Dorothee Wenner

Dramaconsult

Auf den Gipfelhöhen der Finanzwirtschaft: Dolapo + Berater vor Banktürmen in Frankfurt/Main. Foto: EYZ Media

(Kinostart: 24.10.) There is no business like Nigeria business: Drei Unternehmer aus Lagos wollen in Deutschland Kontakte knüpfen. Regisseurin Wenner begleitet sie und ihre „Berater“ – eine subtile Doku über wechselseitige Fremdheit und Ängste.

Im Stück „Lagos Business Angels“ ließ die Theatergruppe „Rimini Protokoll“ 2012 zwei Wirtschaftswelten aufeinanderprallen: In einer Mischung aus casting show und reality theatre trafen in der Berliner HAU-Bühne fünf Geschäftsleute aus Nigeria, dessen Wirtschaft derzeit rasch wächst, auf fünf europäische Unternehmer. Ihr Auftrag: Projekte für eine erfolgreiche Zusammenarbeit einfädeln.

 

Info

 

Dramaconsult

 

Regie: Dorothee Wenner

80 Min., Deutschland 2012

mit: Dolapo Ajayi, Sam Aniama, Jude Fejokwu

 

Website zum Film

 

Kinotournee-Daten

 

„Dramaconsult“ ist die filmische Fortsetzung dieses Theater-Projekts nach einer Idee von Dorothee Wenner, u.a. Spezialistin der Berlinale für afrikanisches Kino. Sie führt Regie bei dieser sehr speziellen Kombination aus Dokumentation, scripted reality-TV, Nollywood-Ästhetik und spielerischem Blick auf die wirtschaftlichen Realitäten zwischen Lagos und Berlin.

 

Mehr Theater als Börse

 

Drei Geschäftsleute aus Lagos – ein Immobilien-Entwickler, Autoteile-Händler und Schuhmacher – haben das casting gewonnen. Sie kommen nun in den Genuss einer Beratung durch die Firma „Dramaconsult“, die dem Theater näher steht als der Börse, wie der Name verrät. Zwei Coaches begleiten Dolapo, Sam und Femi auf einer Reise nach Berlin, Frankfurt und Hamburg.

Offizieller Filmtrailer


 

Den Investoren Scheu + Ängste nehmen

 

Hier wollen die drei Unternehmer aus Lagos deutsche Investoren davon überzeugen, ihrem Vorhaben auf die Sprünge zu helfen. Es geht um das richtige Auftreten, klare Strategien, eine überzeugende Video-Präsentation und nicht zuletzt den Umgang mit der deutschen Mentalität: vor allem der hiesigen Scheu vor Risiken und gewisser Ängste vor dem dunklen Kontinent.

 

Schließlich dringen aus Nigeria vor allem schlechte Nachrichten nach außen: über Armut, Korruption und Stromausfälle; ganz zu schweigen von den dubiosen „Geschäfts-Ideen“ ominöser Banker, deren Emails im Spam-Ordner landen.

 

Luxus-Bauten statt Sozialwohnungen

 

All das spiegelt sich in Gesichtern und Gesten der potentiellen deutschen Geschäftspartner, wenn die Truppe aus Lagos samt Kamerateam bei ihnen aufläuft: Dolapo, immer schick mit Fedora-Hut und Wollhandschuhen, sucht für eine Wohnanlage Architekten. Die können kaum glauben, dass es ihm nicht um sozialen Wohnungsbau für wenig Geld geht, sondern um Luxus-Bauten für die Ober- und Mittelschicht.

 

Sam handelt schon seit Jahren mit gebrauchten Auto-Ersatzteilen. Er macht Bekanntschaft mit Übersee-Kaufleuten, in deren Büros noch die Zeit nachhallt, in der man in Hamburg von „Deutsch-Südwest“ und „Togoland“ sprach und dorthin Segelschiffe schickte. Und der feingeistige Schuhmacher Femi muss bei seinem Besuch beim Leder-Großhändler lernen, dass selbstbewusstes Auftreten ebenso wichtig ist wie ein sauber gefertigter Schuh.

 

Exportweltmeister wollen nur verkaufen

 

Von ihren ursprünglichen Absichten bleibt jedoch wenig übrig: die Exportweltmeister wollen nicht in Nigeria investieren, sondern ihre Waren dort absetzen. Warum sollte der unternehmerische Ehrgeiz, mit dem Deutschland sich als wirtschaftliche Führungsmacht Europas etabliert hat, vor einem afrikanischen Land Halt machen?

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Goldrausch“ – Doku über die Geschichte der Treuhand von Prod. Thomas Kufus

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Afropolis“ – über Gründe und Probleme der Verstädterung in Afrika in Köln und Bayreuth

 

und hier eine Rezension der Ausstellung „Letzte Ölung Nigerdelta“ – über das „Drama der Erdöl-Förderung in zeitgenössischen Fotografien“ im Museum für Völkerkunde, München.

 

Das ist das Ergebnis der Nachbesprechung: neben dem freundlichen Rassismus und dem kolonial geprägten Afrika-Bild der deutschen Verhandlungspartner, das in einer Frankfurter Investment-Bank ebenso durchschimmert wie bei einem Autoverwerter in Berlin-Tempelhof.

 

Je 90 Prozent wollen etwas anderes

 

Obwohl das Trio durchaus interessante Geschäftsbeziehungen geknüpft hat: Dolapos Wohnanlage wird gebaut, Sam importiert nun neue Ersatzteile anstelle der gebrauchten, und Femi hat eine Schuh-Designerin gefunden.

 

In der Diskussion nach der Filmpremiere nannte Heiko Schwiderowski, Afrika-Referatsleiter des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), die passenden Zahlen zu dieser schwierigen Partnerschaft: 90 Prozent der deutschen Firmen wollen nach Nigeria nur exportieren, 90 Prozent der Nigerianer suchen dagegen Direktinvestitionen. Da kommt man nicht leicht zusammen.

 

Ein eindeutiges Resultat, obwohl es dieser Film mit seinem speziellen Aufbau nicht zeigen oder nur andeuten kann: Natürlich wollen die überrumpelten Deutschen vor laufender Kamera nicht allzu deutlich werden. Doch ihre Reaktionen sprechen Bände – in diesem ebenso amüsanten wie subtil eingefädelten filmischen Experiment.


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