Berlin

Pablo Picasso: Frauen – Stiere – Alte Meister

Pablo Picasso: Sitzende Frau. Foto: © Staatliche Museen zu Berlin, Neue Nationalgalerie / Jg P. Anders

Meister aller Kunst-Klassen und -Techniken: Picasso bleibt der wichtigste Künstler des 20. Jahrhunderts. Wie virtuos vielseitig er war, führt das Kupferstichkabinett vor: mit Grafiken aus eigenem Bestand in einer innovativ inszenierten Ausstellung.

Mit Pablo Picasso ist es so eine Sache. Natürlich ist er zweifelsohne einer der wichtigsten und einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts, wahrscheinlich sogar der wichtigste. Und ein Künstler, dessen Einfluss nach seinem Tod, der nun schon vierzig Jahre zurück liegt, noch immer wirkt.

 

Info

 

Pablo Picasso: Frauen – Stiere – Alte Meister

 

13.09.2013 – 12.01.2014

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,
donnerstags bis 20 Uhr,
am Wochenende ab 11 Uhr

im Kupferstichkabinett, Kulturforum, Matthäikirchplatz, Berlin

 

Katalog 38 €

 

Weitere Informationen

 

Aber Picasso ist eben auch eine Marke: ein international brand des Kunstbetriebs und des Publikumsinteresses. Picasso zieht; weil jeder ihn kennt, weil er bei aller Vielgestaltigkeit seines Werks doch unverwechselbar ist. Insofern verbrennt man sich mit einer Picasso-Ausstellung leicht die Finger. Was alle kennen, kann eben auch schnell langweilig werden.

 

Auf Grafik beschränkte Werkschau

 

Die Staatlichen Museen zu Berlin (SMB) gehen einen vermeintlich sicheren Weg und präsentieren Picasso mit einer Werkschau, die sich auf eine Gattung beschränkt. Picasso war während seiner gesamten Schaffenszeit auch ein bedeutender Grafiker, und die SMB haben ihn früh gesammelt.

 

Erstes Blatt schon 1912 angekauft

 

So greift das Kupferstichkabinett für die aktuelle Ausstellung vornehmlich auf den eigenen Besitz von 180 Grafiken und Zeichnungen zurück; das entspricht sieben Prozent von Picassos grafischem Gesamtwerk. Insgesamt 2400 Radierungen, Stiche, Linolschnitte und andere Drucke auf Papier hat er in sieben Jahrzehnten angefertigt.

 

„Es ist die weltweit älteste Picasso-Sammlung überhaupt,“ betonte Direktor Heinrich Schulze Altcappenberg bei der Eröffnung mit sichtlichem Stolz: „Sie ist immer parallel zum Schaffen des Künstlers entstanden ist.“ Bereits 1912 wurde das erste Blatt erworben.


Impressionen der Ausstellung


 

Stierkampf-Künstler in der Arena

 

Kuratorin Anita Beloubek-Hammer gelingt es, in der Konzentration auf eine eher kleine Ausstellung den Künstler innovativ zu inszenieren. Ihre in einem weiten Rund wie einer Arena präsentierte Schau hängt die Exponate eng nebeneinander und kontrastiert ähnliche Motive in verschiedenen Techniken.

 

Dazu kommen noch diverse SMB-Objekte und einige Leihgaben anderer Museen. Die originelle und auf zu viel Ehrfurcht verzichtende Präsentation macht deutlich, dass in Zeiten knapper Kassen trotzdem ambitioniert mit der eigenen Sammlung gearbeitet werden kann.

 

Keine Scheu vor Gebrauchsgrafik oder Kunsthandwerk

 

Denn Picasso zieht nicht nur, er ist auch immer noch spannend. Auch wenn seine Motive – etwa die Harlekine und Habenichtse der blauen und rosa Periode zu Beginn des 20. Jahrhunderts und die Bildnisse und Stillleben, mit denen er den Kubismus begründete – ebenso hinlänglich bekannt sind wie seine zentrale Themen.

