Erwin Wagenhofer

Alphabet

André Stern, Sohn des Malschulen-Leiters Arno Stern, Gitarrenbauer und Autor des Buches „...und ich war nie in der Schule”. Foto: Pandora Film

(Kinostart: 31.10.) Das Elend mit der Schule: Keiner ist mit ihr zufrieden. Erwin Wagenhofer auch nicht: Bildung muss ganz anders werden, fordert er. Über die Agrar- und Finanz-Industrie hat er brillante Dokus gedreht, doch diesmal geht er baden.

Bildung ist die Lösung. Nach unzähligen Statistiken und (PISA-)Studien sind sich Pädagogen und Ökonomen in einem einig: Erfolge des Einzelnen wie ganzer Nationen hängen vom Bildungsniveau ab. Wer mehr weiß und kann als andere, dem geht es besser. In jeder Hinsicht: wirtschaftlich, sozial und in persönlichen Belangen.

 

Info

 

Alphabet

 

Regie: Erwin Wagenhofer,

109 Min., Österreich/ Deutschland 2013;

mit: Gerald Hüther, Andreas Schleicher, Arno Stern, André Stern

 

Website zum Film

 

Doch was wäre die beste Bildung? Am deutschen Schulsystem wird unaufhörlich herumreformiert; da 16 Bundesländer zuständig sind, ist die Bandbreite verfolgter Strategien viel größer als andernorts. Trotzdem sind alle unzufrieden: gestresste Schüler, überforderte Lehrer, genervte Eltern, ratlose Politiker und Arbeitgeber, denen Schulabgänger zu unqualifiziert sind.

 

Mega-Probleme schlüssig darstellen

 

So kann es nicht bleiben – und wie weiter? Der Österreicher Erwin Wagenhofer hat mit seinen Dokumentationen „We feed the world“ über die Agrar- und „Let’s make money“ über die Finanz-Industrie brillant gezeigt, wie man Mega-Probleme kritisch und zugleich schlüssig darstellen kann. Nun knöpft sich der Regisseur das Bildungswesen vor – und geht baden.


Offizieller Filmtrailer


 

Allgegenwärtiger Entfremdungszusammenhang

 

Vielleicht liegt es am Gegenstand. Für abstrakte Themen fand Wagenhofer in seinen Vorgängerfilmen anschauliche Bilder und pointiert kommentierende Fachleute: Wenn sie gigantische Gewächshaus-Landschaften oder leer stehende Spekulations-Immobilien vorführen, wird sofort klar, dass hier etwas schief läuft. Nun zielt er noch weiter und verliert sich im Ungefähren.

 

Denn Wagenhofer begnügt sich nicht mit Schule und Ausbildung: Er klagt das ganze Gesellschaftssystem an. Als ein System, das seinen Nachwuchs mit Angst vor Strafen schurigelt, in Wettbewerben zu Höchstleistungen drillt und damit nur Psychokrüppel, soziale Ungerechtigkeit und weltweite Ausbeutung produziert. Das nennen Marxisten und Adorniten etwas unelegant den „allgegenwärtigen Entfremdungszusammenhang“.

 

Talente werden systematisch abtrainiert

 

Daher interviewt Wagenhofer diesmal nur zwei Bildungs-Experten. Ansonsten treten auf: PISA-Chef Andreas Schleicher, Hirnforscher Gerald Hüther, ein Telekom-Personalchef, der erste Hochschul-Absolvent mit Down-Syndrom, eine überforderte Schülerin und vor allem Arno Stern: Der 89-jährige Emigrant betreibt seit Kriegsende in Paris eine Malschule. Dort dürfen Kinder nach Gusto pinseln, um ihre Kreativität zu fördern.

 

So lautet die schlichte Botschaft, die alle Befragten – außer Schleicher natürlich – unermüdlich wiederholen: Natürliche Talente werden Kindern systematisch abtrainiert, um Funktionsträger heranzuzüchten. Was während der Industrialisierung eventuell angemessen gewesen, doch heutzutage völlig verfehlt sei. Also müsse alles ganz anders werden – wie, bleibt offen.

 

Sorgloser Umgang mit Thema

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Spielfilms „Black Brown White“ von Erwin Wagenhofer über illegale Einwanderung nach Europa

 

und hier einen Bericht über die Doku „Speed – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Florian Opitz über entschleunigte Alternativen zum Turbo-Kapitalismus.

 

und hier einen Beitrag über die Doku „Drachenmädchen“ von Inigo Westmeier über den Drill an Chinas größter Kung-Fu-Schule.

 

Als Vorbild zieht Wagenhofer nur Stern-Sohn André heran: Der 42-Jährige war nie in der Schule und will sich alles selbst beigebracht haben. Er ist heute Gitarrenbauer, macht Musik und tourt als Propagandist der Lehre seines Vaters durch die Lande, Schule sei eigentlich überflüssig. Dass etliche Familien ihre Sprösslinge weniger fördern und andere Berufe formale Ausbildungsgänge erfordern, bleibt außen vor.

 

Solche Naturzustands-Romantik à la Rousseau mag man als possierlich abtun. Ärgerlich ist an diesem Film, wie sorglos er mit seinem Thema umspringt. Über ausgefeilte Bildungs-Konzepte wurden ganze Bibliotheken geschrieben. Es gibt zahllose Alternativen zum herrschenden Post-Bolognaprozess-Elend mit G8-Abitur: von Waldorf- über Montessori- bis zu Reform-Schulen diverser Couleur. Alle haben ihre Vor- und Nachteile.

 

Alle waren als Kind genial

 

All das ignoriert Regisseur Wagenhofer souverän. Stattdessen tut er so, als hätten seine Gewährsleute einen zuvor unbekannten Kontinent segensreicher Kreativität entdeckt, den man schnurstracks erschließen müsse – mit dubiosen Argumenten.

 

So wird aus einer Studie, dass 98 Prozent aller Kleinkinder unkonventionelles Denken beherrschen, aber nur zwei Prozent aller Erwachsenen, die kühne These gefolgert: Fast alle Kinder sind genial, aber kaum noch ein Erwachsener. Tröstlich für den Zuschauer, zu erfahren, dass auch an ihm ein Einstein verloren gegangen ist.


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