Edgar Reitz

Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht

Jettchen (Antonia Bill, mi.) und Gustav (Maximilian Scheidt, ganz li.) wandern aus. Foto: Concorde Filmverleih

(Kinostart: 3.10.) Nur weg nach Amerika: Der Vorgänger zur Heimat-Trilogie zeigt Deutschland vor 150 Jahren als Armenhaus, aus dem Millionen auswandern. Aus der Sicht von Dörflern, deren karge Lebenswelt er perfekt rekonstruiert – ein Meisterwerk.

Um 1840 sind die deutschen Länder bitterarm; heute würden sie Dritte Welt genannt. Dafür erfüllen sie alle Kriterien: Die meisten Menschen leben auf dem Land in Dörfern. Obwohl sie tagaus, tagein auf kleinen Feldern schuften, können sie von den Früchten ihrer Arbeit kaum leben; Notzeiten und Hunger sind häufig. Großfamilien wohnen mit mehreren Generationen in einem Haus; ihr Besitz beschränkt sich auf Kleidung und Hausrat.

 

Info

 

Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht

 

Regie: Edgar Reitz,

230 Min., Deutschland 2013;

mit: Jan Dieter Schneider, Antonia Bill, Maximilian Scheidt

 

Website zum Film

 

Die Infrastruktur ist miserabel; man erfährt gerade noch, was im Nachbardorf geschieht. Über den Rest der Welt kursieren wilde Gerüchte: Briefe werden zensiert oder laufen wochenlang. Die Staatsmacht erleben die Menschen nur als Büttel der Herrscher, die ihnen Abgaben abpressen, willkürlich Zwänge auferlegen oder ihre Söhne wegnehmen. Aus den Kriegen, in die sie als Soldaten ziehen müssen, kommen sie oft nicht zurück.

 

Ins versunkene Deutschland entführen

 

In diese karge, versunkene Welt, die Deutschland von rund 150 Jahren war, entführt uns Regisseur Edgar Reitz. „Die andere Heimat“ fungiert als Vorgänger, neudeutsch prequel, zur Heimat-Trilogie, an der er ein Vierteljahrhundert lang arbeitete.


Offizieller Filmtrailer


 

Vier Stunden langer Kurzfilm

 

Sie ist mit mehr als 55 Stunden Laufzeit in 31 Einzelfilmen der längste Kinofilm der Welt. Darin erzählt Reitz das 20. Jahrhundert aus der Sicht von Bewohnern des fiktiven Dorfes Schabbach im Hunsrück – Geschichte von unten in epischer Breite, in der viele Zuschauer ihre eigene wieder erkannten.

 

Gemessen daran ist „Die andere Heimat“ mit knapp vier Stunden ein Kurzfilm; für die Einsatzpläne der Kinobetreiber ist er unverschämt lang. Doch souverän setzt Reitz sein eigenes Zeitmaß: Geduldig beobachtet er die einfachen Dörfler in Schabbach bei ihren alltäglichen Verrichtungen.

 

Schmied-Sohn als Leseratte

 

Womit er intensiv spüren lässt, wie langsam der Rhythmus ihres Lebens war. Was es hieß, stets dieselben Wege zu gehen, dieselben Dinge zu sehen, mit denselben Menschen Umgang zu haben. Wie hochwillkommen jede kleine Abwechslung war: Da wird ein Dorffest zum rauschhaften Ausnahmezustand – und endet für den jungen Jakob Simon im Kerker.

 

Jakob (Jan Dieter Schneider) ist die Hauptfigur dieser Bauern-Saga. Der Sohn eines Schmieds hat Lesen gelernt und verschlingt unentwegt Bände aus der Leihbücherei. Er träumt von fernen Ländern; vor allem vom exotischen Brasilien, über das er jeden Reisebericht studiert.

 

Werner Herzog als Alexander von Humboldt

 

So schult er sich autodidaktisch zum Kenner von Indianersprachen, bis er darüber mit einem Berliner Gelehrten korrespondieren kann. Als dieser Alexander von Humboldt (Werner Herzog in einem Cameo-Auftritt) ihn jedoch besuchen will, nimmt er Reißaus.


Diesen Artikel drucken