Clive Owen

Shadow Dancer

Viele Trauernde vor dem Sarg. Foto: Fugu-Film

(Kinostart: 5.9.) Back in Belfast 1993: Eine IRA-Terroristin muss wählen, ob sie im Knast verschwindet oder ihre Leute verrät. Regisseur James Marsh inszeniert das Polit-Psychodrama als atmosphärisch dichtes Kammerspiel in einer farblosen Welt.

Schon als kleines Mädchen mit Sommersprossen verfolgt Colette McVeigh (Andrea Riseborough) ihre eigenen Ziele. Als ihr Vater ihr Münzen für Süßigkeiten zusteckt, will sie davon lieber Zigaretten kaufen. Tragischerweise schickt sie ihren jüngeren Bruder Sean los, der wie ihre ganze Familie in Belfast lebt.

 

Info

Shadow Dancer

 

Regie: James Marsh

100 Min., Irland/UK 2012

mit: Clive Owen, Andrea Riseborough, Gillian Anderson

 

Weitere Informationen

 

Sean kommt nicht bis zum Zigarettenautomaten, sondern gerät in eine Schießerei. Er stirbt auf dem Küchentisch in den Armen von Vater und Mutter, vor den Augen der Geschwister. 20 Jahre später hat Colette immer noch den transparenten Teint einer eher verkühlten Schönheit. Der Nordirland-Konflikt ist längst nicht beigelegt: Katholiken und Anglikaner, Iren und Engländer sind noch immer verfeindet. Die Irish Republican Army (IRA) verübt laufend Attentate.

 

Bruder befiehlt Bomben-Anschlag

 

Colette hat inzwischen selbst als allein erziehende Mutter einen Sohn in Seans Alter. 1993 streift sie durch eine U-Bahn-Station in London, um eine Tasche mit einer Bombe abzulegen. Den Auftrag dazu gab ihr älterer Bruder Gerry (Aidan Gillen), nunmehr Oberhaupt der IRA-sozialisierten und nach der Tragödie radikalisierten Familie.


Offizieller Film-Trailer, englisch


 

Weder Heckenschützen noch Paramilitärs

 

Doch der Plan fliegt auf. Colette wird verhaftet und vom Inlandsgeheimdienst MI5 vor die Wahl gestellt, entweder für die nächsten 25 Jahre in einem britischen Knast zu verschwinden oder als Spitzel nach Belfast zurückzukehren. Sie denkt eine Nacht darüber nach.

 

Regisseur James Marsh hat die Spannungen in der nordirischen Gesellschaft zum Thema eines grau verhangenen, äußerst langsam inszenierten Psychothrillers gemacht. Hier stehen weder religiöse noch politische Verwerfungen im Vordergrund, auch keine waffenstarrenden Heckenschützen oder fanatische Paramilitärs.

 

Konflikt als chronische Krankheit

 

Stattdessen tragen die Menschen den Konflikt in sich wie eine chronische Krankheit: eine Infektion, die weder behandelbar noch heilbar ist, aber an die man sich wohl gewöhnen kann. Kevin Mulville (David Wilmot) ist sozusagen der Haupt-Virusträger. Er kontrolliert nach dem Führerprinzip die McVeigh-Brüder.

 

Nachdem Colette von ihrem überraschend langen London-Aufenthalt zurückgekehrt ist und an einer weiteren fehlgeschlagenen Aktion teilgenommen hat, wird sie von Kevin verdächtigt. Eigentlich will er sie exekutieren; im Nebenzimmer lässt er schon Plastikfolie ausrollen, während er sie verhört. Doch er weiß nach langen Jahren im Untergrund auch nicht mehr, wem er trauen kann. Klar ist nur, dass es einen Informanten in den eigenen Reihen geben muss.

 

Roman-Vorlage des Irland-Korrespondenten

 

Oder zwei: Der MI5-Mann Mac (Clive Owens), der sich von Colette Informationen erhofft, bekommt seinerseits Zweifel. Seine Chefin (Gillian Anderson alias Agent Scully aus der TV-Serie „Akte X“) spielt offenbar ein doppeltes Spiel: Ein zweiter Informant scheint schon vor Jahren in die IRA-Zelle eingeschleust worden zu sein. Doch Macs Recherchen werden sabotiert; er selbst droht zwischen die Fronten zu geraten.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „The Company You Keep – Die Akte Grant“ von und mit Robert Redford über US-Terrorismus in den 1970er Jahren

 

und hier einen Bericht zum Film “Das Wochenende” – über einen Ex-RAF-Terroristen von Nina Grosse mit Sebastian Koch

 

und hier einen Beitrag über den Film „Die wilde Zeit – Après mai” – von Olivier Assayas über die Ära französischer K-Gruppen der 1970er Jahre.

„Shadow Dancer“ beruht auf dem gleichnamigen Roman des britischen Journalisten Tom Bradby. Er war von 1993 bis 1996 Irland-Korrespondent des Nachrichtensenders Independent Television News (ITN) und berichtete über den nordirischen Friedensprozess, den Waffenstillstand mit der IRA und die Bemühungen des damaligen US-Präsidenten Bill Clinton. Sein Buch entstand unter dem Eindruck der positiven Entwicklung, die sich damals abzeichnete.

 

Hinter Beton eingemauerte Menschen

 

Im Film ist aus Nordirland alle Farbe gewichen; dieses Land lässt sich nie klar wahrnehmen. Immer wieder blickt die Kamera wie durch einen Schleier, in dunkle Zimmer hinein, durch schattige Korridore. Colette zwingt sich geradezu, in der entsättigten Stadtlandschaft von Belfast mit ihrem roten Trenchcoat ein Zeichen zu setzen.

 

Regisseur Marsh fokussiert auf die Atmosphäre, die Jahrzehnte von Terror, Misstrauen und Spitzelei hinterlassen haben: Wie sich die townhouses hinter grauen Betonwänden verstecken, haben sich auch die Menschen eingemauert.

 

Folklore aus Furcht + Trotz

 

Marsh wollte Bradbys Drehbuch offenbar als Thriller inszenieren. Doch dafür fehlt es dem Film an Geschwindigkeit, mitunter auch an Spannung. Eher kann man „Shadow Dancer“ einen Heimatfilm nennen. Nur besteht die übliche Folklore hier aus Gefühlen der Einschüchterung, Furcht und des verbitterten Trotzes.


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