Aida Begić

Djeca – Kinder von Sarajevo

Rahima (Marija Pikic). Foto: Barnsteiner Film

(Kinostart: 7.11.) Ein Bürgerkrieg, der nicht vergehen will: Regisseurin Aida Begić schildert den Alltag zweier Kriegswaisen in Bosniens Hauptstadt. Nüchterne Bilder der ruhelosen Kamera und eine nie ruhige Klangkulisse entfalten eigenartige Sogwirkung.

In ihrem zweiten Spielfilm nach „Snow“ (2008) erzählt Regisseurin Aida Begić erneut von den tiefen seelischen Wunden, die der Bosnien-Krieg bei einfachen Leuten hinterlassen hat. Zwei Jahrzehnte nach dessen Ende findet das kleine Land immer noch keine Ruhe; ebenso wenig wie die Figuren in „Djeca – Kinder von Sarajevo“

 

Info

 

Djeca – Kinder von Sarajevo

 

Regie: Aida Begić,

90 Min., Bosnien-Herzegowina 2012;

mit: Marija Pikic, Ismir Gagula, Nikola Duricko

 

Website zum Film

 

Kinder sind die 23-jährige Rahima (Marija Pikic) und ihr 13-jähriger Bruder Nedim (Ismir Gagula) nicht mehr – sondern Kriegswaisen, aufgewachsen in einem Kinderheim in Sarajevo. Rahima arbeitet als Köchin in einem schicken Restaurant; mit ihrem mageren Verdienst muss sie sich und ihren Bruder durchbringen.

 

Frömmigkeit + Rebellion

 

Beide sind vom Krieg traumatisiert und gehen damit auf verschiedene Weise um. Rahima hat sich dem Islam zugewandt; Nedim rebelliert gegen alles und jeden, vor allem gegen Kriegsgewinnler und die neuen Eliten.


Offizieller Filmtrailer


 

In die Restaurant-Küche hineingeworfen

 

Als er sich in der Schule mit dem Sohn eines Lokalpolitikers anlegt, wird der Druck auf ihn größer, denn die alten Seilschaften funktionieren weiter. Für Rahima steht viel auf dem Spiel: das Sorgerecht für ihren Bruder und ihre eigene Existenz. Aber sie hat früh gelernt, zu kämpfen, und gibt nicht so schnell auf.

 

In ihren Alltag in der Restaurant-Küche wird der Zuschauer ohne Vorwarnung hineingeworfen. Die Kamera folgt der jungen Frau bei allen Wegen und Handgriffen, und sie wird während des ganzen Films nah bei ihr bleiben: Genauso ruhelos wie die Protagonistin, steht die Kamera nie still.

 

Souverän und abweisend zugleich

 

Dabei erscheint die Stadt Sarajevo reichlich trübe: graue Straßenschluchten und enge Räume. Rahima bewegt sich darin souverän und abweisend zugleich; immer auf der Hut. Sie misstraut vor allem den Mächtigen, zu denen auch ihr Chef zählt: Der Macho-Ausbeuter mauschelt mit Lokalgrößen und maßregelt sie wegen ihres Kopftuchs.

 

Ihr Bruder Nedim droht, ins kleinkriminelle Milieu abzurutschen, denn er sieht tagtäglich, dass man mit Freundlichkeit und Ehrlichkeit nicht weit kommt. Aber Rahima tut alles, um ihn und sich zu beschützen. Sie war nicht immer eine fromme Muslima. Das Kopftuch scheint für sie eine Art Schutz zu sein: Als eine Freundin sie fragt, warum sie es trägt, lächelt sie nur.

 

VHS-Rückblenden zur Vorgeschichte

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des bosnischen Films „Aus dem Leben eines Schrottsammlers“ von Danis Tanović, prämiert mit dem Großen Preis der Berlinale-Jury 2013

 

und hier einen Beitrag über den Film In the Land of Blood and Honey von Angelina Jolie über den Bosnien-Krieg

 

und hier einen Bericht über den Film Cirkus Columbia von Danis Tanović über den Beginn des Bosnien-Kriegs

 

Um diese hermetisch erscheinende Welt halbwegs zu verstehen, muss man genau hinschauen. Gesprochen wird nur das Nötigste; über Gefühle redet man nicht. Nur selten bricht die jahrelang eingeübte, undurchdringliche Fassade auf; von Herzlichkeit ist wenig zu spüren.

 

Trotz oder gerade wegen seiner tristen, grauen und fast dokumentarischen Alltags-Bilder entwickelt der Film einen eigenartigen, atemlosen Sog. Den unterbrechen nur Rückblenden in wackligen VHS-Bildern, die etwas von Rahimas und Nedims Vorgeschichte verraten; sie erschließt sich ansonsten nur aus Andeutungen.

 

Lärm wie im Kriegszustand

 

Neben der exzellenten Hauptdarstellerin und hervorragenden Kameraführung kommt auch dem Ton eine wichtige Rolle zu. Zwar wird wenig gesprochen, aber still ist es nie. Irgendwo wird immer gebohrt oder gehämmert – oder, weil der Jahreswechsel bevorsteht, eine Silvesterrakete abgefeuert. Das klingt, als wäre diese Stadt nach wie vor im Kriegszustand: Wenn sich Rahima erinnert, vermischen sich Stadtgeräusche mit dem Kanonendonner des Bürgerkriegs.

 

Bis in Bosnien-Herzegowina fröhliche Komödien gedreht werden, wird noch einige Zeit vergehen, befindet Regisseurin Aida Begić. Dennoch gönnt sie ihrem Film zumindest ein offenes Ende, das auch gut ausgehen kann.


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