Eran Riklis

Zaytoun

Fahed (Abdallah El Akal) und Yoni (Stephen Dorff). Foto: Senator Film
(Kinostart: 14.11.) Freundschaft ist machbar, Herr Nachbar: Junger Palästinenser und jüdischer Pilot überwinden gemeinsam die Grenze zwischen Libanon und Israel. Dem Nahost-Wohlfühlfilm von Eran Riklis geht am Ende fatalistisch die Luft aus.

Libanon, Anfang der 1980er Jahre: Im vom Bürgerkrieg heimgesuchten Beirut lebt der junge Palästinenser Fahed (Abdallah El Akal) in einem Flüchtlingslager. Kein guter Ort zum Aufwachsen: hier drohen Scharfschützen, dort die Feindseligkeit der Libanesen.

 

Info

 

Zaytoun

 

Regie: Eran Riklis,

110 Min., Israel/ Großbritannien 2012;

mit: Stephen Dorff, Abdallah El Akal, Ali Suliman

 

Website zum Film

 

Im Lager hat die PLO das Sagen, die ihrerseits das Feuer der israelischen Armee auf sich zieht. Dazwischen fahren gepanzerte UN-Fahrzeuge durchs Bild. Zuhause pflegt der melancholische Vater den letzten Olivenbaum der Familie und träumt davon, ihn wieder in seinem Heimatdorf Zaytoun einpflanzen zu können.

 

Langer Weg nach Zaytoun

 

Als der Vater bei einem israelischen Flieger-Angriff stirbt, übernimmt Fahed die Verantwortung für den Baum; er will sich auf den Weg nach Zaytoun machen. Doch das liegt im heutigen Israel wie soll ein 13-jähriger Junge dorthin gelangen?


Offizieller Filmtrailer


 

Flucht in Ketten aus Beirut

 

Die Lösung fällt gleichsam vom Himmel. Der israelische Kampfpilot Yoni (Stephen Dorff) springt über Beirut ab und gelangt in die Obhut von Faheds kleiner Jungs-Bande. Nachdem er dem Soldaten eine Kugel ins Bein geschossen hat, schließen beide eine Vereinbarung auf Gegenseitigkeit ab: Gemeinsam machen sie sich auf den Weg zur Grenze.

 

Daraus entsteht ein road movie, das das altbekannte Motiv der schicksalhaft aneinander geketteten Feinde („Flucht in Ketten“) in einen ungewohnten Kontext verlegt. Das gelingt zumindest in der ersten Film-Hälfte ausgezeichnet: Die Eröffnung, die uns die Lebenswelt des fußballbegeisterten Fahed als einen großen, gefährlichen Bolzplatz erschließt, ist großartig gefilmt.

 

Was es hieß, damals Palästinenser zu sein

 

Sie führt vor, was Skript-Autor Nader Risq als Motivation für sein Drehbuch angibt: zu zeigen, was es hieß, in der damaligen Zeit ein Palästinenser zu sein. Der Film findet dafür eine Reihe beeindruckender Bilder und differenzierter Charaktere, ohne dabei irgendeine Seite zu schonen.

 

Nachdem es Fahed und Yoni in einem langen Stationen-Drama gelungen ist, Verbündete zu werden und Israel zu erreichen, geht dem Film im letzten Drittel jedoch die Luft aus. Die israelische Armee will den Jungen einfach in den Libanon zurückschicken, wogegen er sich heftig wehrt.

 

Schlüssel passt in Elternhaus-Tür

 

Als sich Yoni aufgerafft hat, seinen neuen Freund auf den letzten Kilometern zu begleiten, lässt sich das verflixte Dorf nicht auftreiben. In Israel sind keine Hinweisschilder auf verlassene Dörfer vorhanden; gegenwärtig arbeitet eine NGO daran.

 

Beide verbringen schließlich gemeinsam eine Nacht im zu guter Letzt gefundenen Elternhaus zwischen den Ruinen, die von Zaytoun noch übrig sind. Sogar der Schlüssel, das Symbol der „Naqba“ (Katastrophe) der palästinensischen Vertreibung von 1948, passt ins Schloss.

 

Schlüssel passt nicht für Konflikt

 

Doch offenbar haben sie sich nichts mehr zu sagen. Im Verlauf von wenigen Schnitten gehen Stunden vorüber, dann kehrt Fahed zurück in den Libanon. Nichts ist geklärt, alles auf Anfang, nur ein Baum ist gepflanzt worden.

 

Nun ist der Olivenzweig immerhin ein Friedenssymbol; diese Schicksalsgenossen-Story mag zeigen, dass Freundschaft selbst dann möglich ist, wenn man von Feinden umzingelt ist. Aber als Schlüssel für den Konflikt, in dem die Geschichte spielt, taugt diese Erkenntnis nicht viel.

 

Weder Kind noch Kampfpilot

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des israelischen Films Die Reise des Personalmanagers - Tragikomödie über Leichen-Überführung von Eran Riklis

 

und hier einen Bericht über den Film "Art Violence" - Dokumentation über das palästinensische Freedom Theatre von Udi Aloni, Batoul Taleb und Mariam Abu Khaled

 

und hier eine Rezension des Films  Das Schwein von Gaza - Tragikomödie über Viehzucht im Gaza-Streifen von Sylvain Estibal

 

Manchmal scheint der Film die ganz Komplexität des Nahost-Dilemmas auf sein Personal projizieren zu wollen, wie es etwa Danis Tanoviç 2001 mit seiner oscar-prämierten Balkankriegs-Groteske „No Man’s Land“ tat; dann scheut „Zaytoun“ wieder davor zurück.

 

Palästina, in welcher Form auch immer man es sich vorstellen mag, ist kein Kind, und Israel kein Kampfpilot. Jedenfalls nicht einer, der aussieht und spricht wie Stephen Dorff: Der Amerikaner ist eine Fehlbesetzung. Er wirkt wie ein aus dem falschen Film gefallener US-Soldat; folglich wird er von seinem jungen Gegenpart schauspielerisch an die Wand gedribbelt. Das dürfte es „Zaytoun“ schwer machen, in Israel ernst genommen zu werden.

 

Kino-Kampf gegen Windmühlen

 

Regisseur Eran Riklis wurde hierzulande mit „Die syrische Braut“ (2004) und „Lemon Tree“ (2008) bekannt. Diesmal wiederholt er sein für europäische Programmkinos maßgeschneidertes Erfolgs-Schema vor neuem Hintergrund. Schon in „Cup Final“ („In der Schusslinie“, 2002) griff er das Motiv des Fußballspiels zwischen den Schützengräben auf, das aus dem Ersten Weltkrieg stammt.

 

Auch in „Zaytoun“ menschelt es wieder inmitten scheinbar unauflösbarer Konfrontationen: Das eine oder andere Übel wird benannt, Vorurteile werden abgebaut, Hoffnung deutet sich an und verfliegt – ach!, die Unterschiede sind doch zu groß. Der Fatalismus dieses Kino-Kampfs gegen Windmühlen gibt seinem Publikum ein großes Fragezeichen mit auf den Weg.


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