Berlin + Wien

Wien – Berlin: Kunst zweier Metropolen von Schiele bis Grosz

Jeanne Mammen: Revuegirls (Detail), 1928/29. © VG Bild-Kunst, Bonn, 2013; Foto: Berlinische Galerie

In beiden Hauptstädten blühen die Künste; doch ihre Verbindungen sind noch nie untersucht worden. Das holt diese Ausstellung über die Epoche 1890 bis 1933 glänzend nach: erst in der Berlinischen Galerie, anschließend im Wiener Belvedere.

Wien und Berlin standen sich vermutlich nie näher als am Anfang des 20. Jahrhunderts: Beide Städte waren bedeutende Zentren, industrialisierten sich und wuchsen rasch – doch waren sie trotz vieler Gemeinsamkeiten völlig unterschiedlich. Hier die ehrwürdige Kapitale des Jahrhunderte alten Habsburger Reichs, dort die aufstrebende Hauptstadt des neu gegründeten Deutschen Reichs – quasi der Emporkömmling unter Mitteleuropas Metropolen.

 

Info

 

Wien – Berlin: Kunst zweier Metropolen von Schiele bis Grosz

 

24.10.2013 – 27.01.2014

täglich außer dienstags

10 bis 18 Uhr in der Berlinischen Galerie, Alte Jakobstraße 124-128, Berlin

 

Katalog 39,80 €

 

Weitere Informationen

 

14.02.2014 – 15.06.2014

täglich 10 bis 18 Uhr, mittwochs 10 bis 21 Uhr im Belvedere, Rennweg 6, Wien

 

Weitere Informationen

 

Aus künstlerischer Perspektive haben sich beide Städte miteinander entwickelt: Zur selben Zeit um 1900 brachen Künstler hier wie dort in die Moderne auf. Sonderbarerweise wurde dieser Zusammenhang bislang nie systematisch untersucht. Das ändert diese Ausstellung: Sie verfolgt anhand von rund 200 Exponaten die Künste in beiden Metropolen von der Jahrhundertwende bis zu Hitlers Machtübernahme.

 

Secession vs. Kunstakademie

 

Den Auftakt machen die Gründungen der „Secessionen“ als Gegenveranstaltungen zum akademischen Kunstbetrieb. In Berlin propagieren Maler wie Walter Leistikow, Max Liebermann oder Lesser Ury ihre antiakademische Haltung mit der Formensprache von Impressionismus und Realismus.

 

In Wien wollen Künstler wie Gustav Klimt, Josef Hoffmann oder Koloman Moser das moderne Leben mit der Kultur versöhnen, indem sie es durch Kunst, Design und hochwertiges Handwerk ästhetisch aufwerten. Im folgenden Stilpluralismus ab 1910 zeichnet die Schau ganz unterschiedliche Strategien der Künstler nach.


Impressionen der Ausstellung


 

Frauen-Porträts tauschen sich aus

 

In beiden Städten werden radikale wie subtile Methoden verfolgt: vom Jugendstil über Expressionismus und Dada bis zur Neuen Sachlichkeit. Beeindruckend, wie die Kuratoren verschiedene Positionen in Wien und Berlin zusammenführen; etwa durch über Eck gehängte Frauen-Porträts, die sich quasi miteinander austauschen.

 

Klimts Bildnis der „Johanna Staude“ von 1917/18 zeigt kein für ihn typisches, überbordendes Ornament. Der Mantel der jungen Frau zerfranst nicht in Gold-Dekor, sondern bildet ein florales Muster fast sachlich ab. Wie der Original-Stoff, der in den „Wiener Werkstätten“ entworfen wurde und nun in einer Vitrine ausliegt.

 

Schwungvolle Ausfallschritte

 

Doch auch im eher nüchternen Berlin wagen manche Maler ausgelassene Ausflüge in den Jugendstil. Eugen Spiros „Die Tänzerin Baladine Klossowska“ von 1901 legt einen schwungvollen Ausfallschritt aufs Parkett; ihr schwarzes Kleid ist bar jeder Ornamentik. Ein Porträt, das den bedeutungsschwangeren Symbolismus des fin de siécle lustvoll modern interpretiert.

 

In Wien sei eben nicht nur Jugendstil entstanden und in Berlin nicht nur Sachlichkeit, betonte zur Eröffnung Agnes Husslein-Arco, Direktorin des Belvedere in Wien: Hartnäckige Klischees über den vermeintlichen Charakter beider Städte müssten relativiert werden. Das zeigen schon formale Gemeinsamkeiten.

 

Ironische Seitenhiebe

 

Etwa die pastose Nervosität, mit der Egon Schiele den Wiener Verleger Eduard Kosmack porträtiert – wie zugleich Erich Heckel in Berlin seinen Brücke-Kollegen Ernst Ludwig Kirchner. Allerdings lud das Konkurrenzdenken in beiden Städten auch zu ironischen Seitenhieben ein.

 

Wenn der Wiener Herbert Boeckl 1921 eine „Berlinerin“ malt, dann fällt ihr Konterfei bei aller Abstraktion doch auffällig knollennasig aus. Es erinnert eher an Rembrandts Spätwerke als an die flächig-zackige Malweise der Berliner Expressionisten, die sich für exotische Motive und Lebensreform-Ideen begeistern.

 

Kein Dada in Wien

 

Deren Liebe zum Nudismus scheint der Österreicher Anton Kolig mit seinem Gemälde „Kniender Narziss“ respektvoll spöttisch zu kommentieren. Nichtsdestoweniger tauschen sich die Protagonisten des Expressionismus in beiden Städten intensiv aus: So beliefern Wiener Künstler wie Egon Schiele und Oskar Kokoschka regelmäßig die Berliner Zeitschriften „Der Sturm“ von Herwarth Walden und „Die Aktion“ von Franz Pfemfert mit Zeichnungen und Beiträgen.

 

Es gibt aber auch regionale Sonderwege. Nach dem Ersten Weltkrieg wird der Dadaismus in Berlin zu einer der radikalsten Avantgarde-Strömungen überhaupt; in Wien findet hingegen diese Antikunst überhaupt nicht statt. Umgekehrt ist der österreichische Kinetismus, der Anfang der 1920er Jahre Merkmale von Futurismus, Kubismus und Orphismus verschmilzt, in Berlin praktisch unbekannt.

 


Diesen Artikel drucken