Sebastián Lelio

Gloria

Gloria (Paulina Garcia) tanzt für ihr Leben gerne. Foto: Alamode Film

(Kinostart: 8.8.) Publikumsliebling der Berlinale 2013: Gloria tanzt für ihr Leben gern und lässt sich von Männern nichts gefallen. Für ihre mitreißende Rolle einer starken Frau erhielt Hauptdarstellerin Paulina García zurecht den Silbernen Bären.

Gloria (Paulina García) tanzt für ihr Leben gern. Einmal pro Woche macht sie sich schick für die Senioren-Disko; dort muss sie nie lange warten, bis sie von einem der Herren aufgefordert wird. Meistens bleibt es beim Tanz. In ihrem Alter, mit 58 Jahren, geht frau nicht mehr mit jedem mit. Und die Herren wollen lieber etwas Jüngeres.

 

Info

Gloria

 

Regie: Sebastián Lelio,

110 Min., Chile/Spanien 2012;

mit: Paulina García, Sergio Hernández, Diego Fontecilla

 

Website zum Film

Eines Tages aber lernt sie Rodolfo (Sergio Hernández) kennen. Er ist sieben Jahre älter und anscheinend wie sie auf der Suche nach echter, tiefer Liebe und Geborgenheit. Er ist außerdem wie sie geschieden, hat erwachsene Kinder und bewundert Gloria uneingeschränkt. Doch nach der ersten Verliebtheit kommt leider der Alltag ins Spiel; vor allem Rodolfos Familie, die ihn nicht aus ihren Klauen lässt.

 

Als Verführerin zu alt, als Oma zu jung

 

Außer in Hollywood-Komödien für die best ager-Zielgruppe sind Frauen zwischen 50 und 60 Jahren selten Hauptfiguren eines Films: als Verführerinnen zu alt, aber noch zu jung für die nette Oma. Der chilenische Regisseur Sebastián Lelio (Jahrgang 1974) hatte daher die Generation seiner Mutter vor Augen, als er das Drehbuch für „Gloria“ schrieb.


Offizieller Filmtrailer


 

Nur die altmodische Brille stört

 

„Chile ist voll von Glorias“ stellt er fest: Frauen, die harte Zeiten durchgemacht haben, oft ihre Bedürfnisse zurückstecken mussten, aber sich nie haben unterkriegen lassen. So ist auch diese Gloria eine Kämpferin, die keine Kompromisse mehr machen will.

 

Ihren Bürojob macht sie nur halbherzig; lustlos kümmert sie sich um die haarlose Katze des Nachbarn, wenn der gerade mal wieder Depressionen hat. Wenn sie aber ausgeht oder bei Freunden zu Besuch ist, schillert sie, ist unbeschwert und witzig. Nur ihr altmodisches Brillengestell stört das Gesamtbild.

 

Telefon-Terror der Ex-Familie

 

Mit Rodolfo erlebt sie so etwas wie den dritten Frühling mit Bauchkribbeln, Knutschen und endlich wieder Zärtlichkeit und Sex. Aber er kann und will sich offenbar nicht von seiner alten Familie lösen, die ihn ständig mit Anrufen terrorisiert. Er traut sich noch nicht einmal, ihr die Beziehung zu Gloria zu offenbaren.

 

Die stellt ihn ihren Kindern und Freunden vor und zeigt ihm ungewollt eine Welt, der er sich nicht zugehörig fühlt. Als Ex-Militär und jetziger Besitzer eines Freizeitparks für Paintball-Spieler fühlt er sich sichtbar unwohl beim Anblick halbwegs funktionierender Freundes- oder Familien-Beziehungen.

 

Frauen- und Landes-Porträt

 

So verlässt er die Geburtstagsfeier von Glorias Sohn, ohne sich zu verabschieden. Auch ein romantisches Wochenende am Meer bricht er sang- und klanglos nach einem Hilfe-Anruf seiner Tochter ab. Gloria bleibt allein im Hotel zurück, um nach einer feucht-fröhlichen Nacht mit einem Fremden am Strand aufzuwachen.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Englisch für Anfänger“ – Multikulti-Komödie über die Emanzipation einer indischen Frau von Gauri Shinde

 

und hier einen Bericht über den Episoden-Film „Paulista“ von Roberto Moreira über Liebesglück und -leid von Großstädtern in São Paulo

 

und hier einen Beitrag über den Film “Medianeras” von Gustavo Taretto über argentinische Singles auf Partnersuche.

 

Zurecht war „Gloria“ ein Publikums -und Kritikerliebling der diesjährigen Berlinale; Hauptdarstellerin Paulina García bekam verdient den Silbernen Bären als beste Schauspielerin. Denn der Film zeichnet neben dem eindringlichen Porträt einer starken Frau auch ein Stimmungsbild des heutigen Chile.

 

Topfschlagend auf dem Balkon

 

Da unterhält man sich unter Freunden über den geistigen Reichtum des Landes vor der Pinochet-Diktatur, während auf der Straße die Trillerpfeifen protestierender Studenten schrillen. Und als Gloria wieder einmal verzweifelt zu Hause sitzt, ertönt draußen plötzlich unheimlicher Lärm. Sie holt aus der Küche Topf und Löffel und stellt sich wie alle Nachbarn topfschlagend auf den Balkon.

 

Dieser Filmheldin ist nichts egal. Obwohl sie viel verkraften kann, lässt sie sich nichts (mehr) gefallen. Vielleicht ist sie eine Parabel für Lelios Heimat, oder auch nur das eindringliche vitale und deswegen mitreißende Porträt einer Frau, die sonst nicht mehr im Focus steht.

 

Trotz der Tiefschläge und Wirren ihres Lebens bleibt sie gelassen. Glorias Stärke und Unbeirrtheit machen den Film zu einem Ereignis. Man ist ganz bei ihr, fühlt mit und sich gleichzeitig auch wohl. Und wenn sie am Ende zu „ihrem“ Lied richtiggehend abtanzt, weiß man, dass alles gut wird.


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