Claudia Cardinale

Das Mädchen und der Künstler

Mercè (Aida Folch) sitzt für Marc Cros (Jean Rochefort) Modell. Foto: Camino Filmverleih

(Kinostart 25.12.) Frischzellenkur für den alten Bildhauer: Eine junge Rebellin inspiriert ihn zum letzten Meisterwerk. Altmodisch ruhiges Kammerspiel in Schwarzweiß, in dem Regisseur Fernando Trueba die Geburt einer kreativen Idee vorführt.

Man kennt solche Geschichten: Grimmiger Greis, enttäuscht und abgesondert von aller Welt, kehrt dank der Liebe eines Kindes zu ihr zurück. Oder: Alter Künstler findet durch eine junge, reine Seele wieder zur Inspiration. Oder: Menschenfeindlicher Stiesel erliegt absichtsloser Verführungskraft. Fernando Truebas jüngster Film erzählt kaum mehr.

 

Info

 

Das Mädchen und der Künstler

 

Regie: Fernando Trueba

105 Min., Spanien 2012

mit: Jean Rochefort, Aida Folch, Claudia Cardinale

 

Website zum Film

 

Immerhin spielt er in Südfrankreich; in einer Landschaft, von der sich Henri Matisse, André Derain, Georges Braque und Pablo Picasso inspirieren ließen. Die Hauptfigur, die offenbar mit all diesen Giganten der Kunst einst vertrauten Umgang pflegte, ähnelt Aristide Maillol. Er stammte aus Banyuls-sur-Mer, suchte ebenso intensiv nach dem Weiblichen und schuf Plastiken, die man im Atelier des fiktiven Bildhauers Marc Cros (Jean Rochefort) wieder zu erkennen meint.

 

Im Versteck Modell sitzen

 

Im Sommer 1943 entdeckt Léa (Claudia Cardinale), die großartige Partnerin des alten Künstlers, eine junge spanische Widerstandskämpferin Mercé (Aida Folch) auf der Flucht und nimmt sie auf. Während sie auf dem Land in seinem Atelier wohnt und für ihn Modell sitzt, bringt sie einen Jungen und einen verletzten Mann über die grüne Grenze.


Offizieller Filmtrailer


 

Deutscher Offizier schreibt Künstler-Bio

 

Irgendwann taucht ein deutscher Wehrmachts-Offizier (Götz Otto) auf und entpuppt sich als Kunstwissenschaftler – er ist mit Cros befreundet und arbeitet seit Jahren an seiner Biographie. Derweil spricht Cros so rücksichtslos und absolut über Schönheit, wie es mancher auch heute noch gern täte.

 

Wer also gern Geschichten über Zeitgeschichte sieht, wird durchaus bedient – wenn auch mit allzu Vertrautem und eigentlich Verbrauchtem. Doch action und Dynamik sind im Schwarzweiß-Porträt eines lupenreinen Ästheten ebenso wenig zu erwarten wie politische Aussagen in einer Meditation über edle Einfalt und stille Größe.

 

Wunder des Lebens aus Erstarrung

 

Worauf es hier ankommt, ist etwas sehr Einfaches: wie im fast schon Erstarrten noch einmal sich Leben regt und dann Kunst entsteht. Anfangs wirkt Cros‘ ausdrucksloses, bartverhangenes Gesicht so, als könne sich hier niemals wieder etwas bewegen. Tonlos und  beiläufig erteilt er der nackten Mercé Befehle; da ist keinerlei Empfänglichkeit spürbar.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “Chico & Rita”  – jazzige Animations-Love-Story von Fernando Trueba + Javier Mariscal

 

und hier einen Beitrag über den Film „Blancanieves – Ein Märchen in Schwarz und Weiß“ – Stummfilm-Adaption von Schneewittchen in Spanien durch Pablo Berger

 

und hier einen Bericht über den Film „Renoir“ –  Porträt des Malers Auguste Renoir, seines letzten Modells und seines Sohns, Regisseur Jean Renoir, von Gilles Bourdos.

 

Dann folgt die Kamera in vollkommener Ruhe seinem Blick über die makellosen Linien ihres Körpers, seiner Kohle auf dem Skizzenblock, und fängt an, mit ihm zu suchen: nach dem archimedischen Punkt der Gestalt und ihrer Gestaltung. Wir folgen seinem Blick auf die junge Frau und seinen Griffen in den Ton, seinem Blick auf das Fleisch und seinem Streichen über den Stein.

 

Keiner kann Inspiration zwingen

 

Mitgefühl stellt sich ein, als er nach abgebrochener Sitzung und unruhiger Nacht am Bett seines noch schlaftrunkenen Modells Platz nimmt und seine Hand mit schwerem Atem über ihren Leib gleiten lässt. Inspiration kann erst kommen, wenn die Empfänglichkeit wiederhergestellt ist. Niemand kann sie zwingen, doch irgendwann ist es soweit.

 

Die Schauplätze, an denen dieses Kammerspiel abläuft, sind teilweise ebenso konventionell wie das gesamte setting. So sitzt der faunische Künstler irgendwann am Ufer eines lauschig umrankten Weihers, vielleicht einer Quelle, und malt seine Nymphe zwischen Seerosen.

 

Lust siegt über Arbeit

 

Doch wie in diesem romantisch toten Weiher-Bild plötzlich das Mädchen anarchisch herumalbert, so setzt sich im ganzen Film immer wieder die Kunst gegen den Krieg, die Lust gegen die Arbeit und die Innovation gegen die Konvention durch. Was der Film vorführt, ist nicht mehr oder weniger als die Geburt einer kreativen Idee. Nicht anderes hat sich Regisseur Trueba vorgenommen, und genau das erreicht er.


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