Tomáš Luňák

Alois Nebel

Alois Nebel (Miroslav Krobot) kommt auf dem Hauptbahnhof von Prag an. Foto: Pallas Film

(Kinostart: 12.12.) Bester europäischer Animationsfilm 2012: Herausragende Verfilmung der tschechischen Graphic Novel über einen Eisenbahner im früheren Sudetenland. Sein Schicksal verdichtet Regisseur Tomás Lunák zur Allegorie des Grenzlandes.

Mit Animationsfilmen verbindet man mittlerweile meist allerlei bonbonbuntes, quitschfideles Getier, Spielzeug oder gar Fleischbällchen, die von den üblichen 3D-Studios in immer kürzeren Abständen auf die Menschheit losgelassen werden. Dabei kann Zeichentrick durchaus philosophischen Tiefgang aufweisen, wie etwa „Ghost in the Shell“ (1995) von Mamoru Oshii.

 

Info

 

Alois Nebel

 

Regie: Tomáš Luňák

84 Min., Tschechien / Deutschland  2011  

mit: Miroslav Krobot, Leoš Noha, Karel Roden, Marie Ludvíková

 

Website zum Film

 

2008 schuf der Israeli Ari Folman mit „Waltz with Bashir“ einen raffinierten nonfiction-Animationsfilm über seine schockierenden Erlebnisse als Soldat beim Einmarsch der israelischen Armee in den Libanon 1982. Spätestens jetzt war der Animationsfilm endgültig erwachsen geworden.

 

Verdrängtes Kapitel der Zeitgeschichte

 

Nun legt Tomás Lunák mit „Alois Nebel“ eine Verfilmung der gleichnamigen tschechischen graphic novel vor. Ähnlich wie „Waltz with Bashir“ behandelt auch dieser Film ein bisher unzureichend aufgearbeitetes Kapitel der Zeitgeschichte: die Vertreibung der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg.


Offizieller Filmtrailer


 

Hobby: alte Fahrpläne sammeln

 

Doch während Ari Folman seine persönliche Perspektive wählte, um ein historisches Geschehen zu rekonstruieren, verdichtet Tomás Lunák ein dunkles Kapitel der nationalen Geschichte in das Schicksal einer einzelnen, fiktiven Figur hinein.

 

1989 liegt die realsozialistische Tschechoslowakei in den letzten Zügen. Davon bekommt der Bahnhofsvorsteher Alois Nebel auf seiner abgelegenen Station des Örtchens Bílý Potok im grenznahen Altvater-Gebirge wenig mit. Dem stoischen Einzelgänger leistet nur sein Kater Gesellschaft; als Hobby sammelt er alte Fahrpläne.

 

Im Rotoskopie-Verfahren erstellt

 

Das Murmeln von Anfahrts- und Abfahrtszeiten beruhigt Alois, wenn der Nebel heraufzieht und er von düsteren Fetzen der Erinnerung an seine Kindheit geplagt wird. Dann erleidet Alois einen Nervenzusammenbruch und wird in ein finsteres Sanatorium eingewiesen. Dort begegnet er „dem Stummen“; nach dieser Bekanntschaft beschließt er, sich den Gespenstern der Vergangenheit zu stellen.

 

„Alois Nebel“ wurde im Rotoskopie-Verfahren erstellt. Dabei wird zunächst die gesamte Handlung als Realfilm mit echten Schauspielern gedreht. Dieser Film wird auf eine Glasscheibe projiziert und dort Bild für Bild abgezeichnet, wodurch erst der eigentliche Animationsfilm entsteht.

 

Ein Kafkas Heimat würdiger Fatalismus

 

Im Vergleich zu konventionellen Animationsfilmen lässt sich mit Rotoskopie der Eindruck von Realismus steigern, der sich vor allem in den absolut lebensechten Bewegungen der Figuren zeigt. Zugleich wurde „Alois Nebel“ so weit verfremdet, dass eine tatsächlich filmische graphic novel entstanden ist. Die visuelle Gestaltung des Films ist schlicht herausragend: Völlig zurecht wurde er 2012 als bester europäischer Animationsfilm ausgezeichnet.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier ein Interview mit Regisseur Tomáš Luňák und Drehbuch-Autor Jaroslav Rudiš

 

und hier eine Besprechung des Films „Chico & Rita“  – Jazzige Animations-Love-Story von Fernando Trueba + Javier Mariscal

 

und hier einen Bericht über den Film „The Congress“  – Science-Fiction-Animationsfilm von Ari Folman mit Robin Wright

 

Die Bilder bestechen durch ihre sehr dichte Atmosphäre, ganz konkret bei der Umsetzung wechselnder Wetterverhältnisse. Wind und Schnee, Nebel und heftige Regenschauer, gleißender Sonnenschein und undurchdringliche Dunkelheit modellieren eine Welt, in der sich die scharfen Kontraste des deutschen Expressionismus mit dem Gefühl von dunklem Fatalismus verbindet, wie es der Heimat Franz Kafkas durchaus würdig scheint.

 

Stimmung meisterhaft eingefangen

 

Diese optische Gestaltung spiegelt das Thema des Ringens mit einer Identität: die der Hauptfigur vereint sowohl deutsche als auch tschechische Elemente. Die melancholische Grundstimmung von innerem Stillstand und Aus-der-Zeit-Gefallen-Sein akzentuiert zusätzlich die sparsam eingesetzte Musik.

 

Regisseur Tomás Lunák will keine Geschichtsstunde betreiben. Der historische Hintergrund zur Vertreibung der Sudetendeutschen wird quasi nebenher erzählt. In „Alois Nebel“ geht es nicht um Fakten, die man nachlesen kann, sondern darum, die besondere Stimmung in diesem dünn besiedelten tschechischen Grenzland einzufangen: zwischen verdrängter, düsterer Vergangenheit und zaghaftem demokratischen und menschlichem Neubeginn. Das gelingt diesem kleinen schwarzweißen Film-Juwel ganz meisterhaft.


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