Umut Dağ

Kuma

Fatma (Nihal Koldas) und Ayse (Begüm Akkaya). Foto: © WEGA Filmproduktion/ Quelle:Filmladen

(Kinostart: 8.8.) Zweitfrau-Export aus Anatolien: Die junge Ayse soll in Wien eine Familienmutter ersetzen, wenn sie stirbt. Mit subtilen Andeutungen erzählt der kurdisch-österreichische Regisseur Umut Dağ in seinem Debüt vom Konflikt der Kulturen.

Alle tanzen und sind fröhlich: Es ist eine richtige anatolische Hochzeit. Tochter Ayse (Begüm Akkaya) heiratet nach Österreich; dort wird sie es besser haben als in ihrem kleinen anatolischen Dorf. In Wien heißt Schwiegermutter Fatma (Nihal Koldaş) das neue Familienmitglied herzlich willkommen. Die Anderen bleiben merkwürdig reserviert.

 

Info

Kuma

 

Regie: Umut Dağ,

 93 Min., Österreich 2012;

mit: Nihal Koldas, Dilara Karabayir, Begüm Akkaya

 

Website zum Film

Dann wird das Bett für die Hochzeitsnacht bereitet. Nicht Sohn Hasan geht ins Schlafzimmer, sondern Vater Mustafa. Ayse ist seine Kuma; eine Zweitfrau als Altersversicherung, denn Ehefrau Fatma hat Krebs und fürchtet um den Zusammenhalt der Familie nach ihrem Tod. Zugleich braucht sie eine Pflegerin für sich selbst. Deshalb hat sie diese Hochzeit arrangiert; die junge Braut kennt ihre Aufgaben in der neuen Familie.

 

Freundschaft von Erst- + Zweitfrau

 

Trotz des Altersunterschieds − Fatma ist Anfang 50, Ayse erst 19 Jahre alt − verbindet beide Frauen bald ein vertrautes, freundschaftliches Verhältnis. Geduldig versieht Ayse ihre Pflichten im Haushalt und versucht, sich mit Fatmas Töchtern anzufreunden. Die sind mit der Situation völlig überfordert und lassen ihren Unmut an der jungen Frau aus. Erst als Ayse ihr erstes Kind bekommt, glätten sich die Wogen.


Offizieller Filmtrailer


 

Rares Familien-Phänomen

 

Dann kommt alles anders: Fatma wird als geheilt aus dem Krankenhaus entlassen, und Mustafa stirbt. Ayse nimmt einen Job in einem türkischen Lebensmittelladen an; dort verliebt sich ihr Kollege Osman (Berk Kristal) in sie. Beide haben eine Affäre, die entdeckt wird, bevor Ayse das Verhältnis beenden kann. Fatma fühlt sich verraten und attackiert die vorher so geschätzte Kuma: Nicht nur ihre Familie, sondern ihr ganzes Weltbild scheint zu zerbrechen.

 

In seinem Debütfilm erzählt der kurdisch-stämmige österreichische Regisseur Umut Dağ vom Zusammenprall der Kulturen und Generationen. Am Beispiel des auch in der Türkei raren Phänomens der Zweitfrau bietet Dağ einen intimen Einblick in eine traditionelle Familie und ihren Umgang mit Unbekanntem − in diesem Fall dem neuen Familienmitglied.

 

Wohnung so eng wie Bergdorf

 

Die Mutter trifft zunächst eine sehr ungewöhnliche Entscheidung, ist aber auch Bewahrerin traditioneller Werte und Moralvorstellungen. Dagegen entdeckt Ayse allmählich das Leben in einem fremden Land und mögliche Freiheiten. Das erweitert der Film zu einem subtilen Porträt mehrerer Frauen, die in zwei unterschiedlichen Kulturen leben.

 

Ayse bleibt anfangs in der Wohnung ihrer neuen Familie isoliert. Es ist schwer erträglich, zu sehen, mit welch sanfter Gleichmut sie ihrer Situation begegnet. Aufgewachsen in der Abgeschiedenheit eines anatolischen Bergdorfs, scheint ihr die räumliche Enge, die Kameramann Carsten Thiele wunderbar einfängt, nichts auszumachen.

 

Stille Provokationen

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Nach der Revolution – After the Battle – Polit-Drama zur Revolution in Ägypten von Yousry Nasrallah

 

und hier einen Bericht über den Film „Jahreszeit des Nashorns – Gergedan Mevsimi – brillantes Psychodrama über Exil-Iraner von Bahman Ghobadi

 

und hier eine Rezension des Films „Babamin Sesi – Die Stimme meines Vaters“ von Orhan Eskiköy + Zeynal Doğan über kurdische Aleviten in der Türkei.

Das ist ideal für Fatma, die Ayse wohl auch deshalb mag, weil sie sich nie beschwert. Dabei ist die Mutter keine Tyrannin; sie glaubt, dass ihre Familie nur funktionieren kann, wenn sie sich an Traditionen hält. Als der Ernährer stirbt, muss Fatma Kompromisse eingehen und Ayse erlauben, zu arbeiten. Die entdeckt dabei echte Zuneigung und Leidenschaft. Fatmas Gegenreaktion ist Ausdruck ihres uneingestandenen Ohnmachtsgefühls.

 

„Kuma“ ist ein sehr dichter und auf stille, zurückgenommene Art auch provokativer Film. Anders als beispielsweise Fatih Akins wuchtiges Drama „Gegen die Wand“ setzt Regisseur Dağ auf Zwischentöne und belässt es oft bei subtilen Andeutungen. Allerdings wirkt die Geschichte teilweise dramaturgisch auch ein wenig überfrachtet.

 

Trotzdem nimmt der Film den Zuschauer gefangen, was vor allem am intensiven Spiel der beiden Hauptdarstellerinnen liegt. Man kann die Beweggründe beider Frauen verstehen und bekommt als Außenstehender eine Ahnung, wie schwierig es für sie sein muss, zwei so unterschiedliche Kulturen miteinander zu vereinbaren.


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