Hamburg

Maria Lassnig : Der Ort der Bilder

Maria Lassnig: Selbstporträt mit Stab, 1971. Öl und Kohle auf Leinwand. Courtesy der Künstlerin Foto: UMJ / N. Lackner/ Quelle: Deichtorhallen Hamburg

Körper-Bilder aus Österreich ohne Blut-Happenings: Die Malerin Maria Lassnig hat in ihren Bildern und Filmen stets ihrem Körpergefühl nachgespürt. In den Deichtorhallen ist nun eine hervorragende Retrospektive ihres Lebenswerks zu sehen.

In Österreich scheint das Verhältnis zum Körper ein besonders fleischliches zu sein. Künstler des so genannten Wiener Aktionismus wie Hermann Nitsch oder Otto Muehl machten den Körper, seine Organe und vor allem Blut zum Gegenstand drastischer Happenings und Performances.

 

Info

 

Maria Lassnig: Der Ort der Bilder

 

21.06.2013 – 08.09.2013

täglich außer montags

11 bis 18 Uhr

in den Deichtorhallen, Deichtorstraße 1-2, Hamburg

 

Weitere Informationen

 

Nitsch verspritzte es hektoliterweise in seinem „Orgien-Mysterien-Theater“. Rudolf Schwarzkoglers fotografische Inszenierungen der Körperverstümmelung gebaren die Legende, er habe sich das eigene Geschlechtsteil amputiert. Und Günter Brus’ legendäre letzte Aktion in dieser Tradition der künstlerischen Selbstentledigung hieß „Zerreißprobe“ – so wirkte sie denn auch auf die Wiener Öffentlichkeit.

 

Betrachtung anstelle von Auslöschung

 

Wie Brus hat auch Maria Lassnig ihre Wurzeln im Post-Expressionismus der Nachkriegsjahre und in der informellen Malerei der 1950er Jahre, ehe sie sich physischeren Aspekten zuwandte. Anders als bei den Aktionisten führte ihr Interesse am Körper sie aber nicht zur Inszenierung seiner Auslöschung, sondern zur motivischen Betrachtung. Lassnigs Thema ist ihr Körper, wie sie ihn spürt: Er wird zum spirituellen und emotionalen Material.


Impressionen der Ausstellung


 

Goldener Biennale-Löwe für Lebenswerk

 

Derzeit wird Maria Lassnig wiederentdeckt. In diesem Jahr wurde sie auf der Biennale von Venedig mit dem Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk geehrt. „Seit mehr als sechzig Jahren erforscht Lassnig in ihren Gemälden die Repräsentation des Körpers wie des Individuums“, erklärte Biennale-Direktor Massimiliano Gioni: für eine „persönliche Enzyklopädie der Eigendarstellung und Malerei als Instrument der Selbstanalyse.“

 

In den Hamburger Deichtorhallen ist nun eine repräsentative Auswahl von mehr als 100 Arbeiten dieses enzyklopädischen Lebenswerks zu sehen. Die Retrospektive stellt eindrucksvoll unter Beweis, wie radikal Lassnigs malerische Selbstbefragung ist; damit vertritt die 93-Jährige eine einzigartige Position in der Kunstgeschichte.

 

Körper transformiert sich oft in Apparate

 

Ihre Laufbahn begann 1951 in Wien im Umfeld von Künstlern wie Arnulf Rainer und Ernst Fuchs. Als Individualistin wollte sie sich jedoch keiner Gruppe anschließen. In ihrer Arbeit folgte Maria Lassnig lieber ihrem ausgeprägten Körpergefühl, dem sie schon ab 1948 mit ersten body awareness paintings Ausdruck verlieh.

 

Dieses Körpergefühl erforscht Lassnig weniger als intellektuelles Konzept denn als zeichnerische und malerische Handlung. Im Zentrum ihrer Bilder steht sie selbst mit ihrem Körper, der sich oft in Apparate zu transformieren scheint. Er ist auch ein Resonanzkörper ihrer Empfindungen. Lassnigs unaufhörliche bildnerische Introspektive ist nicht egozentrisch; sie versucht vielmehr, emotionale Wahrnehmungen als malerischen Prozess auszudrücken. In Wien hatte sie dazu wohl für ihr Empfinden nicht die nötige Freiheit.

 

Riesin stapft durch Stadtlandschaft

 

Nach einigen Jahren in Paris lebte Lassnig von 1968 bis 1980 in New York. Aus dieser Zeit stammt etwa die realistische Aktdarstellung „Selbstporträt mit Stab“ (1971), in der ihr der Geist ihrer Mutter als Bild im Bild auf die Schultern greift. Oder „Iris, stehend“ (1972): Zu diesem Gemälde drehte sie auch einen experimentellen Kurzfilm, in der sie die Formen des Körpers mit der Kamera nachverfolgte.

 

Wie eine Paraphrase des berühmten Plakats zum Science-Fiction-B-Picture „Angriff der 20-Meter-Frau“ von 1958 wirkt ihr Gemälde „Woman Power“ von 1979, in der sie als Riesin durch eine Stadtlandschaft stapft. Mit solchen Arbeiten wurde Lassnig zu einer Ikone von Feministinnen, deren Forderungen sie auf der Bildebene schon vorformuliert hatte.

 

Malerei an Animationsfilm heranführen

 

Den Höhepunkt ihrer internationalen Wahrnehmung markierte dann das Jahr 1980: Gemeinsam mit Valie Export bespielte sie den Österreichischen Pavillon auf der Biennale in Venedig. In den Deichtorhallen werden nun Werke aus allen Schaffensphasen gezeigt.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „55.Biennale“ mit Werken von Maria Lassnig in Venedig

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Power Up“ – Female Pop Art in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen

 

und hier einen kultiversum-Beitrag „Bis über die Schmerzgrenze“ – zum 70. Geburtstag der österreichischen Medienkünstlerin Valie Export.

 

Die Ausstellung präsentiert Lassnig vor allem als Künstlerin mit meisterhafter Farbbeherrschung, die über Stationen des Surrealismus und Post-Expressionismus, des Tachismus und der Farbfeldmalerei einen eigenständigen malerischen Standpunkt entwickelt hat. Sie wird ebenso als experimentelle Filmemacherin vorgestellt, die Malerei an den Animationsfilm heranführte; auch dabei stellt sie ihren Körper in den Mittelpunkt.

 

Vom Tode gezeichnet

 

Auf diese Selbstbezogenheit muss man sich als Betrachter einstellen, denn auch im Spätwerk bleibt Lassnig ihrem Sujet treu. Mit Gemälden der letzten Jahre vollendet sie ihre schonungslosen Körper-Erfahrungen: Sie handeln von Schmerz und vom Sterben.

 

In „Vom Tode gezeichnet“ (2011) pinselt eine roboterhafte Figur ihr Antlitz wie eine Totenmaske. Auf den Bildern, die Biennale-Direktor Gioni in Venedig zeigt, hantieren ihre Akt-Selbstportraits dagegen selbstbewusst mit Revolvern. Vielleicht ist es Altersweisheit, dass Lassnig auch diese Thematik mit großer Sensibilität für ihr Körpergefühl aufnimmt: mit derselben Neugier, die sie schon immer in ihren eigenen Leib hat hineinhören lassen.


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