Stacie Passon

Concussion – Leichte Erschütterung

Kate (Julie Fain Lawrence, li.) und Abby (Robin Weigert) während einer Liebesnacht. Foto: Edition Salzgeber

(Kinostart: 5.12.) Verzweifelte Hausfrauen suchen Sex in der City: Im Luxus-Loft erlebt eine verheiratete Lesbe ihr Coming Out als Hobbyhure. Aus diesem Softporno-Rezept macht Regisseurin Stacie Passon eine intelligent-raffinierte erotische Utopie.

Was würde wohl Alice Schwarzer dazu sagen? Im feministischen Weltbild ihres Feldzugs gegen Prostitution hat dieses Fallbeispiel so gar keinen Platz: Eine gebildete, gut situierte und sozial bestens integrierte Lesbe bietet ihren Körper feil und erlebt dabei den schönsten Sex ihres Lebens. Wie ist das möglich?

 

Info

 

Concussion –
Leichte Erschütterung

 

Regie: Stacie Passon

93 Min., USA 2013,

mit: Robin Weigert, Julie Fain Lawrence, Maggie Siff;

 

Weitere Informationen

 

Die 42-jährige Abby (Robin Weigert) ist mit der erfolgreichen Scheidungs-Anwältin Kate (Julie Fain Lawrence) verheiratet; das Paar hat zwei reizende Kinder. Beide führen in der Vorstadtidylle von New Jersey eine wohlgeordnete upper class-Existenz: Eigenheim mit Garten, Freizeit im Fitness-Studio, wo sich Abby körperlich verausgabt, Abende mit kultivierten und kunstsinnigen Freunden.

 

Fremdgehen nach Gehirn-Erschütterung

 

Die geben nach dem dritten Glas Wein schon mal Erlebnisse im Swinger-Club zum Besten. Da kann Abby kaum mithalten: Mit Kate läuft eigentlich alles wunderbar, nur im Bett nichts mehr. Nach einer leichten Gehirn-Erschütterung ändert sie das; es gibt ja Kontaktanzeigen. Das erste Date verläuft desaströs, doch der zweite Versuch mit einer langhaarigen Amazone namens Gretchen endet himmlisch. Allerdings weiß Gretchen, was sie wert ist.


Offizieller Filmtrailer


 

Vom Mauerblümchen bis zur Nachbarin

 

Abby hat ein dazu passendes Hobby: Sie angelt sich verwohnte Appartements in downtown Brooklyn, möbelt sie mit ihrem Kumpel Justin (Johnny Tchaikovsky) auf und vermietet sie lukrativ weiter. Gerade ist eine Wohnung fertig geworden, die sich prima als Liebes-Loft eignet: Dort empfängt sie lustvoll neugierig fortan Damen, die ihr Justin zuführt.

 

Ihre Kundinnen sind so bunt gemischt wie der melting pot New York an seinen solventen Adressen: vom dicken Mauerblümchen über eine nervöse Intellektuelle, die sich leicht verschrecken lässt, oder eine maulfaule Geheimniskrämerin, die sofort zur Sache kommt, bis zur betuchten Nachbarin aus New Jersey.

 

Zwischen „Desperate Housewives“ und „Sex in the City“

 

Beide kennen sich aus dem Elternbeirat der Schule ihrer Kinder. Abby hielt Sam (Maggie Siff) bisher nur für ein snobistisches Luxusweibchen, das beim Shoppen mit vollen Händen die Boni ihres Banker-Gatten ausgibt. Nun lernt sie eine andere Leidenschaften an ihr kennen: Sam packt beim Sex mit Frauen gern fest zu – und Abby schmilzt dahin.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Tage am Strand“  – lesbisches Liebesdrama mit Naomi Watts + Robin Wright von Anne Fontaine

 

und hier einen Bericht über den Film „Sharayet – Eine Liebe in Teheran“  – lesbisches Coming-Out im Mullah-Regime von Maryam Keshavarz

 

und hier einen Beitrag über den Film „Gigola“ – über Crossdresser-Lesben im Paris der 1960er Jahre von Laure Charpentier.

 

Bis dahin wirkt „Concussion“ wie die queere Variante einer Hochglanz-soap, in der beneidenswert attraktive Powerfrauen ihre unheimlich erfolgreichen Yuppie-Existenzen mit anzüglichen Anekdoten und pikanten Affären aufpeppen – schon geographisch pendelt der Film zwischen den locations von „Desperate Housewives“ und „Sex in the City“.

 

Libertärer Traum vor Realität gerettet

 

Darin könnten alle Darstellerinnen, die sonst in Edel-TV-Serien wie „Mad Men“ und „West Wing“ auftreten, sofort mitspielen: als reife Schönheiten mit markanten Zügen, die zu ihren Lachfältchen stehen, aber Bauch und Po durch ständiges workout flach und straff halten. In der Hauptrolle eine „Cosmopolitan“-Leserin beim coming out als Hobbyhure im Schöner-Wohnen-Ambiente.

 

Dann dringt in diesen feuchten Traum die Realität ein: Abby fliegt auf, und Kate erfährt alles. Doch Regisseurin Stacie Passon gibt die libertäre Utopie nicht auf. Wie sie das erotische Paradies, in dem alle auf ihre Kosten kommen, mit wenigen Worten und Gesten rettet, ist als Schluss-Volte so verblüffend wie raffiniert. Da stört nicht einmal, dass sämtliche Bett-Szenen, die reichlich vorkommen, absolut jugendfrei sind. Zumindest das dürfte sogar Alice Schwarzer gefallen.


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