Michael Caine

Mr. Morgan’s Last Love

Matthew Morgan (Michael Caine) und Pauline (Clémence Póesy) beim gemeinsamen Picknick im Park. Foto: Senator Film

(Kinostart: 22.8.) Noch ein Liebesdrama über spätes Glück: Michael Caine bändelt als Philosoph in Rente mit einer jungen Schönen an. Regisseurin Sandra Nettelbeck will zuviel; nur die Schauspieler retten den Film vor Komplett-Kitsch.

Demographischer Wandel vor und auf der Leinwand: Das Kino-Publikum altert, und seine Film-Helden mit ihm. Romantische Irrungen und Wirrungen sind nicht mehr das Privileg blühender Jugend. Immer mehr Drehbücher widmen sich den Herzensregungen ergrauter Protagonisten, die eine späte oder letzte Liebe finden − oder verlieren.

 

Info

 

Mr. Morgan’s Last Love

 

Regie: Sandra Nettelbeck,

116 Min., Deutschland/ Belgien 2013;

mit: Sir Michael Caine, Clémence Poésy, Justin Kirk

 

Website zum Film

Wie die Chilenin „Gloria“ im Film von Sebastian Lélio: Die 58-Jährige lässt sich auf einen Verehrer ein und rächt sich souverän an seinem Wankelmut − Paulinas García bekam für ihre umwerfende Präsenz den Silbernen Bären 2013. In „Late Bloomers“ von Julie Gavras wollen Isabella Rossellini und William Hurt ihre Ehe retten. Und „Liebe“ begleitet zwei greise Musiker in ihren letzten Momenten; für sein ergreifendes Paar-Porträt gewann Regisseur Michael Haneke 2012 in Cannes die Goldene Palme.

 

Reisen gegen erstarrte Rituale

 

Um Senioren erstarrte Rituale abzugewöhnen, werden sie gern auf physische oder mentale Reisen geschickt. In „Nachtzug nach Lissabon“ muss Jeremy Irons als Schweizer Lateinlehrer durch halb Europa fahren, um erneut Geschmack am Leben zu finden. Und Michael Caine als altem Amerikaner in „Mr. Morgan’s Last Love“ öffnet eine junge Pariserin wieder die Augen für die Reize der Stadt, in der er seit langem lebt.


Offizieller Filmtrailer


 

Tote Frau als Vision an der Seite

 

Die deutsche Regisseurin Sandra Nettelbeck hat Caine diese Rolle als lebensmüdem Mr. Morgan auf den Leib geschrieben. Als Vorlage diente ihr der Roman „Die letzte Liebe des Monsieur Armand“ von Francoise Dorner.

 

Seit dem Tod seiner Gattin vor drei Jahren hat der emeritierte Philosophie-Professor Matthew Morgan seine Lebensfreude verloren. Er lebt einsam in einer Stadt, die ihm fremd geblieben ist, und hängt Erinnerungen nach; als Vision ist seine verstorbene Frau (Jane Alexander) dabei stets an seiner Seite.

 

Seelenverwandtschaft mit Tanzlehrerin

 

Diese Konstellation erinnert stark an die von „Liebe“. Doch während Haneke Kitsch und Pathos durch formale Strenge vermeidet, inszeniert Nettelbeck einen rührseligen Film, der sich in Mitleid mit seinen Figuren ergeht.

 

Eines Tages stolpert der Amerikaner wortwörtlich über die junge, schöne Pauline (Clémence Poésy). Die freundliche Tanzlehrerin nimmt sich seiner an; zwischen beiden entsteht eine besondere Beziehung. Auch die kindlich-naive Pauline ist einsam und braucht einen Freund. Trotz mehr als 50 Jahren Altersunterschied spüren beide eine Art Seelenverwandtschaft.

 

Jeder findet seinen Platz

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Lobeshymne auf den Film „Liebe“ – letzte Phase einer Senioren-Ehe von Michael Haneke, Cannes-Sieger 2012

 

und hier eine Rezension des Films „Gloria“ – Porträt einer 58-jährigen Chilenin mit Paulina García, Gewinnerin des Silbernen Bären 2013

 

und hier eine Kritik des Films „Nachtzug nach Lissabon“ – Bestseller-Verfilmung von Bille August mit Jeremy Irons + Martina Gedeck

 

und hier einen Beitrag über den Film „Late Bloomers“ – romantische Senioren-Komödie von Julie Gavras mit Isabella Rossellini + William Hurt.

 

Doch Mr. Morgan unternimmt einen Selbstmordversuch. Seine erwachsenen Kinder Miles und Karen fliegen ein, um den Vater zurück in die USA zu holen. Pauline muss erkennen, dass der liebevolle, alte Mann kein besonders guter Vater war und ist. Sie will vermitteln, an ihrem Traum einer perfekten Familie festhalten, und verbringt viel Zeit mit Miles. Am Ende findet jeder seinen Platz, auch wenn das wieder Abschiednehmen heißt.

 

Glänzten nicht Michael Caine und Clémence Poésy als Schauspieler, würde der Film komplett in Kitsch abrutschen. Vor allem die Ruhe und spitzbübische Tiefe von Michael Caine rettet den Film ein ums andere Mal vor zuviel Betulichkeit.

 

Handlungsstränge erdrosseln einander

 

Die Handlung kommt allzu berechenbar daher; die behauptete Poesie stellt sich trotz, oder gerade wegen der elegischen Klaviermusik von Hans Zimmer nicht recht ein, und die Motive der Figuren bleiben unklar. Warum will sich Mr. Morgan, gerade als er Pauline kennen gelernt hat, das Leben nehmen? Auch das Verhalten der jungen Frau bleibt ein Rätsel.

 

Der Film will einfach zuviel auf einmal: Drei parallel ablaufende Handlungsstränge nehmen sich gegenseitig die Luft zum Atmen. So weiß man einfach nicht, auf welche Geschichte man sich einlassen soll: Verlust, Trauerarbeit, Suizidgefahr, Vater-und-Sohn-Konflikt, Liebesgeschichte − alles wird angerissen und nicht fertig erzählt. Ein schwerfälliger und etwas bemühter Film über Isolation und die stete Chance auf einen Neuanfang.


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