Jean Dujardin

Die Möbius Affäre

Grégory Lioubov alias Moïse (Jean Dujardin) und Alice (Cécile de France) beginnen eine leidenschaftliche Affäre miteinander. Foto: © 2013 PROKINO Filmverleih GmbH

(Kinostart: 1.8.) Ein Möbiusband hat nur eine Seite und ist nicht orientierbar. Wie die Figuren im Film von Éric Rochant: Mit aktuellem Finanzkrise- und Geldwäsche-Plot interpretiert er gelungen das Genre des eleganten Spionage-Thriller neu.

Wer auf einem Möbiusband läuft, kann nicht die Seiten wechseln. In dieser Gewissheit inszeniert Regisseur Éric Rochant eine sehr gegenwärtige Spionagegeschichte. Da stehen zwar immer noch Russen gegen Amerikaner, doch der bilaterale Gegensatz von früher ist passé. Der Film observiert einen Geheimdienst-Coup von heute, der die Seitenzugehörigkeit in Zeiten der globalen Finanz- und Informationskrise infrage stellt.

 

Info

Die Möbius Affäre

 

Regie: Eric Rochant

103 Min., USA 2013

mit: Jean Dujardin, Cécile de France, Tim Roth, Aleksei Gorbunov

 

Website zum Film

 

Aber zurück aufs Möbiusband. Dieser scheinbar dreidimensionale Ringkörper hat tatsächlich nur eine Seite. Anders als bei einem gewöhnlichen Ring ist hier das Band einmal um 180 Grad gedreht – mit phänomenalen Folgen.

 

Agenten anstelle von Vektoren

 

Verschlungen im Raum, besitzt das Möbiusband nur eine Fläche und Kante. Es ist nicht orientierbar, würde die Differential-Geometrie sagen. „Die Möbius Affäre“ spielt aber in der Welt von CIA und FSB. Hier werden keine Vektoren verschoben, sondern Agenten und Informanten.


Offizieller Filmtrailer


 

Derivate-Trader in der Oligarchen-Bank

 

Deren Nicht-Orientierbarkeit äußert sich in totaler Orientierungslosigkeit. Die sie nicht so schnell merken, denn sie glauben, sie befinden sich auf einer fassbaren Fläche. Doch der Raum krümmt sich.

 

Alice Redmond (Cécile de France) hat sich bisher an der Krümmung eher finanzieller Welten beteiligt. Als trader und Entwicklerin dubioser Derivate hatte sie die US-Bankenkrise mitverantwortet und ist auch ein bisschen stolz darauf. Als Bauernopfer musste sie dann aber abtauchen und stellt ihre Expertise nun in den Dienst einer Bank des russischen Gas-Investors Ivan Rostovski (Tim Roth); die versucht von Monaco aus, sein schmutziges Geld zu waschen.

 

FSB-Spion gegen CIA-Informantin

 

Der Top-Spion Grégory Lioubov alias Moïse (Jean Dujardin) soll im Auftrag des KGB-Nachfolgers FSB Beweise für die kriminellen Machenschaften Rostovskis sammeln. Er versucht, in einer verdeckten Aktion Alice als Maulwurf zu instrumentalisieren. Doch einige Beteiligte spielen ein doppeltes Spiel.

 

Alice hat sich bereits von der CIA anwerben lassen, die Rostovski ebenfalls das Handwerk legen will. Der ist natürlich aus tiefster Oligarchen-Seele misstrauisch gegenüber allen Fremden, die sich allzu sehr für seine Geschäfte interessieren. Den weiblichen Reizen von Alice kann er sich jedoch nicht entziehen.

 

Eisiger Digitalüberwachungs-Krieg

 

Moïse hat zwar die Geheimdienstarbeit von der militärischen Pike auf gelernt hat und ist seinem väterlichen Boss (der freilich auch etwas im Schilde führt) bedingungslos ergeben. Doch er erlebt so etwas wie eine Sinnkrise, die ihn die goldene Regel verletzen lässt: Er verliebt sich in seinen Lockvogel.

 

Zurück aufs Möbiusband. Doppelte Spiele funktionieren hier noch weniger als im gewohnten Katz-und-Maus-Spiel früherer Geheimdiensttage, als der Krieg zwar kalt war, aber nicht so eisig wie in der heutigen digitalen Überwachungsrealität. Trauen konnte man damals seinen Feinden mehr als heutzutage den vermeintlichen Freunden. Aber die Lust am Spiel ist die gleiche geblieben.

 

Versatzstück cool-charmante Verführerin

 

Alice reizt der Nervenkitzel; Skrupel hat sie erst, als es schon zu spät ist. Und Moïses Nibelungentreue wird erst angekratzt, als er Liebe spürt. Dass beide ein happy end erwartet, wäre allerdings zu kurz gedacht. Sie müssen erfahren, dass es auf dem Möbiusband weder ein Oben noch ein Unten, ein Rechts oder Links gibt, geschweige denn ein Ende.

 

Der französische Regisseur Éric Rochant hat „Die Möbius Affäre“ als eleganten Thriller gedreht. Den klassischen Versatzstücken des Genre bleibt er treu: Es gibt Träumer und Rächer, Lügner und Verräter. Im Zentrum strahlt wie beim Vorbild Alfred Hitchcock eine schöne, blonde Frau: Die Belgierin Cécile de France gibt die Finanzjongleurin als cool-charmante Verführerin.

 

Jean Dujardin als Antwort auf Clooney

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Dame König As Spion“ brillante Verfilmung des Agenten-Romans von John le Carré

 

und hier eine Rezension des Films „Die vierte Macht“ von Dennis Gansel mit Moritz Bleibtreu als deutschem Journalisten in den Mühlen des russischen Geheimdienstes

 

und hier einen Bericht über den Film „Shanghai“ – grandioser Spionage-Thriller alter Schule von Mikael Hafström mit Gong Li + Franka Potente.

 

Sie macht den Film auch zur romantischen Liebesgeschichte. Jean Dujardin, der sich nicht auf Kunstfiguren wie im Neo-Stummfilm „The Artist“ festlegen will, ist ihr perfekter Partner; er macht sich gut als französische Antwort auf George Clooney.

 

Tim Roths Ähnlichkeit mit Roman Abramowitsch schlägt den Bogen in eine Realität, in der die Oligarchen in Russland reich werden, in Steueroasen ihr Geld vermehren und sich schließlich nach England flüchten, wenn ihre Beziehungen zu Staat und Macht abkühlen.

 

Spionagefilm hat große Zukunft

 

Vor den Kulissen eines opulenten Monte Carlos, eines prosperierend großtuerischen Moskaus und eines irgendwie EU-mäßig abgehalfterten Brüssels gelingt der „Möbius Affäre“ erfolgreich die Neuinterpretation des Spionagefilms. Rochant hatte sich 1994 in „Staatsauftrag: Mord“ schon einmal mit diesem Thema befasst.

 

Die Zeiten haben sich geändert, doch der Regisseur glaubt, „dass das Genre noch eine große Zukunft hat. Das wird es so lange geben, wie es Spionage gibt.“ Die hat sich schließlich aus der Politik nur in die Ökonomie verlagert; mit NSA und PRISM ist sie aus einem eher fiktional anmutenden Spartendasein aber auch ins Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung geraten.


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