Stefano Sardo

Slow Food Story − Die Geschichte einer Revolution durch Genuss

Alle-Umarmer: Carlo Petrini auf einer seiner vielen Reisen zur Rettung der (Ess-Kultur). Foto: Neue Visionen Filmverleih

(Kinostart 10.10.) Regionale Leckereien statt Massenfraß: Die Slow Food-Bewegung will traditionelle Esskultur fördern. Diese Dokumentation kreist aber vor allem um ihren Gründer Carlo Petrini − ein Porträt mit dem Beigeschmack von Heiligenlegende.

Diese Dokumentation über die Slow Food-Bewegung beginnt ganz am Anfang: bei der Geburt ihres Gründers Carlo Petrini, genannt Carlin − und handelt vor allem von ihm. Die Bewegung selbst kommt eher am Rande vor. Dagegen wird man unterhaltsam über eine außergewöhnliche Persönlichkeit informiert.

 

Info

 

Slow Food Story

 

Regie: Stefano Sardo,

73 Min., Italien 2013;

mit: Carlo Petrini

 

Website zum Film

 

Der Film-Teaser zeigt den blauen Planeten im All; es geht also ums Ganze. Im Off-Kommentar heißt es, dass die industrialisierte Produktion von Lebensmitteln und die Art, wie wir uns ernähren, den Planeten zerstören. Aber es gibt auch Leute, die sich dagegen wehren. Dann erscheint einer von ihnen auf großer Bühne: Carlo Petrini.

 

Käse wird Körper-Teil

 

Er erklärt in einer oft von ihm zitierten Anekdote den Unterschied zwischen Unterwäsche und Lebensmittel: Während selbst die Armani-Unterhose, die er am Körper trage, ihm stets äußerlich bleibe, werde jedes Stück Käse, das er sich einverleibe, unverzüglich zu Carlo Petrini.


Offizieller Filmtrailer


 

Hebamme hieß Frau Kehle

 

Berichte aus seiner Kindheit erklären, warum der Held so wurde, wie er ist. Seine Familie aß zuhause gut; die Mutter kochte hervorragende Pasta und Kaninchengerichte. Und die Hebamme, die den kleinen Carlino 1949 zur Welt brachte, hieß Signora Gola; also etwa „Frau Schlund“ oder „Frau Kehle“. Welch ein Omen! Seine Geburtsstadt Bra liegt zudem im Piemont; Kulinarik spielte hier schon immer eine besondere Rolle.

 

Im Sauseschritt, mit harten Schnitten zwischen Dokumenten, Zeitzeugen-Interviews, comicartigen Illustrationen und Ortsterminen, eilt der Film durch die Stationen von Petrinis Lebensgeschichte. Ende der 1960er Jahre trat er einer kommunistischen Studentengruppe bei; einige Jahre später ging er für den Partito di Unità Proletaria in den Gemeinderat von Bra.

 

Linke entdecken Landleben

 

Dort wurde 1979 erstmals das Festival „Canté i’euv“ („Singen für Eier“) veranstaltet − die italienische Linke entdeckte das Landleben. Einige tausend Jugendliche zogen mit Schlafsack und Gitarre in die Provinz der Langhe; mittendrin Petrini mit Rauschebart und langen Haaren.

 

Die Langhe sind berühmt für den Barolo-Rotwein, der von Festival-Besuchern und von Petrinis Parteigenossen gerne getrunken wird. Er und andere Weinliebhaber gründen den Kreis der „Freunde des Barolo“.

 

Transparenz im Weinberg

 

In den 1980er Jahren wächst die Nachfrage nach italienischen Weinen rasant. Panscher haben Konjunktur; Italien wird erschüttert durch den Methanol-Skandal. Petrini fordert einen „Transparenz-Diskurs“ und die Barolo-Freunde erarbeiten einen innovativen Weinführer. Gemeinsam mit Weinbauern betreiben sie Marketing und Aufklärung.

 

1986 eröffnet McDonalds in Rom seine erste Filiale in Italien. Die Legende möchte, dass zur Eröffnung Petrini mit Freunden ein alternatives eat in veranstaltet. Doch dazu bietet der Film keinen Beleg. Er mäandert um dieses Ereignis herum und macht deutlich: McDonalds mag Auslöser für die Bewegung gewesen sein, doch die Motivationen kamen aus anderen Quellen.

 

Mehr humanitäres Engagement

 

An der Wiege von Slow Food standen politisches Engagement, Gourmandise, kritischer Journalismus, kluges Marketing, Landromantik und der Methanol-Skandal. In Deutschland baute zeitgleich der Ex-Grüne Thomas Hoof den Edel-Versandhandel „Manufactum“ auf, der traditionell hergestellte Produkte zu stolzen Preisen anbietet.

 

Um die Jahrtausendwende wird Petrinis Privatleben erschüttert. Einer seiner engsten Freunde und Mitstreiter stirbt; er selbst erkrankt schwer. Regisseur Stefano Sardo legt nahe, dies hätte seine Bewegung zu stärkerem humanitären Engagement geführt.

 

Carlo Petrini is(s)t gut

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier einen Bericht über den Film „Promised Land“ – Politthriller über Gas-Förderung mittels Fracking von Gus van Sant mit Matt Damon

 

und hier eine Besprechung der Doku „Sushi – The Global Catch“ über die Überfischung der Weltmeere von Mark S. Hall

 

und hier einen Beitrag über den exzellenten Thriller „Bullhead“ von Michaël R. Roskam über die Rinderzucht-Mafia in Belgien.

 

2004 wird das Netzwerk „Terra Madre“ gegründet, in dem Produzenten und Köche gemeinsam die Herstellung hochwertiger und umweltverträglicher Lebensmittel fördern. Slow Food steht seither nicht nur für „gut“ und „sauber“, sondern auch für „faire“ Preise für Erzeuger, obwohl das Engagement für sie schon die Anfangsjahre prägte. Allerdings gibt es schon seit 1991 die Fairtrade-Organisation, die dasselbe anstrebt.

 

Zwar zeigt die Dokumentation, dass Petrini die Slow Food-Bewegung nicht alleine aufgebaut und geführt hat, doch bleibt ein Geschmack von Heiligenlegende. Was der Gründer als Kommunist politisch gemacht hat, außer gut zu essen und zu trinken, bleibt dunkel.

 

Slow Food for fans

 

Wichtige Elemente der Bewegung werden bestenfalls angerissen: etwa Geschmacks-Erziehung bei Kindern oder das Projekt „Arche des Geschmacks“, in die seltene Lebensmittel aufgenommen werden, um sie vor dem Vergessen zu bewahren. Stattdessen wird ausführlich für die Luxus-Markthalle EATALY geworben: Sebastiano Sardo, Bruder des Regisseurs, ist Berater der Kette mit fünf italienischen Standorten sowie Filialen in New York und Tokio.

 

Regisseur Sardo tut niemandem weh: Der Konzern-Name „Monsanto“, als Hersteller von genverändertem Saatgut seit Anbeginn ein Erzfeind der Bewegung, fällt kein einziges Mal. So wird der Film weder mit seiner hektischen Ästhetik noch in den Inhalten der Slow Food-Bewegung insgesamt gerecht. Ob er Carlo Petrini gerecht wird, kann wohl nur der selbst entscheiden.


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