Michel Gondry

Der Schaum der Tage

Auf Wolke Sieben: Chloé (Audrey Tautou) und Colin (Romain Duris). Foto: Studiocanal

(Kinostart: 3.10.) Auf weißen Wolken über Paris fliegen: Die Helden im Kult-Roman von Boris Vian leben in einer verspielten Traumwelt – bis zum bösen Erwachen. Die Verfilmung inszeniert Nonsense-Spezialist Michel Gondry so fantasievoll wie sensibel.

„Der Schaum der Tage“ ist ein surrealistisch-visionärer Roman des Franzosen Boris Vian aus dem Jahre 1946. Sein Kultbuch, das damals seiner Zeit weit voraus war, erschuf ein eigenes Universum: Die Welt des Liebespaars Colin und Chloé steckt voller Wortspielereien, skurril-lebendiger Gegenstände, fantasievoller Figuren –  und natürlich dem Jazz von Duke Ellington.

 

Info

 

Der Schaum der Tage

 

Regie: Michel Gondry

94 Min., Frankreich 2013

mit: Audrey Tautou, Romain Duris, Omar Sy, Gad Elmaleh

 

Website zum Film

 

Diese Vorlage scheint unverfilmbar. Doch wenn sich der Phantast und Träumer Michel Gondry dafür entscheidet, der schon „Vergiss mein nicht“ und „Science of sleep“ drehte, verspricht die Sache interessant zu werden: Der französische Regisseur kann Traumwelten kreieren und genau wie Autor Vian ganz eigene Universen erschaffen.

 

Feuerwerk aus Unsinn + Traumtänzerei

 

Das funktioniert hier wunderbar! Gondry entführt den Zuschauer in eine zugleich futuristisch und altmodisch aussehende Welt, in der der Fantasie scheinbar keine Grenzen gesetzt sind. Lässt man sich auf dieses Feuerwerk aus Unsinn und verspielter Ausstattung, überzeichneten Typen und Traumtänzerei ein, erlebt man eine wunderschön traurige Liebesgeschichte. Sie wird nicht wirklich erzählt, sondern eher assoziativ erfühlbar.


Offizieller Filmtrailer


 

Das Piano mixt Cocktails

 

Colin (Romain Duris) ist ein wohlhabender Müßiggänger und Träumer. Er wohnt zusammen mit seinem Koch/Anwalt/Freund (Omar Sy) in einem fantastischen Haus, das mal wie ein Zug, dann wieder wie ein Schloss oder eine Höhle aussieht, und genießt sein Leben.

 

Die Dinge um ihn herum haben ein Eigenleben und gestalten seine bunte Welt herrlich chaotisch. Ein Piano mixt Cocktails, die nach der Musik schmecken, die auf dem Instrument gespielt wird. Freunde werden mit zauberhaftem Essen bewirtet, und der Plattenspieler sorgt für aufregende Jazzmusik.

 

Kennenlernen bei Pudel-Geburtstagsparty

 

Als sich Colins bester Freund Chick (Gad Elmaleh) in die exotische Alise verliebt, weckt das Colins Sehnsucht nach wahrer Liebe. Er besteht darauf, sich augenblicklich ebenfalls zu verlieben. Auf der Geburtstagsparty des Pudels einer Freundin lernt er die schöne Chloé (Audrey Tautou) kennen.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Das verflixte 3. Jahr“ – französische Sitten-Komödie von Frédéric Beigbeder

 

und hier einen kultiversum-Bericht über den Film „Godard trifft Truffaut – Deux de la Vague“gelungene Dokumentation von Emmanuel Laurent

 

und hier eine Rezension des Films „Die Liebenden – von der Last, glücklich zu sein – Les bien-aimés“ – ergreifendes Drei-Generationen-Melodram von Christophe Honoré mit Catherine Deneuve

 

Beim ersten date fliegen beide in einer weißen Wolke über Paris. Bald heiraten die beiden, nachdem sie bei einer Autorallye als erste den Altar erreichen. Ihr Glück scheint perfekt, das Leben sorglos; Albernheit und Unbekümmertheit sind auf ihrem Höhepunkt.

 

Seerose wächst in der Lunge

 

Doch das joie der vivre währt nicht lange. Chloé wird krank: Eine Seerose wächst in ihrer Lunge, was das Leben des jungen Paares langsam, aber unaufhaltsam verändert. Chloés Krankheit kostet erst die Unbeschwertheit, dann Colins Vermögen und am Ende alle Farben. Collin muss sich Arbeit suchen: Der Traumtänzer zerbricht an der rationalen, funktionalen Welt.

 

Gleichzeitig entfärbt sich der Film von knallbunt zu schwarzweiß. Mit wachsendem Kummer  verändert sich auch die Umgebung des jungen Paares. Collins Wohnung spiegelt ihre Seelenlage und Chloés Zustand wieder: Die Fenster werden trüb, die Zimmer schrumpfen und verfallen schließlich zu Ruinen.

 

Surrealer Ernst des Lebens

 

Bei diesem fortschreitenden Niedergang behält Regisseur Gondry den Spannungsbogen von Albernheit zu bitterem Ernst meisterlich unter Kontrolle: Seine Figuren bleiben trotz zahlloser technischer Gimmicks glaubhaft und berührend. Damit wird seine Verfilmung Vians surrealistischer Parabel auf den Ernst des Lebens folgerichtig und sensibel gerecht.


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