Mike Lerner + M. Posdorowkin

Pussy Riot − A Punk Prayer

Mitglieder von Pussy Riot posieren. Foto: Goldcrest Films

Für ihren Auftritt in Moskaus Kathedrale sitzen drei Mitglieder von „Pussy Riot“ zwei Jahre Haft ab. Ein Interview mit Mike Lerner und Maxim Posdorowkin über Ziele der Gruppe, die Doku-Dreharbeiten und die wirkungsvollste Performance der Welt.

Mister Lerner, Mister Posdorowkin, wie kamen Sie auf die Idee, einen Film über Pussy Riot zu drehen?

 

Mike Lerner: Im März 2012 sah ich in der Presse Bilder von ihrem Auftritt auf dem Roten Platz und war sehr beeindruckt. Nachdem sie verhaftet worden waren, wurde mir klar, dass sie einen Nerv der russischen Gesellschaft getroffen hatten. Insbesondere der Prozess gegen sie war aus westlicher Sicht eine surreale, fast kafkaeske Situation; die Sonderregeln für dieses Verfahren wirkten wirklich absurd.

 

Einfach Riot-Freunde anrufen

 

Wie haben Sie mit Pussy Riot Kontakt aufgenommen?

 

Info

Pussy Riot −
A Punk Prayer

 

Regie: Mike Lerner + Maxim Posdorowkin,

86 Min., Russland/USA 2013,

mit: Nadeschda Tolonnikowa, Jekaterina Samuzewitsch, Marija Aljochina

 

Vorführung auf dem Festival Doku.Arts am 29.09.2013, 18.30 Uhr, im Zeughauskino, Unter den Linden 2, Berlin

 

Weitere Informationen

Lerner: Das war recht einfach: Wir riefen ihre Anwälte, Freunde und Unterstützer an, die von der Idee sehr angetan waren. Ein großer Teil der Presse, vor allem in Russland, hatte Pussy Riot dämonisiert; sie hofften, eine Doku würde ausgewogener und objektiver ausfallen. Dann lief alles ziemlich glatt. Bei der Arbeit half uns, dass Maxim und ich unterschiedliche Blickwinkel haben.

 

Weder Punk-Band noch Rowdys

 

Wie unterscheiden sich westliche und russische Perspektive?

 

Maxim Posdorowkin: Die ganze Sache wurde in Russland wie im Westen falsch verstanden. Im Westen sieht man sie als Punk-Band, die für ein Lied gegen Präsident Putin bestraft wurde; das ist Unsinn. Wären sie außerhalb der Kathedrale aufgetreten, wäre nichts passiert. Pussy Riot hatte zuvor schon auf dem Roten Platz „Putin hat sich vollgepinkelt“ gesungen und musste dafür nur 15 US-Dollar Strafe zahlen.

 

In Russland betrachtete man sie als vulgäre, antireligiöse Rowdys; ihre politische Botschaft ging unter. Tatsächlich begreifen sich Pussy Riot als Performance-Künstler in der Tradition der russischen Avantgarde. Ihnen sind nicht Musik oder Auftritte wichtig, sondern die Reaktionen, die sie provozieren.

 

Vulgarität als Provo-Kalkül

 

Ihr Punk-Outfit ist nur ein Kostüm, das sie anlegen; sie schockieren die Öffentlichkeit auf kalkulierte Weise mit Vulgarität. Privat sind sie sehr höflich und redegewandt; weder fluchen noch saufen sie. Dieses Selbstverständnis als Performance-Künstler wollen wir im Film zeigen.


Auszüge des Interviews auf Englisch mit Lerner + Posdorowkin


 

Stärkste Performance aller Zeiten

 

Pussy Riot haben in der Christus-Erlöser-Kathedrale von Moskau den Altarbereich gestürmt und dort schreiend ein „Punk-Gebet“ vorgetragen, bevor sie nach 40 Sekunden abgeführt wurden. Inwieweit ist das ein Kunstwerk?

 

Posdorowkin: Nach der Kathedralen-Aktion reagierte die Kirche noch vor der Politik. 100.000 Gläubige demonstrierten dagegen; unser Film handelt von dem Zusammenprall dieser beiden Weltanschauungen. Danach sprach das ganze Land darüber. Das macht ihren Auftritt zu einem äußerst wirkungsvollen Kunstwerk, wohl die Performance-Aktion mit dem stärksten Widerhall aller Zeiten.

 

Antiklerikal, nicht antireligiös

 

Lerner: Pussy Riot wehrt sich gegen zwei Phänomene. Einerseits gegen die enge Verbindung zwischen orthodoxer Kirche und Staat und die bedenkliche Nähe zwischen Patriarch Kyrill und Putin. Zweitens gegen die Rolle, die diese Kirche Frauen zuweist; darüber wird genauso im Westen diskutiert, etwa über die Frage, ob Frauen als Bischöfe ordiniert werden sollen.

 

Pussy Riot sind nicht antireligiös, sondern antiklerikal. In Russland wenden sich viele Menschen wieder der Religion zu; Putin schlägt daraus Kapital, indem er die Kirche kräftig unterstützt, wie mit dem von ihr geforderten Prozess gegen Pussy Riot. Denn Putin braucht die Kirche mehr als umgekehrt.


BBC-Trailer des Films "Pussy Riot - A Punk Prayer" auf Englisch


 

Respektvoller Umgang mit Journalisten

 

Was konnten Sie filmen – gab es Einschränkungen?

 

Lerner: Wir erhielten viel Hilfe, bekamen privates Filmmaterial und hatten Zugang zum Gerichtssaal. Man hat uns nicht behindert, im Gegenteil: Das Gericht und die Polizisten gingen mit Journalisten recht respektvoll um. Man war wohl der Meinung, dass es in diesem Fall nichts zu verbergen gäbe und Einschränkungen überflüssig seien.

 

Posdorowkin: In diesem Fall sind Russlands Staatsorgane im Umgang mit Journalisten sehr vorsichtig, manchmal geradezu übertrieben höflich − sogar in den Straflagern. Dort, wo Mascha einsitzt, sind alle Offiziellen eingeschüchtert: Das Lager liegt in der Provinz und hat solche Aufmerksamkeit der Presse nie erlebt.

 

TV-Talkshow-Interview in der Haftanstalt

 

Bei Bildern aus dem Gerichtssaal hatten wir Glück: Die Nachrichtenagentur RIA Nowosti filmte den gesamten Prozess. Dieses Material konnten wir verwenden, etwa die Szenen, wo sich die drei Frauen in ihrem Käfig unterhalten. Die sind sehr aufschlussreich: Fünf Monate lang waren sie in Einzelhaft und voneinander isoliert. Man sieht, wie verwundbar und unsicher sie sind.

 

Manche Szenen wirken wie Verhöre in der Haft.

 

Posdorowkin: Eine konservative russische TV-Talkshow durfte die drei Frauen im Gefängnis interviewen. Diese Bilder sehen wie ein Verhör aus; auch der Staatsanwalt war anwesend und stellte ein paar Fragen. Später wurde Pussy Riot in der Talkshow dämonisiert, was auch im Film zu sehen ist.


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