Mads Mikkelsen

Michael Kohlhaas

Michael Kohlhaas (Mads Mikkelsen). Foto: Polyband Medien

(Kinostart: 12.9.) All die schönen Pferde: In überwältigend ästhetischen Bildern und mit Mads Mikkelsen als Titelhelden verfilmt der Franzose Arnaud des Pallières die Kleist-Novelle − als kongeniale Übertragung von Sprache in ein anderes Medium.

Einen so urdeutschen Stoff wie den „Michael Kohlhaas“ für das internationale Kino einrichten sollte nur ein Nicht-Deutscher, der den Blick von außen und somit auf das Wesentliche mitbringt. Der Franzose Arnaud des Pallières hat die Novelle von Heinrich von Kleist sehr genau gelesen.

 

Info

Michael Kohlhaas

 

Regie: Arnaud des Pallières

122 Min., Frankreich / Deutschland 2013

mit: Mads Mikkelsen, Delphine Chuillot, David Bennent, Bruno Ganz

 

Website zum Film

 

Genau genug, um ihre Handlung auf das Wesentliche zu reduzieren und dennoch der Textvorlage getreulich zu folgen. Zugleich hat er sie in der visuellen Umsetzung von allem Deutschen befreit: Dieser Film wurde in der großartig archaischen Landschaft der Cevennen gedreht.

 

Biblische Figuren in den Cevennen

 

In ihr nehmen sich die handelnden Personen geradezu wie biblische Figuren aus – wie die ersten oder letzten Menschen. Auch das ist eine Art Absolutheitsanspruch, der auf visueller Ebene jenem der Hauptfigur entspricht; das spiegelt sich in der Kameraführung von Jeanne Lapoirie kongenial.


Offizieller Filmtrailer


 

Prächtige Rappen zu Schindmähren

 

Der Pferdehändler Kohlhaas (Mads Mikkelsen) ist mit seinen Tieren unterwegs zum Markt. Im Wald wird er von einem Schlagbaum aufgehalten, den die Bediensteten eines Herzogs errichtet haben. Sie fordern von Kohlhaas einen Passierschein; da er diesen nicht hat, nehmen sie zwei seiner Pferde als Pfand.

 

Kohlhaas lässt zwei prächtige Rappen und einen Knecht (David Bennent) vor Ort, der auf die Tiere aufpassen soll. Bei seiner Rückkehr findet er die Pferde geschunden und von harter Feldarbeit abgemagert vor. Der Knecht ist verschwunden – vertrieben worden, wie sich später herausstellt, nachdem die Leute des Herzogs Hunde auf ihn gehetzt hatten.

 

Furchtbarer Preis für Gerechtigkeit

 

Kohlhaas findet außerdem heraus, dass der Herzog kein Recht hat, Passierscheine zu verlangen. Er setzt alles daran, sein Recht zu bekommen, scheitert jedoch auf amtlichem Wege. Als auch noch seine Frau (Delphine Chuillot) stirbt, nachdem sie versucht hat, bei Hofe eine Bittschrift zu überbringen, wird Kohlhaas vom Bürger zum Rebellen.

 

Mit seinen Getreuen meuchelt er die Bewohner auf des Herzogs Burg, belagert ein Nonnenkloster, in das der Adlige geflohen ist, und kämpft gegen Truppen, die ihn und seine Männer von ihrem Zerstörungswerk abhalten sollen. Am Schluss wird die Gerechtigkeit wiederhergestellt sein, aber um einen furchtbaren Preis.

 

Fantastisch selbstgenügsame Landschaft

 

Das Einzige, was an dieser packenden und stringenten Kleist-Verfilmung zunächst ein wenig verstört, ist ihre oft geradezu überwältigende Schönheit. Die Landschaft wirkt in ihrer rauen Selbstgenügsamkeit absolut fantastisch.

 

Die allesamt großartigen Darsteller wurden sorgfältig nach Merkmalen individueller Attraktivität ausgewählt, die etwas abseits von gängigen Schönheitsidealen liegen. Die Kostüme sind von ausgesuchtem Geschmack und aus edlen Materialien. Und erst die Pferde…

 

Preziöses wird in Film transformiert

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Kohlhaas oder die Verhältnismässigkeit der Mittel“ von Aron Lehmann über die Verfilmung der Kleist-Novelle

 

und hier einen Bericht über den Film „Die Königin und der Leibarzt“ – packendes Historien-Drama in Dänemark mit Mads Mikkelsen

 

und hier eine Rezension des Films „Die Jagd“ – Psycho-Drama um Pädophilie von Thomas Vinterberg mit Mads Mikkelsen

 

Man fragt sich unwillkürlich, was dieses Beharren auf erlesener Ästhetik im Rahmen einer finsteren Geschichte soll, in der Humanität, Recht und Gerechtigkeit so hart aufeinanderprallen? Und muss im Nachhinein anerkennen, dass dem Regisseur eine sehr runder Film gelungen ist, den man um des optischen Erlebens willen nochmal sehen möchte.

 

Ihm ist ein ganz besonderer Transfer geglückt: der Transfer der Schönheit der Sprache von Kleist in ein anderes Medium, in die Bildersprache des Films. Das Preziöse, das Kleists Prosa eigen ist, geht nicht verloren; es ist lediglich transformiert worden.

 

Aus Kohlhaas‘ Frau wird Tochter

 

Eine bemerkenswerte inhaltliche Änderung – die einzige gegenüber der Vorlage – nimmt Regisseur des Palières auch vor: Lisbeth, bei Kleist die Ehefrau des Kohlhaas, wird hier zu seiner Tochter. Mit ihr führt der Film eine Figur der kommenden Generation ein, für deren Zukunft Kohlhaas mit seinen Taten letztlich Verantwortung trägt.

 

So ist diese Literaturverfilmung trotz ihres historischen Schauplatzes nicht zuletzt auch ein Kommentar zur sehr aktuellen Parole des „Empört euch!“, der gleichnamigen Streitschrift von Stéphane Hessel. Und Mads Mikkelsen war übrigens nie schöner als hier mit Bart.


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