Bernardo Bertolucci

Ich und Du

Olivia (Tea Falco) und Lorenzo (Jacopo Olmo Antinori) unterwegs. Foto: Koolfilm

(Kinostart: 21.11.) Bernardo Bertolucci, Altmeister des Leinwand-Epos, greift zur kleinen Form. In seinem ersten Film seit neun Jahren verstecken sich zwei Geschwister im Hauskeller – ein stilles, intensives Kammerspiel mit sanftem Spannungsbogen.

Bernardo Bertolucci ist ein Meister der großen Form: Er hat 1976 in dem fünfstündigen Leinwand-Epos „1900“ ein halbes Jahrhundert italienischer Geschichte durchmessen. In „Der letzte Kaiser“ ließ er 1987 das feudale China wieder auferstehen und kollabieren. Er fing 1990 die Weite des „Himmels über der Wüste“ ein und re-inszenierte die 1968er-Revolution in „Die Träumer“ von 2003 als erotisches Kammerspiel.

 

Info

 

Ich und Du

 

Regie: Bernardo Bertolucci,

97 Min., Italien 2012;

mit: Tea Falco, Jacopo Olmo Antinori, Sonia Bergamasco

 

Website zum Film

 

Der Schritt in die Innerlichkeit, die er dabei andeutete – die drei „Träumer“ tollten durch das Labyrinth einer Pariser Prachtwohnung – wird im neuen Werk „Ich und Du“ radikal vollzogen. Sein erster Film seit neun Jahren spielt im Keller eines bürgerlichen Wohnhauses in Rom.

 

Außenseiter beobachtet Ameisen

 

Dorthin hat sich der 14-jährige Lorenzo (Jacopo Olmo Antinori) geflüchtet; ein introvertierter Junge in der Blüte seiner Pubertät. In der Schule ein Außenseiter, beobachtet er gerne Ameisen, nervt Verkäufer in Zoohandlungen mit Spezialwissen, lässt den Schulpsychologen auflaufen und bringt seine allein „erziehende“ Mutter mit ödipalen Fragen aus der Fassung.


Offizieller Filmtrailer


 

Halbschwester-Besuch zum Drogen-Entzug

 

Anstatt in den Skiurlaub zu fahren, verdrückt er sich in den ungenutzten Keller des Hauses. Er will verschwinden und mit seiner Welt aus Vampir-Romanen von Anne Rice, Ameisen-Beobachtung und Songs aus dem Computer in seiner uterusartigen Wohn-Zelle eine Woche lang allein sein.

 

Doch er bekommt überraschend Besuch: Eine halb vergessene Halbschwester (Tea Falco) taucht auf. OIivia, Tochter des abwesenden Vaters aus erster Ehe, behält Lorenzos Geheimnis zunächst für sich, um sich dann notgedrungen für einen Drogen-Entzug bei ihm einzuquartieren.

 

Kamera schwebt mit sachlichem Interesse

 

Diese Konstellation reicht Bertolucci für ein intensives, stilles Kammerspiel ohne Eruptionen oder Katastrophen aus. Es gleitet mit schwebender Kamera und sachlichem Interesse an der Mimik seiner Hauptdarsteller einen sanften Spannungsbogen entlang.

 

Die Geschwister umkreisen einander anfangs misstrauisch, dann zunehmend mit gegenseitiger Neugier. Olivia weckt Lorenzos Beschützerinstinkt und unsicheres Begehren; sie findet dagegen unversehens Geborgenheit bei einem Teil der Familie, von dem sie sich für ausgestoßen hielt.

 

Wie der junge Malcolm McDowell

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Djeca – Kinder von Sarajevo  – Drama über Kriegswaisen in Bosnien von Aida Begić

 

und hier einen Bericht über den Film „Tilt“  – Teenager-Liebe im Post-Wende-Bulgarien von Viktor Chouchkov Jr.

 

und hier eine Rezension des Films „Winterdieb“  – neorealistische Alpen-Sozialstudie über elternlose Geschwister von Ursula Meier

 

Beide Schauspieler sind bemerkenswert. Jacopo Olmo Antinori verleiht seinem unbeteiligt vor sich hin blickenden, aber zu heftigen Zornausbrüchen fähigen Lorenzo eine kaum zu unterdrückende, brodelnde Energie, die an den jungen Malcolm McDowell erinnert. Tea Falco muss mit ihrer Olivia alle Stadien des Entzugs durchleiden; sie bringt in jeder Szene eine neue Facette ihrer Persönlichkeit zum Vorschein.

 

Am Ende haben sich zu ihrer eigenen Verblüffung zwei Geschwister gefunden, die einander im Laufe weniger Tage in ihrem Versteck etwas schenken konnten. Antonio hat vielleicht den Mut zu einem eigenen Leben gefunden, und die Bohème-Existenz von Olivia scheint nicht unbedingt in die Verelendung zu führen.

 

Emotionale Vergletscherung

 

Beide haben sich in der „emotionalen Vergletscherung“ ihrer Existenz, wie Regisseur Michael Haneke das einmal nannte, etwas aneinander wärmen können. Der bürgerlichen Lebenswelt, vor der sich die Geschwister in ihr Verlies flüchten, stellt der Film kein gutes Zeugnis aus. „Ich und Du“ wirkt wie eine spätkapitalistische Version griechischer Königsdramen: Die Verwandten müssen einander nicht mehr umbringen – jeder erledigt sich selbst, und jeder stirbt für sich allein.


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