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Nina Beier: ‘Green’ (Detail), 2013, Beach towel, pressed house plants (Dracaena Marginata), glass, 75×150 cm. Courtesy Croy Nielsen, Berlin. Foto: artberlincontemporary

Berlin Art Week 2013: abc art berlin contemporary + Preview Berlin Art Fair


Painting forever: Hauptstadt-Museen feiern die Malerei. Das haben die wichtigsten Kunstmessen nicht nötig: Die abc setzt eigene Standards bei Körpereinsatz und Zerstörungslust, die Preview bietet virtuoses Handwerk, das auch epigonal sein darf.


Die "Berlin Art Week" macht Fortschritte. War sie bei ihrem Debüt 2012 eher ein Etikettenschwindel, um die Kunstmessen im Herbst aufzuwerten, ziehen diesmal Museen und Kunsthallen richtig mit. In dieser Woche eröffnen vier Häuser neue Ausstellungen − unter dem so zugkräftigen wie trivialen Motto "Painting forever!"

 

Info

abc art berlin contemporary

 

19.09.2013 - 22.09.2013

täglich 12 bis 19 Uhr

in der Station Berlin,
Luckenwalder Strasse 4—6

 

Website zur Messe

 

Preview Berlin Art Fair

 

19.09.2013 - 22.09.2013

Donnerstag 18 bis 22 Uhr, Freitag und Samstag 13 bis 20 Uhr, Sonntag 11 bis 18 Uhr

in den Ex-Opernwerkstätten, Zinnowitzer Straße 9

 

Website zur Messe

Doch in der Kunst-Woche geht es vor allem um das Geschäft mit ihr. Das läuft nirgends besser als auf der "abc art berlin contemporary". Sie hat vor zwei Jahren die "Art Forum" beerbt, die an Querelen zwischen Messegesellschaft und Galeristen zugrunde ging, und sich seither als führende Kunstmesse der Stadt etabliert.

 

Kein Stände, sondern Modul-Architektur

 

So kann sie sich leisten, damit zu kokettieren. Nach eigenem Verständnis ist die abc keine normale Verkaufsmesse, sondern ein "neues Format": Die rund 130 Galerien können sich nicht einfach anmelden, sondern werden eingeladen. Sie erwarten keine Stände, sondern ein "modulares Architekturkonzept", in dem sie nur einen einzigen Künstler präsentieren dürfen.


Impressionen der art berlin contemporary 2013 + Interview mit der künstlerischen Leiterin Maike Cruse


 

Sonder-Ausstellungen für zwei Stunden

 

Eingebettet in ein Programm aus Performances, Gesprächen, Nebenschauen von Editionen und Kunstbüchern sowie einer Sonderfläche, auf der 14 Projekträume jeweils zwei Stunden lang (!) künftige Vorhaben vorstellen können. Wer so viel bietet, braucht keinen Schwerpunkt, obwohl der diesmal bei "performativen, zeitbasierten" Beiträgen liegen soll: Das Malerei-Motto dieser Kunstwoche hatte die abc schon 2011.

 

Zwar sind dennoch reichlich Gemälde zu finden, doch nicht auf den ersten Blick. Ins Auge springen meterhohe Trennwände aus Gerüsten und Holzlatten, die locker in der "Station Berlin" verteilt sind. Das verleiht den weitläufigen Hallen des ehemaligen Postbahnhofs den Charme einer der Dauer-Baustellen, die für Berlin typisch sind. Hier kriegt keiner Platzangst.

 

Müll-Container trägt Künstler-Namen

 

Das üppige Raumangebot verleitet etliche Künstler, damit zu aasen. Manche füllen mehr Quadratmeter, als die meisten Besucher daheim bewohnen dürften. Insbesondere arrivierte Künstler langen kräftig zu. Tomás Saraceno, der mit begehbaren Groß-Installationen zum Publikumsliebling wurde, hängt eine hallenhohe Alufolien-Pyramide namens "Sonnenglocke" auf (Galerie Esther Schipper).

 

Maria Eichhorn wuchtet einen tonnenschweren Müll-Container in die Ausstellung. Das trash ready made trägt in Balkenlettern ihren Namen: Genauso heißt die Entsorgungs-Firma, die das Ungetüm normalerweise verwendet (Barbara Weiss). Sharon Hayes stellt einen Wald aus Protest- und Werbeschildern auf (Tanya Leighton). Und Olaf Metzel hat eine komplette Zuschauer-Tribüne herangekarrt, die von Hooligans demoliert wurde (Wentrup).


Impressionen der Preview Berlin 2013


 

50 Jahre Orgien-Mysterien-Spiele

 

Zerstörung als kreativer Akt kommt öfter vor. Ricarda Roggan zeigt Fotos eingestäubter oder abgedeckter Autos mit Totalschaden (Eigen + Art). Johannes Albers zertrümmert mit einem Wackerstein die Glasplatte eines Flipper-Automaten (Michael Fuchs).

 

Das österreichische Künstlerduo Muntean & Rosenblum hat seine Gemälde von Jugendlichen abgefackelt; davor treten Hostessen mit Brandlöchern und Rauchspuren im Gesicht auf (Galerie Zink). Altmeister der künstlerischen Totalvernichtung bleibt allerdings Hermann Nitsch: Der Wiener Aktionist zelebriert seit einem halben Jahrhundert seine "Orgien-Mysterien-Spiele" mit Tierkadavern und Hektolitern Blut. Devotionalien dieser lebenslangen Metzelei breitet er auf der abc aus.

