Axel Ranisch

Ich fühl mich Disco

Florian Herbst (Frithjof Gawenda, li.) beim Proben. Foto: Edition Salzgeber

(Kinostart 31.10.) Nach „Dicke Mädchen“ porträtiert Axel Ranisch wieder einen Antihelden: Der pubertierende Florian muss mit Mamas Tod und Papas Moped zurechtkommen, obwohl er lieber Schlager singt. Schräg-ernster, rundum gelungener Wohlfühl-Film.

Gäbe es einen Preis für ausgefallene Filmtitel, wäre Regisseur Axel Ranisch ein heißer Kandidat. Sein Debütfilm hieß „Dicke Mädchen“; damit bewies er, dass man mit ein paar 100 Euro, viel Enthusiasmus und Hilfe von Freunden einen guten und originellen Film machen kann. Beim Titel seines neuen Spielfilms hat er sich selbst übertroffen. Und der Film ist auch sehr schön geworden.

 

Info

 

Ich fühl mich Disco

 

Regie: Axel Ranisch

95 Min., Deutschland 2013

mit: Frithjof Gawenda, Heiko Pinkowski, Christina Große, Robert Alexander Baer

 

 Website zum Film

 

Ein dicker Junge fährt, angefeuert von seinem Vater, auf einem alten Simson-Moped über einen Parkplatz. Vater Hanno (Heiko Pinkowski) brüllt, sein Sohn Florian (Frithjof Gawenda) fühlt sich sichtlich unwohl – man ahnt, dass er mit dem einzigen parkenden Auto weit und breit zusammenstoßen wird.

 

Moped oder Klavier

 

Vater Hanno hält die Idee für großartig, seinen Sohn zum 14. Geburtstag das Moped zu schenken, mit dem er seine Mutter kennen gelernt hat. Aber Florian wünscht sich ein Klavier, weil er Musiker werden will wie sein Idol: der Schlagersänger Christian Steiffen.


Offizieller Filmtrailer


 

Mit Mama Schlager schmettern

 

Herrlich anzusehen ist, wenn Mama (Christina Große) und ihr Sohn in ihren Glitzer-Klamotten lauthals Steiffens Lieder wie „Ich fühl mich Disco“ schmettern; dann ist Florian kein dicker, pickliger, latent schwuler Junge in der Pubertät. Der Vater hat dafür kein Verständnis. Er ist Schwimmtrainer und will seinen Sohn zu einem echten Mann machen. Florian interessiert das nicht; unter seiner Discokugel träumt er mit Mama vom Südseeparadies.

 

Doch eines Tages fällt die einfach um: Gehirnschlag. Die Ärzte bezweifeln, dass sie je wieder aus dem Koma erwachen wird. Aber noch spricht sie mit Florian, aber nur mit ihm: Er hat die Discokugel inzwischen im Krankenhaus installiert. Zu Hause versucht Hanno, seine Vaterrolle auszufüllen, und macht anfangs alles falsch. Doch er lernt dazu und Florian ebenso: Als die Mama stirbt, haben sie nur noch einander.

 

Autobiografische Züge in Berlin-Lichtenberg

 

Eigentlich sollte dieser Film Axel Ranischs Abschluss-Arbeit an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) in Potsdam sein. Doch das Projekt wurde ihm zu persönlich, und er drehte zuvor „Dicke Mädchen“, um Abstand zu gewinnen; dieser No-Budget-Film wurde zu einem Überraschungserfolg. Gestärkt konnte Ranisch „Ich fühl mich Disco“ fertig stellen.

 

Autobiografische Züge kann der Film nicht verleugnen. Ranischs Eltern waren Leistungssportler. Er selbst ist wie Florian in Berlin-Lichtenberg aufgewachsen, korpulent und schwul. Doch der Film erschöpft sich nicht in diesen Parallelen. Es geht um Verlust, Erwachsenwerden, Selbstfindung und auch ein Coming Out. Das steht aber nicht im Vordergrund.

 

Freundschaft mit flirtendem Rumänen

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier ein Interview mit Regisseur Axel Ranisch über „Ich fühl mich Disco“

 

und hier eine Besprechung des Films „Exit Marrakech“ – Familiendrama um Vater-Sohn-Konflikt von Caroline Link mit Ulrich Tukur

 

und hier einen Bericht über den Film „Der Fremde am See“schwuler Kammerspiel-Thriller von Alain Guiraudie

 

und hier eine Rezension des Films “Parada” – originelle serbische Schwulen-Komödie von Srdan Dragojević

 

Wichtiger sind ist die Entwicklung des Verhältnisses von Vater und Sohn, die sich nach dem Tod der Mutter zusammenraufen müssen. Als Ex-Leistungssportler glaubt der Vater, dass nur körperliche Ertüchtigung dem Jungen aus der Trauer helfen kann. Er schleppt ihn mit zum Training, wo Florian sich mit Papas Liebling Radu (Robert Alexander Baer) anfreundet: einem hübschen, gern flirtenden Rumänen.

 

Radu animiert aus lauter Übermut Florian an dessen Geburtstag zum Kampftrinken, um dann völlig betrunken in seinem Bett einzuschlafen. Außer einem peinlichen Missverständnis des Vaters folgt daraus nichts. Der will alles richtig machen – und tappt deswegen meistens genau daneben.

 

Schräger + ernster Wohlfühl-Film

 

Abermals ist Ranisch eine herzerwärmende Geschichte gelungen, trotz oder gerade wegen der autobiografischen Bezüge. Wunderbar leicht hält er die Waage zwischen traurigen, sogar ergreifenden Momenten und stiller bis schriller Komik. Das liegt vor allem an den hervorragenden Darstellern, allen voran Leinwandneuling Fritjof Gawenda in der Hauptrolle.

 

Indie-Schlagersänger Christian Steiffen kommt mit seinen reichlich kauzigen Ohrwürmern wie „Sexualverkehr“ eine ebenso wichtige Rolle zu. Und Disco-Glamour in einem Lichtenberger Imbiss war vorher noch nie im Kino zu sehen. Insgesamt ergibt das eine Mischung, die im deutschen Film selten gelingt: einen schrägen und zugleich ernsten Wohlfühl-Film. Hinterher möchte man unbedingt tanzen, ob mit oder ohne Discokugel.


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