Glenn Close

Albert Nobbs

Helen (Mia Wasikowska) und Albert Nobbs (Glenn Close) machen Besorgungen. Foto: Salzgeber & Co. Medien GmbH

(Kinostart: 26.9.) Glenn Close hat die Hosen an und trotzdem wenig davon: Nur als Mann verkleidet kann sie überleben. Dieser Historienfilm von Rodrigo García ist stimmig, aber auch leicht behäbig und steif – wie die viktorianische Gesellschaft.

Es gibt Momente im Kino, wo man als Frau unglaublich froh ist, in der Gegenwart zu leben. Etwa bei dieser Verfilmung einer Erzählung des irischen Autors George Moore: „Albert Nobbs“ wurde 1918 veröffentlicht, spielt aber in Dublin Ende des 19. Jahrhunderts.

 

Info

 

Albert Nobbs

 

Regie: Rodrigo García

109 Min., USA 2011

mit: Glenn Close, Mia Wasikowska, Janet McTeer

 

Website zum Film

 

Dieser Albert Nobbs (Glenn Close) arbeitet seit Jahrzehnten mit Hingabe als Kellner im exklusiven „Hotel Morrison’s“; er erfreut sich von Seiten der Gäste hoher Wertschätzung. Lautlos bewegt er sich durch das opulente Interieur, serviert tadellos und ist auch sonst der gute Geist des Hauses.

 

Bessere Jobs nur für Männer

 

Niemand ahnt, dass Albert eigentlich eine Frau ist, die ihren Lebensunterhalt gezwungenermaßen in Männerkleidung verdient. Die Zeiten sind hart, und für Männer gibt es eher eine gute Anstellung. Diese Frau bliebe Albert bis an ihr Lebensende, wenn nicht Anstreicher Hubert Page (großartig: Janet McTeer) eines Tages das Zimmer mit ihm teilen müsste.


Offizieller Filmtrailer


 

Tabakladen als Ziel für Nichtraucher

 

Der Maler entpuppt sich bald selbst als Frau in Männerkleidung, was Albert ungeahnte Perspektiven eröffnet. Die Entdeckung, nicht allein in dieser Lage zu sein, bringt völlig neue Impulse in sein Dasein. Bisher war sein größtes Ziel ein eigenes Tabakgeschäft, für das er seinen ganzen Lohn spart – obwohl Albert gar nicht raucht.

 

Hubert ist aber nicht nur sein eigener Herr; er führt ein normales Leben und hat sogar eine Ehefrau. Und als im Hotel das neue Dienstmädchen Helen (Mia Wasikowska) auftaucht, glaubt Albert, endlich auch die Richtige zum Heiraten und als Partnerin für seinen ersehnten Laden gefunden zu haben.

 

Nobelpreisträger-Sohn führt Regie

 

Schon vor 30 Jahren hat Hauptdarstellerin Glenn Close diese Rolle gespielt; zunächst auf der Bühne. Später wollte sie mehrfach den Stoff auf die Leinwand bringen, was ihr nun geglückt ist. Zunächst sollte István Szabó Regie führen, doch von ihm stammt nur die Bearbeitung der Originalstory. Die hat Regisseur Rodrigo García, der Sohn von Literatur-Nobelpreisträger Gabriel García Marquez, leicht behäbig umgesetzt.

 

Darüber lassen aber setting und Schauspielerensemble die meiste Zeit hinwegsehen. Stimmig bis ins kleinste Detail ersteht das mondäne 19. Jahrhundert mit Kristalllüstern und Samtbezügen neu. Man fühlt sich etwas an die Filme von James Ivory wie „Zimmer mit Aussicht“ (1985) oder „Wiedersehen in Howards End“ (1991) erinnert.

 

Entweder reiche Witwe oder crossdresser

 

Das Augenmerk des Regisseurs gilt den Dienstboten und Albert Nobbs‘ plötzlichem Aufleben. García schaut hinter die schöne Fassade von Hotel und Gästen; dabei verwendet er viel Zeit zur Figurenzeichnung, auch der Nebenrollen. Daneben wird aber auch die prekäre Situation alleinstehender Frauen in dieser Zeit deutlich: Sie genießen höchstens als reiche Witwe wie Hotel-Direktorin Mrs. Baker (Pauline Collins) einiges Ansehen.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Confession“ – Historien-Liebes-Drama mit Pete Doherty

 

und hier einen Bericht über den Film „The Deep Blue Sea“ – eine Frau zwischen zwei Männern im England der Nachkriegszeit mit Rachel Weisz

 

und hier eine Rezension des Films „Gigola“ – über eine «Garçonne» im Paris der 1960er Jahre von Laure Charpentier

 

Den Gegenentwurf liefern die arbeitenden Mannfrauen. Zwar kommt in ihren Verkleidung soziale Ungerechtigkeit zum Ausdruck, doch in ihrem durchweg männlichen Verhalten etwas anderes: Sie fühlen sich als crossdresser sichtlich wohler.

 

Altes, unbeholfenes Straßen-Kind

 

So endet Alberts Versuch, sich nach Jahrzehnten wieder einmal in Frauenkleider zu zwängen, auch am Boden: Der lange Rock hindert ihn am Laufen, und er sieht sehr verkleidet aus. Die Frau in dieser Person ist verschwunden – wie der eigenständige Mensch, nachdem er zeit seines Lebens Anderen zu Diensten war.

 

Close spielt Nobbs als alt gewordenes Kind, das seine Umgebung durch seinen neuen Freund Hubert erst wieder wahrzunehmen lernt. Im Hotel kennt er alles und jeden, noch die kleinste Geste sitzt. Auf der Straße ist er unbeholfen und verstört: Dass das nicht gut ausgehen kann, versteht sich von selbst.

 

Trauer um nicht gelebtes Leben

 

Regisseur García widersteht der Versuchung, die Geschichte als tränenreiches Melodram zu inszenieren; dennoch lässt sie nicht kalt. Allerdings überträgt sich die leblose Starre im Antlitz von Glenn Close zusehends auf den gesamten Film. Diese steife, an Konventionen klebende viktorianische Gesellschaft, in der die Form zu wahren alles ist, macht frösteln: wie die Trauer um Alberts nicht gelebtes Leben.


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