Forest Whitaker

Der Butler

Butler Cecil Gaines (Forest Whitaker) mit Kollegen auf dem Weg zu seinem Dienstherrn. Foto: © 2013 PROKINO Filmverleih GmbH

(Kinostart: 10.10.) US-Präsidenten kommen und gehen, ihr Butler bleibt: Forest Whitaker dient als Cecil Gaines sechs verschiedenen Staatschefs. Sein Biopic hat Regisseur Lee Daniels vielschichtig und sensibel, teils aber auch arg rührselig angelegt.

Der Beruf des Dieners stellt hohe Anforderungen an den Charakter. Wer dienen will, muss sich dienstbar machen, also einer Sache oder einer Person untertan machen: einem Herrn, Haus oder dem Staat – manchmal sogar allen gleichzeitig.

 

Info

 

Der Butler

 

Regie: Lee Daniels,

130 Min., USA 2013;

mit: Forest Whitaker, Robin Williams, Oprah Winfrey

 

Website zum Film

 

Wer dienen will, muss antizipieren können: wissen, was erwartet wird oder gewollt werden könnte. Wünsche erfüllen, ehe sie ausgesprochen oder mit dem Gebimmel einer Glocke signalisiert werden. Dass ein Diener außerdem diskret und vornehm sein muss, verschwiegen statt leutselig, loyal bis zur Selbstverleugnung; das versteht sich von selbst.

 

Gleich bleiben, wenn alles sich ändert

 

Für Drehbuch-Autoren und Regisseure ist der Diener eine nahezu perfekte Rolle. Als eine Art Fixpunkt steht der dienstbare Geist als Kellner bei Tisch, hilft als Kammerdiener beim Ankleiden oder fährt als Chauffeur den Wagen. Er ändert sich nicht, auch wenn sich alles um ihn herum ändert.


Offizieller Filmtrailer


 

Britisches Klassensystem im Kleinen

 

Eine Traumrolle ist der Butler, der alle Launen seines Herrn oder politische Gewitter durchsteht und sich bestenfalls ein Zucken mit der Augenbraue gestattet. Der perfekte Butler ist durch nichts zu erschüttern. Dramaturgisch interessant wird der Butler erst, wenn er an seiner Rolle im System zweifelt und langsam erkennt, dass er sich selber wandeln muss.

 

In der zurzeit so populären TV-Serie „Downton Abbey“ wie im britischen Vorläufer „Das Haus am Eaton Place“ führen die Butler ein Regiment, welches das britische Klassensystem unter den Bediensteten bis ins Kleinste nachzeichnet; historische Entwicklungen und persönliche Schicksalsschläge dienen lediglich als dramaturgische Folie.

 

Weder NS-Verirrungen noch Zuneigung erkennen

 

In Robert Altmans „Gosford Park“ (2001) geht während einer feinen Wochenendgesellschaft alles drunter und drüber, aber Butler Jennings behält die Zügel in der Hand. Der wohl beste, weil psychologisch vielschichtigste Film über einen Butler dürfte James Ivorys „Was vom Tage übrig blieb“ (1993) sein. Butler Stevens, von Anthony Hopkins mit größtmöglicher Steifheit gespielt, erkennt weder die Nazi-Verirrungen seines Herrn noch die Zuneigung einer Hausangestellten.

 

Daran muss sich „Der Butler“ messen, den Regisseur Lee Daniels als sensibles, aber stellenweise arg melodramatisches Panorama der US-Zeitgeschichte gedreht hat. Der Film war in den Vereinigten Staaten an den Kinokassen überraschend erfolgreich.

 

Mutter vergewaltigt, Vater erschossen

 

Aus dem Off erzählt der Afroamerikaner Cecil Gaines (Forest Whitaker) seine Lebensgeschichte in Rückblenden. Im Feld einer Baumwoll-Plantage muss der kleine Cecil erleben, wie seine Mutter vergewaltigt wird und sein Vater erschossen wird, als er den Peiniger zur Rede stellen will.

 

Danach wird Gaines als Servierhilfe oder house nigger, wie es im Sprachgebrauch der Vorkriegs-USA hieß, in den Haushalt der Plantagenbesitzerin (Vanessa Redgrave) aufgenommen. Dort beginnt er zu lernen, sich für den Spagat seines Lebens zu fit zu machen.

 

Talkshow-Queen Oprah Winfrey als Ehefrau

 

Entscheidende Qualitäten eines amerikanischen Butlers lernt er später in der Gastronomie:  Martinis zu mixen und sich nicht in politische Streitthemen einzumischen. Gaines lebt bald in bescheiden kleinbürgerlichen Verhältnissen mit Ehefrau Gloria (Talkshow-Queen Oprah Winfrey) und zwei Söhnen in Washington D.C. Dann erhält er eine Stelle im Weißen Haus: Von 1957 bis 1986 wird Cecil Gaines sechs verschiedenen US-Präsidenten als Butler dienen.

 

Stellenweise erinnert die Rolle, die Whitaker hier Oscar-verdächtig verkörpert, an die des „Forrest Gump“, die Tom Hanks 1994 berühmt machte. Wie Gump ist Gaines eine Figur, an der Geschichte abläuft, die aber selbst dabei eigentlich keine Rolle spielen darf.

 

Spiegel, der Handlung reflektiert

 

Während Forrest Gump zum Auslöser aller möglichen Weltereignisse wird, muss Gaines Republikanern und Demokraten zu Diensten stehen, charismatischen Männern und Marionetten im Amt. Der Butler ist eben auch im und für den Film ein Diener – ein Spiegel, der dessen Handlung reflektiert.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Albert Nobbs“ – Drama über Hotelbedienstete im 19. Jahrhundert von Rodrigo García mit Glenn Close

 

und hier einen Bericht über den Film „The Ides of March – Tage des Verrats“Politthriller über den US-Wahlkampf von und mit George Clooney

 

und hier einen Beitrag über den Film „Hyde Park am Hudson“ – Sittenkomödie von Roger Michell über US-Präsident Franklin Delano Roosevelt mit Bill Murray.

Und das ist im Zusammenspiel mit den Präsidenten teilweise höchst sehenswert. Etwa, wenn Richard Nixon von John Cusack als eitles Fähnlein im Winde interpretiert wird. Oder Alan Rickman seinen Ronald Reagan zwischen Idiot und Landesväterchen anlegt. In detailreichen Charakterstudien porträtiert „Der Butler“ auch die unterschiedlichen Staatsoberhäupter.

 

Menscheln mit dem Mundschenk

 

Mit seiner afroamerikanischen Perspektive auf die Dinge, die im Weißen Haus geschehen, wird Gaines aber auch zum Spiegel für die Gefühle, die der heutige Hausherr haben muss: als erster schwarzer Präsident, der für einige zu schwarz, für andere nicht schwarz genug ist.

 

Regisseur Daniels legt den Stellenwert seines Films aber auf menschliche Aspekte; Politik ist Begleiterscheinung. So wird es bisweilen rührselig, wenn es zwischen Staatenlenker und Mundschenk zu menscheln beginnt und sich ein Präsident auch mal an den Werten seines Dieners orientiert.

 

Oder wenn zu dokumentarischem Filmmaterial in Gaines‘ Familie gesellschaftliche Verwerfungen diskutiert werden. Entschieden wird dann aber doch auf der großen Bühne. Denn eines bleibt klar: Solange es Diener und Herren gibt, besteht auch die Klassengesellschaft fort.


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