Marc Rensing

Die Frau, die sich traut

Beate (Steffi Kühnert) macht sich für den Ärmelkanal fit. Foto: X Verleih

(Kinostart: 12.12.) Durch Todesangst gedopte Powerfrau aus dem Osten: Eine Ex-Leistungssportlerin will den Mount Everest im Wasser bezwingen, anstatt sich weiter für ihre Familie aufzuopfern. Regisseur Marc Rensing inszeniert knapp und pointiert.

Die direkte Strecke durch den Ärmelkanal misst rund 44 Kilometer in etwa 17 Grad kaltem Wasser: Eine Durchquerung der Meerenge zwischen England und Frankreich ist „der Mount Everest für Schwimmer“. Um ihn zu bezwingen, braucht man Ehrgeiz, genug isolierendes Körperfett und eisernen Willen.

 

Info

 

Die Frau, die sich traut

 

Regie: Marc Rensing,

98 Min., Deutschland 2012;

mit: Steffi Kühnert, Jenny Schily, Christina Hecke

 

Website zum Film

 

Den Ehrgeiz der „Frau, die sich traut“ weckt eine fatale medizinische Diagnose: Beate hat Krebs. Das rüttelt sie wach, erinnert sie an die Endlichkeit des Lebens und ihre verlorenen Träume. Souverän und schnörkellos bewegend spielt Steffi Kühnert eine Frau, die in diesem Emanzipationsdrama enorme Kräfte mobilisiert.

 

Nebenher Leben der Kinder managen

 

Beate wird bald 50 und steht voll im Leben: Die energische Person strahlt eine gewisse Härte und Resolutheit aus. Sie erledigt ihren verantwortungsvollen Job in einer Großwäscherei und managet nebenbei das Leben ihrer erwachsenen Kinder: Ihre allein erziehende Tochter steht kurz vor dem Examen.


Offizieller Filmtrailer


 

Rundum-Versorgung im „Hotel Mama“

 

Also betreut Mutter die Enkeltochter, kümmert sich um deren Hausaufgaben, geht Einkaufen und kocht Essen. Ihr Sohn wohnt nebst Freundin noch zuhause und verlässt sich voll und ganz auf seine Rundum-Versorgung im „Hotel Mama“: Als sich bei dem jungen Paar Nachwuchs ankündigt, plant sich Beate ganz selbstverständlich als Helferin mit ein.

 

Auch Beates Freundin Henni (Jenny Schily) braucht häufig ein offenes Ohr, um ihre diversen Männerprobleme mitzuteilen und sich Ratschläge zu holen. Wie alle anderen auch wendet sie sich an Beate, die stets für alle da ist und scheinbar keine eigenen Wünsche hat.

 

Angst haben, ohne zu wissen, wovor

 

Dann erfährt Beate von ihrem Arzt, dass ihr Krebsleiden ihr wahrscheinlich nicht mehr viel Lebenszeit lässt. Früher hat sie als DDR-Leistungsschwimmerin jahrelang Dopingmittel genommen; das rächt sich jetzt. Beate muss sich mit ihrer Vergangenheit und einer ungewissen Zukunft auseinandersetzen: Sie stellt die Sinnfrage und trauert über verpasste Chancen.

 

„Hast du Angst?“, fragt Henni ihre Freundin. „Ja – ich weiß nur nicht, wovor“, antwortet Beate, die ihre sportliche Karriere für ihre Kinder aufgegeben hat. Nun wird sie wütend und beschließt, ihr Leben zu ändern und einmal etwas für sich selbst zu tun: Sie will den Ärmelkanal durchschwimmen.

 

Dynamik in Figuren-Konstellationen

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Blue Jasmine“ – Tragikomödie über den Neuanfang einer Bankrotteurs-Gattin mit Cate Blanchett von Woody Allen

 

und hier einen Bericht über den Film „Gloria“  – hinreißendes Porträt einer 58-jährigen Chilenin auf Partnersuche von Sebastián Lelio

 

und hier einen Beitrag über den Film „Halt auf freier Strecke“ – Porträt eines Krebskranken von Andreas Dresen mit Steffi Kühnert.

 

Von nun an trainiert Beate verbissen und bringt die eingespielte Ordnung in ihrem Umfeld arg durcheinander. Nur ihre Freundin Henni ist eingeweiht; die Kinder sollen weder von der Krankheit, noch von ihren Plänen erfahren. Denn Beate ist bewusst, dass ihre Chancen sehr gering sind, ihr Ziel zu erreichen.

 

Die Film-Szenen und -Dialoge sind knapp, pointiert und präzise. Regisseur Marc Rensing dosiert Informationen gerade so, dass sie dem Zuschauer ausreichen, um Zusammenhänge zu begreifen. Diese erfrischende Verknappung auf das Nötigste bringt lebensnahe Dynamik in die Figuren-Konstellationen.

 

Endlich am Strand von Dover

 

Man merkt, dass beide Hauptdarstellerinnen Kühnert und Schily an der letzten Fassung des Drehbuches mitgearbeitet haben: an der Präsenz der beiden Schauspielerinnen, der saloppen Vertrautheit zwischen ihnen und den sehr gut besetzten Nebenrollen.

 

Zwar sind Lebenslage und Probleme der sich aufopfernden Heldin etwas überzeichnet dargestellt, und dramaturgisch hat der Film ein paar Längen. Doch wenn Beate schließlich am Strand von Dover steht, wünscht man ihr, sie möge ihr Leben weiter so aktiv gestalten.


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