Frauke Finsterwalder

Finsterworld

Toms (Ronald Zehrfeld) heimliche Leidenschaft ist, sich als Bär zu verkleiden. Foto: Alamode Film
(Kinostart: 17.10.) Surreale Zeitdiagnose: Pop-Literat Christian Kracht und seine Frau Frauke Finsterwalder halten dem heutigen Deutschland den Zerrspiegel vor. Ihr Episodenfilm im Stil von David Lynch wimmelt von liebenswert gestörten Gefühlskrüppeln.

Zeitschriften sind ein Spiegel ihrer Zeit. Bestimmte Journale prägen eine ganze Dekade, verschwinden dann von der Bildfläche und werden durch andere ersetzt. Den oberflächlichen Zeitgeist der 1980er Jahre verkörperte hierzulande kein Magazin so sehr wie „Tempo“. Das Heft war stets flott geschrieben, immer sehr trendig und ziemlich inhaltsleer. Einer seiner maßgeblichen Redakteure war Christian Kracht.

 

Info

 

Finsterworld

 

Regie: Frauke Finsterwalder

91 Min., Deutschland 2013

mit: Corinna Harfouch, Carla Juri, Sandra Hüller, Ronald Zehrfeld

 

Website zum Film

 

Sein Debütroman „Faserland“ von 1995 hielt den orientierungslosen Zeitgeist der 1990er Jahre fest. Kracht bekam das Etikett des „Pop-Literaten“ verpasst, das ihn bis heute verfolgt. Nun hat er gemeinsam mit seiner Ehefrau Frauke Finsterwalder das Drehbuch zu ihrem ersten Spielfilm geschrieben.

 

Idyll mit finsterer Seite

 

Das reichlich surreale Drama ist ein klarsichtiger Zerrspiegel für das Deutschland der Gegenwart. „Finsterworld“ zeigt verschiedene Protagonisten in einem sonnendurchfluteten Idyll, das im Verlauf der Handlung zunehmend seine finstere Seite offenbart.


Offizieller Filmtrailer


 

Bestechung mit Fußpflege-Creme

 

Ein in einer Waldhütte lebender Einsiedler nimmt einen verletzten Vogel zu sich nach Hause. Der Fußpfleger Claude (Michael Maertens) wird auf dem Weg zu seiner Lieblingskundin vom Polizisten Tom (Ronald Zehrfeld) angehalten und besticht ihn mit Fußpflege-Creme. Tom schenkt sie seiner Freundin (Sandra Hüller), die eine frustrierte Dokumentarfilmerin ist.

 

Die Schulklasse einer Privatschule fährt mit ihrem Geschichtslehrer (Christoph Bach) zur Besichtigung einer KZ-Gedenkstätte. Die Eltern (Corinna Harfouch, Bernhard Schütz) eines dieser Schüler haben sich in einem Luxushotel einquartiert, sind aber chronisch unzufrieden.

 

Wie eklige Käfer im Vorstadt-Rasen

 

Allmählich werden diverse persönliche Beziehungen zwischen den einzelnen Akteuren offenkundig. Darüber hinaus sind in diesem Film alle Figuren durch ein geheimnisvolles unsichtbares Netz miteinander verbunden.

 

Vordergründig herrscht zwar eitel Sonnenschein, doch unter der Oberfläche breitet sich das Abgründige und Böse aus; wie die ekligen Käfer, die verborgen im makellosen Vorstadt-Rasen des Mystery-Thrillers „Blue Velvet“ (1986) von David Lynch krabbelten und knackten.

 

Leichtfüßig und eigenständig

 

Die diffus bedrohliche Atmosphäre seiner Filme ist legendär. Von den sehr wenigen Versuchen in Deutschland, sie nachzuempfinden, ist „Finsterworld“ als erster uneingeschränkt gelungen. Das böse Märchen „Freischwimmer“ von Andreas Kleinert überzeugte 2007 nicht ganz.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier einen Beitrag zum Film  Was bleibt von Hans-Christian Schmid, ein Drama um eine Familienaufstellung mit Corinna Harfouch

 

und hier einen Bericht über den Film "Dr.Ketel- Der Schatten von Neukölln" - sozialkritischer Thriller von Linus de Paoli

 

und hier eine Rezension des Films "Der feine Unterschied" - gelungenes Sozial-Drama von Sylvie Michel

 

Zwei Jahre später drehte Oskar Roehler „Lulu & Jimi“ als Hommage auf Lynchs „Wild at Heart“ von 1990; im Vergleich konnte das remake nur verlieren. „Finsterworld“ ist dagegen wesentlich leichtfüßiger und eigenständiger.

 

Dialoge wirken wie heiße Luft

 

Bereits der Titel verrät, welcher absurde Humor dieses Werk durchzieht: „Finsterworld“ ist die finstere Welt von Regisseurin Frauke Finsterwalder, die früher Dokumentarfilme machte, wie die frustrierte Franziska Feldenhoven im Film. Zugleich deutet die Namensgebung an, dass hier nicht alles so ernst zu nehmen ist, wie es sich gerne gibt.

 

All die bedeutungsschwangeren Dialoge über NS-Vergangenheit, deutsche Identitätsprobleme und dysfunktionale Familienstrukturen wirken einerseits wie heiße Luft. Doch zugleich verraten sie indirekt erstaunlicherweise sehr viel über das Ausmaß an Neurosen und Verdrängtem, das die Protagonisten quält.

 

Verkapselung + Kälte

 

Der Ausgangspunkt für „Finsterworld“, erläutert die mittlerweile in Afrika lebende Regisseurin, sei ihr Eindruck von menschlicher Verkapselung und Kälte gewesen, als sie nach langer Abwesenheit erstmals wieder Deutschland besuchte. Das sieht man dem Film an: Er zeigt eine Welt von Gefühlskrüppeln, die zwar meist liebenswert, aber auch arg beziehungsgestört sind.


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