes’ Bilder, in den 1970/80er Jahren noch allgegenwärtig, sind seit der Jahrtausendwende kaum mehr präsent. Sein Markenzeichen waren Kopffüßler: Riesige Schädel mit gezacktem Profil, großen irrlichternden Augen und fast ohne Rumpf. Ihre Beine, massiv wie Baumstämme, und Arme entsprangen direkt unter dem Kinn.

 

Figuren schälen sich aus Abstraktion

 

In dieser Retrospektive von rund 100 Werken lässt sich gut nachvollziehen, wie Antes zu diesen Wesen fand: Aus informell-abstrakten Anfängen in grellen Farben schält er um 1960 allmählich Figuren heraus. In der Serie “Die roten Majas” sind es noch angedeutete, deformierte Frauenleiber, die auf der Leinwand überzuquellen scheinen.


Impressionen der Ausstellung


 

Zeitlos entrückte Gestalten

 

Mitte des Jahrzehnts entwickelte Antes sie zu klar konturierten Kopffüßlern weiter, die in gedämpften Farben fortan seine Gemälde bevölkern. Sie variiert er in zahllosen Gesten, Gliedern und Konstellationen.

 

So unterschiedlich die Motive sind, wirken die Gestalten doch stets fremdartig; etwas zeitlos Entrücktes geht von ihnen aus – wie Statthalter des Menschen an sich. Was Antes noch durch oft verwendete Beigaben verstärkt: Treppengiebel, Spermienfäden oder gezackte Schlangen.

 

Figurativ in kopflastiger Epoche

 

Die übernimmt er von den Hopi und anderen indianischen Kulturen, deren Artefakte er sammelt. Dagegen mögen die leeren, aber streng geometrisch konstruierten Räume und Flächen, in denen die Figuren postiert sind, durch frühe italienische Renaissance-Malerei und die Architektur der Toskana inspiriert sein: Anfang der 1970er Jahre zog Antes auf ein Weingut zwischen Florenz und Siena.

 

Seine leicht zugänglichen und zugleich symbolisch verrätselten Bilder waren damals sehr populär; gern wurden sie als Illustrationen benutzt. Sei es, weil er – wie der ähnlich erfolgreiche Horst Janssen – zu einer Zeit figurativ malte, in der viele Künstler nur dürre Konzept-Konstruktionen boten. Sei es, weil er Merkmale der Epoche festhielt: kopflastige Theorieseligkeit und das Gefühl, in einer erstarrten Welt zu hausen, in der es kein richtiges Leben im falschen gibt.

 

Häuser ohne Wiedererkennungswert

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung “geteilt | ungeteilt: Kunst in Deutschland 1945 bis 2010” mit Werken von Horst Antes im Albertinum, Dresden

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung “Der geteilte Himmel: Die Sammlung 1945–1968” mit Kunst aus der Nachkriegszeit in der Neuen Nationalgalerie, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Spiel mit der Meisterschaft” zum Werk von Horst Janssen im Museum der bildenden Künste, Leipzig.

 

In den 1980er Jahre wendet sich allmählich Antes von seinen Geschöpfen ab: Sie werden zu leeren Silhouetten und Schemen, bis sie ganz verschwinden. Nach Falkland-Krieg und Nachrüstungs-Debatte gestaltet er seine Bilder zusehends dunkler, monochromer und statischer. Nun sind Häuser sein bevorzugtes Motiv: als Grundformen aus wenigen Linien, häufig zu Gruppen gestaffelt.

 

Die Ausstellung stellt auch dieses wenig bekannte Spätwerk ausgiebig vor. Es hinterlässt blasse Eindrücke; den minimalistischen Kompositionen fehlt die unverwechselbare Handschrift. Man könnte auch sagen: der Wiedererkennungswert, den Antes’ Kopffüßler bis heute haben – obgleich der sich in ihrer Aufreihung zu Dutzenden in der Werkschau etwas abnutzt.

 

Kopffüßler auf Weinflaschen

 

Beiden Werkphasen ist gewiss gemeinsam, dass sie existentiellen Ernst verströmen. Dieser Malerei geht es ums große Ganze, um profunde Darstellungen der conditio humana. Damit hat sie es heutzutage schwer.

 

Der Kunstbetrieb hat sich von diesem Modell abgewendet: Kulturkritik in der sinnenfrohen Toskana-Fraktion – Antes hat auch Weinflaschen-Etiketten gestaltet – und Räsonnieren über letzte Fragen. Eben all das, was das geistige Leben der alten Bundesrepublik in seinen besten Momenten ausmachte.


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