Joshua Oppenheimer

The Act of Killing

Was mag das wohl bedeuten? Schönheiten tänzeln in einen Riesen-Fisch. Foto: © WOLF Consultants

(Kinostart: 14.11.) Killer als Kino-Stars: Mörder, die in Indonesien 1965 Tausende von Menschen töteten, inszenieren sich in einem grotesken Spielfilm als coole Helden. Für diese Doku erhielt Regisseur Oppenheimer den Berlinale-Publikumspreis 2013.

Unter den großen Massenmorden des 20. Jahrhunderts ist dieser am wenigsten bekannt: 1965/6 wurden in Indonesien nach Schätzungen bis zu 2,5 Millionen Menschen abgeschlachtet, weil sie der PKI angehörten – der mit rund 3,5 Millionen Mitgliedern größten Kommunistischen Partei außerhalb des Ostblocks.

 

Info

 

The Act of Killing

 

Regie: Joshua Oppenheimer

115 Min., Indonesien/ Dänemark/ Großbritannien 2012  

mit: Anwar Congo, Jusuf Kalla, Herman Koto

 

Website zum Film + Kinoliste

 

Die Vorgeschichte ist etwas verwickelt: 1965 versuchte eine Gruppe indonesischer Militärs zu putschen, indem sie sechs hochrangige Generäle ermordete. Diese „Bewegung des 30. September“ wurde vom rechtsgerichteten General Suharto mit CIA-Unterstützung niedergeschlagen. Suharto machte die PKI für den Putsch verantwortlich ein Vorwand, um die Kommunisten und weitere ungeliebte Minderheiten, wie in Indonesien lebende Chinesen, systematisch niederzumetzeln.

 

Genauer Massaker-Verlauf ist unbekannt

 

Diese Massaker wurden vom Militär und eigens rekrutierten Hilfstruppen verübt. Den amtierenden, linksnationalistischen Präsidenten Sukarno setzte Suharto ab; danach regierte er diktatorisch bis zu seinem eigenen Sturz 1998. Der genaue Ablauf des Putschversuchs von 1965 und der folgenden Massenmorde sind bis heute nicht bekannt. Für die Hinterbliebenen der Opfer gab es niemals eine offizielle Entschuldigung und erst recht keine Entschädigung.


Offizieller Filmtrailer


 

Auskunftsfreudige + stolze Täter

 

Im Gegenteil: PKI-Überlebende der Massaker mussten in Lagern Zwangsarbeit leisten; sie und ihre Nachfahren werden bis heute diskriminiert. Dagegen bestehen weiter Verbindungen zwischen der mittlerweile demokratisch gewählten Regierung und den damaligen Mördern: Ungeniert halten Behördenvertreter Lobreden auf Kundgebungen paramilitärischer Einheiten.

 

Der US-Dokumentarfilmer Joshua Oppenheimer hat die Täter befragt: Sie waren ausgesprochen auskunftsfreudig und sehr stolz auf ihre Beteiligung an den Massakern. Daraufhin bot ihnen der Regisseur an, das damalige Geschehen in einem Spielfilm nachzuerzählen, dessen Drehbuch sie selbst schreiben sollten. Den Entstehungsprozess dieses Films dokumentiert „The Act of Killing“.

 

Kino-Gangster orientieren sich an Film-Stars

 

Die Hauptrollen spielen Anwar Congo und Herman Koto, zwei frühere „Kino-Gangster“. Sie verkauften Kino-Tickets auf dem Schwarzmarkt, gingen kleinkriminellen Geschäften nach und verabscheuten die Kommunisten: Die PKI rief oft zum Boykott von Hollywood-Filmen auf, wodurch Anwar und Herman weniger verdienten. Mit Kommunisten-Hass und Gewaltbereitschaft qualifizierten sie sich als professionelle Mörder.

 

Die „Gangster“ orientierten ihr Selbstverständnis an Kino-Stars wie James Dean und Schurken aus Mafia-Filmen. Stolz bezeichnet Anwar sich selbst als „Gangster“, was er als „freier Mann“ übersetzt; darunter versteht er jemanden, der in bester Übermenschen-Tradition jenseits von Gut und Böse steht und einfach tut, was ihm gefällt.

 

Mord-Methoden aus Mafia-Filmen abgeschaut

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „The Lady – Ein geteiltes Herz“ – Biopic über Aung San Suu Kyi als Kämpferin gegen Burmas Militär-Dikatur von Luc Besson

 

und hier einen Bericht über den Film „Camp 14 – Total Control Zone“ – Doku von Marc Wiese über unmenschliche Haft in Nordkoreas Arbeitslagern

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „ASIA: Looking South“ – mit zeitgenössischer Kunst aus Indonesien in der Galerie ARNDT, Berlin

 

Während der Mordkampagne 1965 kam es häufiger vor, dass Anwar sich zuerst einen Film etwa mit Elvis Presley ansah, um danach in bester Laune aus dem Kino in die Zeitungsredaktion gegenüber zu gehen. Dort wartete jede Nacht eine große Anzahl angeblicher Kommunisten darauf, von ihm umgebracht zu werden.

 

Als besonders effizient erwies sich dabei, Opfer ohne Blutvergießen mit einem Draht um den Hals zu erdrosseln; diese Methode hatten sich Anwar und Herman aus Mafia-Filmen abgeschaut. Sie inszenierten Verhör, Folterung und anschließende Ermordung ihrer Opfer in einer Atmosphäre wie bei klassischen Gangster-Filmen.

 

Rosa Schönheiten tänzeln in Riesen-Fisch

 

Ihren selbst verfassten Spielfilm lockern sie zwischendurch mit ebenso kitschigen wie humoristischen Szenen auf: Da wird etwa der beleibte Macho Herman als Dame in Tüll hergerichtet. Oder eine Reihe schöner Frauen tanzt in schwarzen Stiefeln und rosa Kleidern freudig vor einer riesigen, begehbaren Fisch-Skulptur in tropischer Landschaft.

 

Das sieht für nicht nur für westliche Augen unglaublich aus, ist aber dennoch wahr: So setzen indonesische Killer ihre Untaten vor fast 50 Jahren in Szene. Immerhin wird Anwar im Verlauf des Filmdrehs zunehmend nachdenklich und sich der Bedeutung seiner Taten bewusst. Darauf setzt Regisseur Oppenheimer – und der Erfolg gibt ihm Recht: Trotz der düsteren Thematik erhielt „The Act of Killing“ auf der Berlinale 2013 den Panorama-Publikumspreis.


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