Isabelle Huppert

Die Nonne

Suzanne (Pauline Etienne) soll jetzt das Ordensgelübde ablegen. Foto: Camino Filmverleih

(Kinostart: 31.10.) Betschwester wider Willen im 18. Jahrhundert: Eine junge Frau wird ins Kloster abgeschoben. Regisseur Guillaume Nicloux nimmt dem Klassiker von Diderot die kirchenkritische Brisanz und verflacht ihn zur Selbstbefreiungs-Saga.

In Frankreich ist der Roman „La religieuse“ („Die Nonne“) des Aufklärers und Philosophen Denis Diderot (1713 – 1784) weithin bekannter Schulstoff: Eine junge Frau wird gegen ihren Willen in ein Kloster gesperrt und wehrt sich erfolglos. Der Roman war zu seiner Zeit sehr gewagt und provokativ: als Streitschrift klagt er Willkür und Intoleranz der Kirche an.

 

Info

 

Die Nonne

 

Regie: Guillaume Nicloux

114 Min., Frankreich/ Deutschland/ Belgien 2012

mit: Pauline Étienne, Isabelle Huppert, Martina Gedeck

 

Website zum Film

 

Von dieser Kritik an der katholischen Kirche bleibt in der Verfilmung durch Guillaume Nicloux nicht viel übrig: Es geht hauptsächlich um die persönliche Erfahrungen einer jungen Frau, die für ihre Selbstbestimmung kämpft. Ihre Familie, Priester, Bischöfe und Äbtissinnen stehen hier allesamt für gesellschaftliche Unterdrückung, gegen die ein starkes Individuum rebelliert, weil es seiner eigenen Überzeugung folgt.

 

Kind im Kloster kostet nichts

 

Frankreich 1765: Die 16-jährige Suzanne Simonin – die Pauline Étienne stark, aber verletzlich spielt – wird von ihren Eltern in ein Kloster abgeschoben. Die Mitgift für die älteren Schwestern hat die Familie fast ruiniert; im Kloster kostet die junge Frau kein Geld. Außerdem wurde Suzanne unehelich geboren und soll nun den Fehltritt ihrer Mutter (steif und unnahbar: Martina Gedeck) sühnen.


Offizieller Filmtrailer


 

Nur Papst persönlich könnte helfen

 

Das junge Mädchen wehrt sich, so gut sie kann. Mit all ihrem Mut verweigert sie das Gelübde, das sie lebenslang an die Kirche binden wird. Doch mangels Alternativen und Unterstützung landet sie trotzdem hinter gefängnisartigen Klostermauern und wird zur Nonne geweiht. Nur der Papst höchstpersönlich könnte diese Weihe wieder aufheben, doch schon der Gedanke daran wird als Besessenheit durch Sünde und Teufel erachtet.

 

Suzanne ist zwar durchaus religiös, fühlt sich aber im Kloster eingeschlossen und fehl am Platz. Der Freiheitsdrang der jungen Frau ist so groß, dass sie die Auflehnung gegen ein übermächtiges System wagt. Sie gerät dadurch in eine Opferrolle, an der sie fast zerbricht.

 

Pädophile Mutter Oberin

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier einen Bericht über die aktuelle Ausstellung „CREDO – Christianisierung Europas im Mittelalter“ an drei Orten in Paderborn

 

und hier einen Beitrag über den Film „An ihrer Stelle – Fill the Void“ von Rama Burshtein über die Last jüdisch-orthodoxer Traditionen für eine junge Frau

 

und hier eine Besprechung der Dokumentation „Die große Passion“ von Jörg Adolph über die Passionsspiele in Oberammergau.

 

Erniedrigungen, Gewalt und Bestrafung prägen ihr Dasein, bis sie in ein anderes Kloster wechseln kann. Doch auch hier verbessert sich ihr Leben nicht. Die neue Mutter Oberin (gewohnt stark und spröde: Isabelle Huppert) entwickelt eine obsessive Zuneigung zu der unglücklichen Klosterschwester und nützt deren Abhängigkeit aus. Für Suzanne bleiben nur noch zwei Möglichkeiten: Freitod oder Flucht.

 

Dieser Film ist klar gefilmt und schnörkellos erzählt, doch unruhig und anstrengend: Die Geschichte verheddert sich zwischen historischer Vorlage, Kostümen und persönlichem Schicksal. Das hoffnungsvolle Ende nimmt aus Diderots Roman die Brisanz und lässt den Film zum Schluss gar kitschig werden.

 

Klosterleben als bloße Kulisse

 

Regisseur Nicloux gelingt es nicht, einen Erzählrhythmus zu finden; er reduziert das Klosterleben auf eine bloße Kulisse fürs Suzannes Schicksal. Die Figuren bleiben artifiziell und leblos; sie geben nur die Kontrastfolie für die Probleme der jungen Frau ab.

 

Immerhin wirken die Drehorte sehr atmosphärisch: Die deutschen Klöster Maulbronn und Bronnbach erlauben authentische Einblicke in Räume, die sowohl geschützte Orte der Hingabe an den Glauben als auch Gefängnis sein können. Ein Film mit starker Hauptdarstellerin, der trotzdem nicht im Gedächtnis haften bleibt.


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