Michael Douglas + Matt Damon

Liberace – Zu viel des Guten ist wundervoll

Liberace (Michael Douglas) am Piano. Foto: dcm

(Kinostart: 3.10.) Als Glitzern noch geholfen hat: Liberace war der schrillste Star der großen US-Entertainer. Seine Beziehung mit einem Jüngling, bravourös gespielt von Michael Douglas und Matt Damon, inszeniert Steven Soderbergh mit herrlichem Pomp.

Man nehme: eine endlose Saalflucht voller Teppiche und Tapisserien, ausgestattet mit 39 Klavierflügeln, Kristalllüstern in jedem Raum, Unmengen von freestyle-Möbeln zwischen Rokoko und Futurama, nierenförmigem Swimmingpool, dazu tonnenweise Perlmutt, Blattgold, Strass und Glitzerkram aller Art. Das ergibt ein gemütliches Heim nach dem Geschmack von Liberace: „Zu viel des Guten ist wundervoll“.

 

Info

 

Liberace – Zu viel des Guten ist wundervoll (Behind the candelabra)

 

Regie: Steven Soderbergh

119 Min., USA 2013

mit: Michael Douglas, Matt Damon, Dan Aykroyd

 

Website zum Film

 

Er war der schrägste Exzentriker unter den US-Showgrößen. Der virtuose Pianist entdeckte in den späten 1940er Jahren sein Talent als Entertainer. Fortan begeisterte er seine Zuhörer mit einem Mix aus seichter Klassik, Pop und Geplauder, das er mit strahlendem Lächeln vortrug. Mit seiner TV-Show eroberte er ab 1952 ein Millionen-Publikum vorwiegend weiblicher Fans.

 

Pelzmäntel mit meterlanger Schleppe

 

Die waren hingerissen von der Ausstattungsorgie seiner Auftritte: Liberace ließ sich im weißen Rolls Royce auf die Bühne fahren. Er trug Pelzmäntel mit meterlanger Schleppe, die rundum mit Edelsteinen bestickt waren und Hunderttausende Dollar kosteten. Auf seinen Flügeln stand stets ein Kandelaber, dessen Licht sich in seinem Glitzer-Anzug brach. Ein Märchenprinz, der wie der Sternenhimmel funkelte – und kaum einer ahnte, dass er schwul war.


Offizieller Filmtrailer


 

Vaterfigur für den Waisenknaben

 

Das hielt Liberace streng geheim; er verklagte die Presse, wenn sie darauf anspielte. Bei diesem Doppelleben setzt das biopic von Steven Soderbergh an: Der junge Hundetrainer Scott Thorson (Matt Damon), bei Pflegeeltern aufgewachsen, darf 1977 nach einem Konzert in Las Vegas hinter die Bühne und gewinnt die Gunst des selbst ernannten Mr. Showmanship.

 

Liberace (Michael Douglas) engagiert ihn als „persönlichen Assistenten“, teilt Tisch und Bett mit ihm, überhäuft ihn mit Geschenken und bietet ihm die Vaterfigur, die der Waisenknabe nie hatte. Solange ihm sein Protegé zu Willen ist: Scott muss seine Auftritte vorbereiten und darf kaum ausgehen, damit ihr Verhältnis nicht ruchbar wird.

 

Gesichts-OP für Liberace-Ebenbild

 

Als Liberace sich liften lässt, nötigt er seinen Schützling zur Gesichtsoperation, um seinem Mentor optisch zu ähneln. Kleiner Scherz der Maskenbildner: Nach der OP sieht der vorher als babyface zurechtgemachte Matt Damon wieder wie er selbst aus.

 

Scott überkommen Zweifel, die er mit Tabletten und Drogen unterdrückt. Bis ihre kriselnde Beziehung nach fünf Jahren im Eklat endet: Liberace ersetzt ihn durch einen jüngeren Epheben, setzt Scott vor die Tür und findet ihn mit einem Taschengeld ab.

 

Douglas macht Star-Tunte sympathisch

 

Das Auf und Ab dieser Verbindung bis zu Liberaces AIDS-Tod 1987 setzt Steven Soderbergh schnörkellos und temporeich, aber auch konventionell in Szene. Seinen nach eigener Aussage letzten Film hat er für den US-Bezahlsender HBO gedreht, was man ihm ansieht: viel Nah- und Innenaufnahmen, kaum Kamerafahrten oder Totalen.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier einen Beitrag über den Film „The Look of Love“ – grandioses Biopic über Englands reichsten Playboy von Michael Winterbottom

 

und hier eine Besprechung des Films “Magic Mike” über Channing Tatum als männlichen Stripper von Steven Soderbergh

 

und hier einen kultiversum-Bericht über den Film „I love you Phillip Morris“ – glamouröse Coming Out-Story mit Jim Carrey und Ewan McGregor.

 

Doch das stört nicht. Dieses Kammerspiel in pompösen Prunk-Kulissen lebt von brillanten Hauptdarstellern. Michael Douglas, sonst eher auf virile Alphatier-Rollen abonniert, spielt die überkandidelte Star-Tunte so nuanciert, dass sie fast sympathisch wird. Sein affektierter Hyper-Narziss ist ernsthaft bemüht, es allen recht zu machen, um von allen geliebt zu werden; er schottet sich in seinem Schatzhöhlen-Anwesen ab, weil ihm vor der Demaskierung graut.

 

Goldener Käfig mit glitterati

 

Anfangs ist der naive Scott davon geblendet. Bald gewinnt er aber dank Matt Damons Präsenz eigenes Profil und bietet dem Egomanen Paroli. Am Ende hat er zwar seine Luxusexistenz im goldenen Käfig mit glitterati aus Las Vegas und Hollywood verloren, doch sein inneres Gleichgewicht gewonnen.

 

Eigentlich eine unspektakuläre sugardaddy-Zögling-Geschichte. Faszinierend wird sie durch das bombastische Drumherum, in dem sie abläuft. Alle Geschmacksverirrungen der 1970er Jahre kommen im XXL-Format ins Bild: ausgestellte Spitzkragen, pastellfarbene Anzüge mit irrem Schlag und Sportwagen-Flundern auf Breitreifen.

 

Von Elvis bis Lady Gaga

 

Dazu tausenderlei Accessoires aus Liberaces privatem Kitsch-Universum: dicke Klunker an jedem Finger, Strassbesatz auf allen Klamotten oder Stretch-Limousinen mit aufgemalten Piano-Tasten. Alle Paradiesvögel des showbiz haben von ihm abgekupfert: von Elvis über Elton John, ABBA und Udo Jürgens bis zu Madonna und Lady Gaga. Zu Recht: Nie sah bad taste glamouröser aus.


Diesen Artikel drucken