 

Gemächt besamt Bergkette

 

Schonungslosen Körpereinsatz praktiziert auch die Brasilianerin Roberta Lima: Sie lässt sich die Arme zusammennähen oder die Worte "Liebe" und "Schmerz" in die Haut schneiden (Charim). Wie solche Selbstverstümmelung endet, zeigen Bilder des Filmregisseurs David Lynch: düstere Collage-Grafiken von Gliedern, Schädeln und Leichen (Karl Pfefferle).

 

Fruchtbareren Gebrauch von seinem Leib macht Francesco Vezzoli: Auf dem Video-Monitor schwingt der Italiener sein Gemächt über schneebedeckten Bergen, als habe er sie soeben besamt (Galerie Neu). Solche zotigen Scherze fänden auf der "Preview Berlin Art Fair" wohl kaum Anklang.

Halb so viele Galerien, zehn Mal mehr Werke

 

Sie liefert das Kontrastprogramm zur abc: mehr am Geschmack bürgerlicher Sammler als des Feuilletons ausgerichtet. Werke werden zu meist moderaten Preisen in klassischen Kojen anstelle einer Wandelhalle angeboten − es herrscht eben typische Messe-Atmosphäre. Mit dem üblichen Gedränge: Aus dem weitläufigen Hangar des Flughafens Tempelhof ist die Preview in den 3. Stock der früheren Opernwerkstätten umgezogen; hier geht es eng zu.

 

Zumal nur halb so viele Galerien wie auf der abc vertreten sind, die aber gefühlt zehn Mal mehr Arbeiten mitbringen: Die meisten Wände sind vollständig zugehängt. Wo Fläche knapp ist, können Malerei und Fotografie ihren Platzvorteil voll ausspielen. Oder Mixed-Media-Arbeiten, sofern sie nicht zu weit in den Raum ragen.

 

Zuckerbäcker-Torten aus dem 3D-Drucker

 

Stärkere Kundenorientierung heißt nicht, dass die Machart konventionell wäre. Im Gegenteil: Es wird experimentiert, was moderne Technologien hergeben. Silke Katharina Hahn betropft Glasplatten und Reifenschläuche mit Heißkleber (Mianki). Die chinesische Künstlergruppe "Island6" installiert LED-Displays hinter bemaltem Reispapier − eine Fortsetzung von Videospielen in Bilderrahmen (Pantocrátor).

 

"Frantic Gallery" aus Tokyo stellt Japaner vor, die winzige Silikon-Streifen zu Farbfeldern verweben: äußerst mühselige high tech-Stickerei. Anke Eilergerhard fertigt Kegel-Skulpturen aus gezupftem Silikon, die wie gedrechselte Zuckerbäcker-Torten aussehen (Art Felicia). Vermutlich mit einem 3D-Drucker: Da dürfte noch einiges auf die Kunstwelt zukommen, sobald diese Geräte weiter verbreitet sind.

 

Madonnen-Figuren mit Tierzähnen

 

Exotische Materialien finden sich ebenso in Fauna und Flora. Kálmán Várady, Roma ungarischer Herkunft, spickt seine Kreuzungen aus Madonnen-Figuren und Voodoo-Puppen mit Tierzähnen (Kai Dikhas). Michael Schuster, ebenfalls bei Mianki, fügt aus Laub ausgeschnittene Figuren zu filigranen Assemblagen zusammen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Kunst-Messe "Berlin Art Week" - 2012 in Berlin

 

und hier eine Besprechung über das “Gallery Weekend2012 in Berlin

 

und hier einen Bericht über die Kunst-Messe “art berlin contemporary2011 in Berlin

 

Man kann aber auch einfach Farben auf Leinwand auftragen. Brillant praktiziert das die so genannte Leipziger Schule, die Versatzstücke des Sozrealismus recyclet und verrätselt. Sebastian Schrader liefert ein monumentales Gruppenporträt in realsozialistischem Grau ab (Maerzgalerie).

 

Formal brillant, inhaltlich schlicht

 

Tilo Baumgärtel bevorzugt giftiges Grün (Kleindienst), Enrico Freitag aus Weimar eher stumpfe Brauntöne (Eigenheim). Markus Fräger stammt zwar aus Hamm und lebt in Köln, hat sich aber die caravaggieske Spielart sowjetischer Malerei der 1960/70er Jahre perfekt angeeignet (Friedmann-Hahn): bewundernswert, doch wenig innovativ.

 

Bei aller Lust an gefälligen Motiven bis hart an die Kitschgrenze vermisst man bei vielen Arbeiten die Relevanz − handwerkliche Virtuosität kontrastiert mit inhaltlicher Schlichtheit. Ihnen eignet etwas Epigonales: Die Kinder von Magritte, Mondrian und Warhol bedienen das Publikum mit Zweit- und Drittaufgüssen für schmalere Geldbeutel. Was der Malerei dauerhaft ihr Fortbestehen garantieren wird: Painting forever!



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 19.09.2013





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