Potsdam

„Die Schönste der Welt“ − Eine Wiederbegegnung mit der Bildergalerie Friedrichs des Großen

Innenansicht der Bildergalerie. Foto: Stiftung Preußische Schlösser und Gärten

Schlafende Schönheit: Die prachtvolle Bildergalerie in Sanssouci besuchen nur wenige. Zum 250. Geburtstag vergleicht eine Ausstellung die Sammlung Friedrichs des Großen mit der heutigen Bilder-Kollektion − beide haben kaum etwas gemeinsam.

Die Schönste der Welt verbirgt sich hinter dichten Hecken. Von den Massen an Touristen, die sich vor Schloss Sanssouci tummeln, bemerken nur wenige das kleine Schild am Ost-Ende der Terrasse, das auf den Zugang zur Bildergalerie hinweist. Der Weg führt durch ein schlichtes weißes Treppenhaus, bevor eine Flügeltür den Blick in die Bildergalerie freigibt.

 

Info

 

„Die Schönste der Welt“ − Eine Wiederbegegnung mit der Bildergalerie Friedrichs des Großen

 

09.05.2013 – 31.10.2013

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr

in der Bildergalerie im Park Sanssouci, Potsdam

 

Katalog 14,90 €

 

Weitere Informationen

 

Es ist, als öffne sich eine Schatzkammer: Die lange Saaldecke ist verschwenderisch mit goldenem Stuck verziert, der Boden mit kostbarem farbigen Marmor ausgelegt, die Wände sind damit verkleidet. Zwei Galerie-Flügel verbindet mittig eine so genannte Tribuna, deren nach außen gewölbte Nischen eine Kuppel krönt.

 

Gigantisches Gemälde-Puzzle

 

Beide Schmalseiten schmücken prächtige Portale mit Säulen und Götterstatuen; östlich schließt sich ein Kabinett an. An der Parkseite sind antike Skulpturen aufgereiht. Die Wand gegenüber ist mit der Gemäldesammlung gepflastert: Bild reiht sich an Bild wie in einem gigantisches Puzzle.


Impressionen der Ausstellung


 

Überhöhte Preise für Barock-Kopien

 

Friedrich der Große ließ die Bildergalerie ähnlich rasch wie das Schloss nebenan errichten; 1763 war sie fertig. Zuvor hatte der König in wenigen Jahren eine umfangreiche Kunstsammlung aufgebaut. In diesem Neubau sollte allein seine Kollektion gezeigt werden − ohne Werke, die seine Vorfahren im Berliner Schloss zusammengetragen hatten.

 

Für seine Sammlung kaufte Friedrich II. vor allem großformatige, repräsentative Bilder niederländischer und italienischer Barock-Maler, die seinerzeit hoch geschätzt wurden. Dabei zahlte er oft überhöhte Preise und ließ sich Kopien oder Werkstatt-Arbeiten anstelle der Originale andrehen − was damals im Kunstmarkt noch üblicher war als heute.

 

Kunst-Depot für überschüssige Werke

 

Dennoch war Friedrich überzeugt, er habe insgesamt 39 Gemälde von Rubens, 15 van Dycks, vier Rembrandts, sieben von Tizian, fünf von Raffael und drei von Leonardo da Vinci erworben. Davon werden die wenigsten noch immer diesen Malern zugeschrieben: Der König und die von ihm beauftragten Agenten waren gewieften Händlern und Fälschern aufgesessen.

 

Nach Friedrichs Tod 1786 erlebte seine Bildergalerie turbulente Veränderungen. 1806 ließ Napoleon 50 Gemälde beschlagnahmen; die meisten kehrten bald wieder nach Berlin zurück. 1830 musste sie 60 Gemälde an das von Karl Friedrich Schinkel gebaute Alte Museum abgeben. Ab der Jahrhundertmitte nutzte König Friedrich Wilhelm IV. die Bildergalerie als Kunst-Depot, in dem er andernorts überschüssige Werke und Möbel lagern ließ.

 

Nur 62 Bilder gehörten Friedrich II.

