Aron Lehmann

Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel

Kohlhaas (Jan Messutat) zeigt dem Rest der Welt, was er von ihr hält. Foto: missingFILMs

(Kinostart: 8.8.) Geschichte wiederholt sich: Ein Team will unbedingt die Kleist-Novelle verfilmen und scheitert genauso an der Realität wie die literarische Figur. Leider verwässert Regisseur Aron Lehmann seine Film-im-Film-Idee mit schalen Gags.

Endlich geht es los! Nach langer Vorbereitung verfilmt Jung-Regisseur Lehmann (Robert Gwisdek) sein Herzensprojekt: die Novelle „Michael Kohlhaas“ von Heinrich von Kleist. Ein Historien-Epos soll es werden, mit Pferden und Schwertkämpfen, Feuer und vielen Statisten.

 

Info

Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel

 

Regie: Aron Lehmann

90 Min., Deutschland 2012

mit: Robert Gwisdek, Jan Messutat, Thorsten Merten

 

Weitere Informationen

Erschöpft, aber begeistert berichtet Lehmann vor der Making-of-Kamera vom ersten, gelungenen Drehtag. Da unterbricht ihn ein Anruf des Produzenten: Die Finanzierung ist geplatzt. Requisiten fallen weg, Schauspieler springen ab: Das Filmprojekt steht vor dem Aus.

 

Konrad-Wolf-Abschlussfilm

 

Damit beginnt „Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ des echten Regisseurs Aron Lehmann. Er inszeniert seine Abschlussarbeit für die Filmhochschule „Konrad Wolf“ als doppelbödiges Film-im-Film-Projekt.


Offizieller Filmtrailer


 

Vorstellung ersetzt Requisiten

 

Zum einen geht es um Kleists Kohlhaas-Figur: den gedemütigten Pferdehändler, der einen Rachefeldzug gegen Ungerechtigkeit beginnt, Tod und Zerstörung sät und am Ende alles verliert. Doch er stirbt in Frieden, weil er für seine Überzeugung gekämpft hat.

 

Zugleich handelt der Film von Lehmanns alter ego: einem Regisseur, der so sehr an die Kraft seiner Träume glaubt, dass er sein Rest-Team mit ungebrochenem Optimismus dazu bringt, mit bloßer Vorstellungskraft fehlende Requisiten und Kulissen zu ersetzen – in einer Zerreißprobe zwischen Vision und Wirklichkeit.

 

Zwei aufbegehrende Visionäre

 

Spielszenen und fiktives Making-of-Material wechseln einander ab und verbinden beide Ebenen: Der literarische Kohlhaas und der Jung-Regisseur sind beide unerschrockene Visionäre, die gegen eine gegebene Situation aufbegehren und die Wirklichkeit mit allen Mitteln verändern wollen.

 

Dabei kommt Film-Lehmann anfangs gut voran. Der Bürgermeister eines bayerischen Dorfs nimmt das Team auf und verspricht Hilfe; die Aussicht, an einem Film mitzuwirken, begeistert alle Dörfler.

 

Kühe reiten + in Dorfkneipe schlafen

 

Doch die Realität sieht wenig glamourös aus: Das Matratzenlager in der Dorfkneipe ist eine Zumutung, der Kohlhaas-Darsteller (Jan Messutat) muss mangels Pferd auf einer Kuh reiten, freiwillige Feuerwehr und Blaskapelle werden zu Komparsen, Bürgermeister und Kneipenwirt zu Hauptdarstellern.

 

Immer wieder gelingen Aron Lehmann schöne Momente, die Einbildung und Wirklichkeit miteinander verschränken. In einer der besten Szenen führt der verzweifelte Film-Lehmann seine Schauspieler und Laien in den Wald und motiviert sie zu einer fiktiven Kampfszene: Mit leeren Händen stürzen sich die Akteure auf Bäume und in die Luft.

 

Gefühltes ist nicht lächerlich

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Hitchcock“ von Sacha Gervasi mit Anthony Hopkins über die verwickelte Entstehungs-Geschichte von „Psycho“

 

und hier einen Bericht über den Film „Ins Blaue“ – deutsch-italienische Film-im-Film-Tragikomödie von Rudolf Thome mit Vadim Glowna

 

und hier ein Interview mit Rudolf Thome über die Kunst des Filmemachens mit low oder no budget.

 

Toneffekte, Musik und Schnitt zaubern daraus eine echte Schlacht, die im fertigen Film auch in der Vorstellungskraft der Zuschauer durchaus funktioniert. „Wenn man es fühlt, dann ist es nicht lächerlich!“, sagt Film-Lehmann zu seinen Darstellern. Er berührt damit einen elementaren Konflikt aller Kunst, mit dem sich schon viele Visionäre, nicht nur in der Kunst, auseinandersetzen mussten.

 

Anders als sein alter ego im Film aber traut der echte Regisseur Lehmann seinem Plot anscheinend nicht genug. Er reichert ihn mit allerlei gesuchten und vorhersehbaren Gags an – als wäre die Kluft zwischen Vision und Realität nicht schon skurril genug.

 

Ironische Filmemacher-Klamotte

 

Das Ergebnis wird zur ironischen Klamotte über die Mühsal des Filmemachens, was beiden Ebenen des Filmes schadet. Der Film-Lehmann nicht mehr ernst zu nehmen: Er wirkt wie ein Hanswurst, dem man die Umsetzung eines Literatur-Klassikers weder mit noch ohne Geld zutraut.

 

Und die Ernsthaftigkeit, die für die Interpretation des Kohlhaas-Stoffes nötig wäre, will sich vor lauter Scherzen nicht mehr einstellen. So verrät Regisseur Aron Lehmann letztlich den Visionär in sich selbst: Pures Einfühlen in große Gescheiterte schützt nicht vor Lächerlichkeit.


Diesen Artikel drucken