 

Etwa die antike Mythologie und der Stierkampf, die metaphorischen und politischen Werke gegen den Spanischen Bürgerkrieg und Diktator Franco, seine Zitate historischer Vorbilder und natürlich die Porträts seiner vielen Frauen. Mit ihrer vergleichenden Hängung der Bilder beweist die Schau, dass Picasso als Universalkünstler praktisch alle Techniken beherrschte und weder eine Scheu vor Gebrauchsgrafik noch vor Kunsthandwerk hatte.

 

Faszinierende Artikulation im Kleinen

 

Die Ausstellung überrascht gerade deshalb, weil sie auf das grafische Œuvre fokussiert, das sonst weniger beachtet wird. Hier faszinieren nicht Ölgemälde, die in Millionenhöhe versichert sind, sondern die Artikulation des Künstlers im Kleinen: Im rasanten Schwung einer Zeichnung, im drastischen Kraftakt eines Holzschnitts oder im Humor einer keramischen Dekoration.

 

Obgleich sich bei Picasso die Motive häufig wiederholen, liegt seine Meisterschaft in der Variation dieser Themen begründet. Die Besucher werden zum vergleichenden Sehen eingeladen: Im Dezember 1948 stellte Picasso eine „Frau im Lehnstuhl“ mit kubistischen und surrealistischen Elementen dar.

 

Dieselbe Technik, ganz anderer Stil

 

Einen Monat später löst sich die Figur bereits in gestischen Schwüngen auf; in dieser Lithografie findet sich von Kubismus und Surrealismus keine Spur mehr. Seine Geliebte Jacqueline porträtierte 1959 in geradezu klassizistischer Manier, nur um sie drei Jahre später in fast abstraktem Expressionismus zersplittern zu lassen. Die Technik blieb dieselbe: Linolschnitt.

 

Eines der spannendsten Kapitel der Ausstellung versammelt mythologische Gestalten. Mit dem kraftvollen Minotaurus und dem sinnesfreudigen Faun dürfte sich Picasso selbst identifiziert haben; doch legt er solche Figuren immer auch ambivalent an.

 

Sexuelle Raserei oder rohe Gewalt?

 

Die Federzeichnung „Minotaurus und Marie-Thérèse“ von 1933 ist somit auch als Selbstporträt zu verstehen. Doch das Blatt ist zweischneidig: Zeigt es das Paar beim erotischen Liebesspiel? Oder tangiert die sexuelle Raserei schon den Straftatbestand der Vergewaltigung?

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung “Blickwechsel: Pioniere der Moderne” mit Werken von Picasso in München

 

und hier einen Bericht über die “Wiedereröffnung des Museum Berggruen” mit der viertgrößten Picasso-Sammlung weltweit in Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Brassaï Brassaï. Im Atelier & Auf der Straße” über Brassaï als Haus-Fotografen von Picasso in Berlin.

 

In einer Radierung aus demselben Jahr beugt sich der Minotaurus über eine Schlafende. In welcher Absicht kommt die rohe Gewalt über die Unschuld? Vor dem Hintergrund der radikalen Veränderungen in Europa kann man Picassos Motive nicht nur als persönliche Bilder sehen, sondern muss sie auch unter politischen Vorzeichen lesen.

 

Nichts entsteht ohne Einsamkeit

 

Die Schrecken des Kriegs, die Picasso immer wieder thematisiert, durchlebt nicht nur der Künstler selbst, sondern auch sein Alter Ego: der Faun. 1948 bläst er in einer figurativen, fulminant skizzierten Lithografie schon wieder die Flöte. Von einer Fayence-Platte desselben Jahrs grinst er dagegen wie ein plakativ abstraktes Zeichen.

 

Viele Picasso-Ausstellungen werden durch sein übergroßes Ego überstrahlt; dabei hatte der Künstler auch melancholische Züge. „Nichts kann ohne Einsamkeit entstehen“, sagte er 1932 in einem Gespräch mit dem griechisch-französischen Kunstkritiker Tériade: „Ich habe mir eine Einsamkeit geschaffen, die niemand ahnt.“

 

Als Verlorenheit sollte man diese Einschätzung rückwirkend nicht deuten; eher als intime Zurückgezogenheit ins Bild. Im der Schau des Kupferstichkabinetts ahnt man diese Einsamkeit als stille Präsenz Picassos in jedem seiner Bilder.


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