 

Im Zweiten Weltkrieg wurden die Kunstwerke der Bildergalerie erst ausgelagert und dann von der Roten Armee in die Sowjetunion abtransportiert. Zwar gab Moskau 1958 viele zurück, doch 99 Gemälde zählten als Kriegsverlust. Nach ihrer Komplett-Sanierung wurde die Galerie 1996 wiedereröffnet; seit 2002 erstrahlen auch die Fassaden wieder in altem Glanz.

 

So kommt es, dass von den 143 Gemälden, die heute in der Bildergalerie präsentiert werden, nur 62 schon zu Lebzeiten Friedrichs des Großen dort hingen. Zum 250. Jubiläum ihrer Errichtung führt die Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten (SPSG) nun vor, wie sie der Alten Fritz einst ausgestattet hatte.

 

Rekonstruierte Skulpturen-Sammlung

 

Bei den Skulpturen ist das geglückt. Fast alle antiken Büsten und Statuen wurden wieder herbeigeschafft und aufgestellt; darunter die römische Statuette eines sitzenden Mädchens, das spektakulär lebensecht mit Knöcheln spielt. Die Ausstellung der königlichen Gemäldesammlung findet dagegen nur auf Schautafeln statt.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung “Friederisiko” - zum 300. Geburtstag von Friedrich dem Großen im Neuen Palais, Potsdam

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung “Die königliche Jagdresidenz Hubertusburg und der Frieden von 1763” zur Rokoko-Kultur und die Rolle Friedrichs II. im Siebenjährigen Krieg im Schloss Hubertusburg, Wermsdorf bei Leipzig

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Peter Paul Rubens” – faszinierende Schau über den Barock-Maler als politischen Künstler im Von der Heydt-Museum, Wuppertal

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Hommage an Caravaggio 1610 – 2010” in der Gemäldegalerie, Berlin.

 

Dort sieht man vor allem schwarzweiße Lücken: Mehr als die Hälfte aller Werke ist im Lauf der Zeit abgewandert oder verloren gegangen. Auch die übrig gebliebenen Bilder sind nicht mehr an ihrer früheren Stelle: Als Teile eines Riesen-Puzzle wurden sie dort platziert, wo sie am besten passten. Was man heute an den Galeriewänden sieht, hat also mit Friedrichs Kollektion nichts mehr zu tun.

 

Einer von zwei deutschen Caravaggios

 

Außer kunterbuntem Durcheinander: Die barocke Hängung macht es dem Betrachter schwer. Auf der Westseite hängen Niederländer, auf der Ostseite Italiener. Die Großformate oben sind nur perspektivisch verzerrt zu sehen, die Mittel- und Kleinformate unten teils verschattet, teils grell ausgeleuchtet. Da geht selbst das bedeutendste Werk der Bildergalerie, Caravaggios “Ungläubiger Thomas” als eines von nur zwei Werken dieses Malers in deutschem Besitz, optisch fast unter.

 

Leider sind die Schautafeln zur friderizianischen Anordnung recht klein geraten; etliche Besucher begreifen erst spät, dass sie das Herzstück der Ausstellung sind. Besser greift man zum vorzüglichen Katalog, der auf wenigen Seiten umfassend und anschaulich informiert: Ausklappbare Überblicks-Pläne verdeutlichen die Unterschiede zwischen einst und jetzt.

 

Schmeichelei des Kammerherrn

 

Und dieses Ensemble soll das schönste der Welt sein? Nun, der vollmundige Ausstellungs-Titel geht auf ein Zitat des Marquis d’Argens zurück. Er war Kammerherr Friedrichs II. und schrieb diese Worte in einem Bericht für den König; man darf sie getrost als Schmeichelei verbuchen.

 

Doch ein beeindruckendes Meisterwerk des friderizianischen Rokoko ist die Bildergalerie zweifellos. Auch wenn sie sich versteckt und nur im Sommerhalbjahr geöffnet ist: Im Winter bleibt sie, da unbeheizbar, geschlossen.


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