Naomi Watts + Robin Wright

Tage am Strand

Roz (Robin Wright) und Lil (Naomi Watts) am Strand. Foto: © 2013 Concorde Filmverleih

(Kinostart: 28.11.) Lesbische Frauenfreundschaft und/oder inzestuöse Überkreuz-Beziehung: Die Vorlage von Nobelpreisträgerin Doris Lessing schillert moralisch vieldeutig. Doch die Verfilmung durch Anne Fontaine erliegt ihrem Hang zum Schönfärben.

Das timing für den Kinostart könnte kaum besser sein. Während hierzulande alles in Winterstarre fällt, zeigt dieser Film das Paradies eines unbeschwerten Sommers: Sonne, Strand, Meer und einen malerischen Küstenort in Australien. Der Pazifik blitzt blau, verführerische Leichtigkeit liegt in der Luft.

 

Info

 

Tage am Strand

 

Regie: Anne Fontaine,

112 Min., Frankreich/ Australien 2013;

mit: Naomi Watts, Robin Wright, Xavier Samuel, James Frecheville

 

Website zum Film

 

Zwei schöne, reife Frauen sonnen sich am Strand und sehen ihren wohlgeratenen Söhnen beim Surfen zu. Regisseurin Anne Fontaine hat in altmodischem 35-Millimeter-Cinemascope gedreht; das ergibt sinnliche, in warmes Licht getauchte Bilder. Doch die Idylle ist trügerisch: Bald werden Grenzen überschritten.

 

Doris Lessing starb Mitte November

 

Das Drehbuch basiert auf der Kurzgeschichte „Die Großmütter“ von Literatur-Nobelpreisträgerin Doris Lessing, die Mitte November starb: Darin verschärft sie das heikle Thema der Beziehungen älterer Frauen zu jungen Männern durch eine inzestuös anmutende Konstellation.


Offizieller Filmtrailer


 

Ehemänner werden nicht vermisst

 

Lil (Naomi Watts) und Roz (Robin Wright) sind beste Freundinnen seit Kindertagen. Sie wachsen in einem australischen Badeort auf und werden zu Müttern zweier gleichaltriger Söhne. Beide Frauen wohnen mit ihren Familien in benachbarten Häusern und verbringen ihre Freizeit gemeinsam am Strand; eine Außenwelt scheint es nicht zu geben.

 

Auch ihre Söhne werden zu besten Freunden. Als Lils Ehemann bei einem Unfall ums Leben kommt, schweißt dies das Quartett noch enger zusammen. Roz‘ Ehemann verlässt ebenso seine Familie; er wird nicht vermisst. Im Gegenteil: Als das Mütter-Söhne-Viereck sich selbst überlassen ist, entfaltet sich sofort die eigentliche Dynamik.

 

Paarbildung in homoerotischer Atmosphäre

 

Erst beginnt Lil’s Sohn Ian (Xavier Samuel) eine leidenschaftliche Affäre mit Roz, kurz danach folgt eine Liaison zwischen Roz‘ Sohn Tom (James Frecheville) und Lil. Die Grenzüberschreitung stellt beide Freundschaften auf die Probe. Nach einiger Zeit suchen sich die Söhne gleichaltrige Partnerinnen, die Mütter werden zu Großmüttern – doch die Viererbande ist nicht so leicht zu überwinden.

 

Interessant an dieser Liebeskonstellation ist, dass eine homoerotische Atmosphäre die Paarbildung durchwirkt. Hat Roz nicht eher eine Liebesbeziehung mit ihrer besten Freundin Lil, indem sie sich deren Ebenbild in Form ihres Sohnes ins Bett holt – und umgekehrt?

 

Geschlossenes System

 

Auch die Grenzen zwischen den Mutter-Sohn-Beziehungen verwischen: Zu symbiotisch sind beide Frauen; zu nahe stehen ihnen beide jungen Männer, die sie gemeinsam großgezogen haben. Eine Beigeschmack von Inzest erschwert die Einschätzung der Verhältnisse.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der  Presseschau  bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „The Congress“  – Science-Fiction-Animations-Film von Ari Folman mit Robin Wright

 

und hier einen Bericht über den Film „Die schönen Tage“  – lakonisches Drama von Marion Vernoux mit Fanny Ardant + jungem Liebhaber

 

und hier einen Beitrag über den Film „Mein liebster Alptraum“ – sozialutopische Liebes-Komödie von Anne Fontaine mit Isabelle Huppert.

 

Die spielen sich in einem unwirklichen Szenario ab: Exotische Natur und grenzenloses Meer rahmen ein geschlossenes System ein, das nur ohne Einflüsse von außen funktioniert. Mit sonnendurchfluteten Bildern dieses Sehnsuchtsorts und dem Versprechen ewiger Jugend lullt die Regisseurin den Zuschauer ein, um ihn in eine Falle zu locken.

 

Softporno für ältere Damen

 

In der steckt auch der Film selbst: Die moralische Brisanz der Geschichte erstickt unter wabernder Erotik, die wie schweres Parfüm über den „Tagen am Strand“ liegt. Wenn die muskulösen Körper der jungen Männer im Sonnenlicht glänzen und die Kamera unermüdlich ihren Bewegungen folgt, entsteht der look eines Softpornos für ältere Damen.

 

Regisseurin Fontaine bebildert gern komplizierte Biographien und Liebesverhältnisse: In „Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft“ (2009) zeichnete sie den Karriere-Start der Modeschöpferin nach. In „Mein liebster Alptraum“ verkuppelte sie Isabelle Huppert als versnobte Galeristin mit einem Proleten. Doch in der Südsee erliegt Fontaine dem Hang zum Schönfärben.

 

Daran kann auch die Schauspieler-Riege wenig ändern: Allein Robin Wright bringt genug Tiefe mit, um aus ihrer Roz eine glaubhafte Figur werden zu lassen. Man muss also bei der  Verfilmung dieser eigentlich faszinierenden Geschichte recht viel Kitsch und Seichtheit ertragen.


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