Joel + Ethan Coen

Inside Llewyn Davis

Llewyn Davis (Oscar Isaac) auf der Suche nach einer neuen Bleibe. Foto: Studiocanal

(Kinostart: 5.12.) Wintertage im Leben eines verhinderten Weltstars: Die Coen-Brüder porträtieren einen Folk-Musiker der 1960er Jahre, dem trotz Talent und heißem Bemühen nichts gelingt. Selten war kreatives Scheitern so schön anzusehen.

Die meisten biopics – Musiker-Biographien sind da keine Ausnahme – sind nach dem Muster archaischer Helden-Epen gestrickt: verheißungsvolle Anfänge, Aufstieg, Herausforderung, Bewährung, Triumph – und vielleicht noch ein skandalumwitterter Abstieg. Dieses Schema ignoriert „Inside Llewyn Davis“ völlig.

 

Info

 

Inside Llewyn Davis

 

Regie: Ethan + Joel Coen,

105 Min., USA/ Frankreich 2013;

mit: Oscar Isaac, Justin Timberlake, Carey Mulligan, Garrett Hedlund

 

Website zum Film

 

Was bei den Coen-Brüdern nicht verwundert: Sie sind eher auf Anti-Helden abonniert. Ob der von Schreibblockaden geplagte Autor „Barton Fink“ (1991), der phlegmatische „Dude“ in „The Big Lebowski“ (1998) oder der vom Pech verfolgte suburbia-Dozent Larry Gopnik in „A Serious Man“ (2006): viele ihrer Hauptfiguren schlittern von einem skurrilen Schlamassel in den nächsten, während das Leben als träger, trüber Fluss an ihnen vorüberzieht. Das ist wahrer Realismus.

 

Netzwerk bis zum Reißen strapazieren

 

In diese Ahnengalerie reiht sich Llewyn Davis (Oscar Isaac) nahtlos ein. Er treibt sich 1961 im New Yorker Greenwich Village herum und müht sich ab, irgendwie auf einen grünen Zweig zu kommen. Das ist im bitterkalten Winter fast aussichtslos: Davis hat keine feste Bleibe, lebt von der Hand in den Mund und strapaziert sein Netzwerk aus Verwandten und Bekannten, bis es beinahe reißt.


Offizieller Filmtrailer


 

Beim Arzt eine Abtreibung gut haben

 

Der Film folgt dem sprunghaften Folk-Musiker durch seinen Tagesablauf, in dem ihm dauernd etwas zustößt, ohne dass etwas Bedeutsames passiert. Mal muss er eine Katze mit sich herumschleppen, die einem Akademiker-Ehepaar gehört, bei dem er die letzte Nacht verbrachte.

 

Dann verlangt Jean Berkey (Carey Mulligan), die Frau seines Freundes Jim (Justin Timberlake), dass er ihre Abtreibung bezahlen solle, weil sie von ihm schwanger sei – doch beim Arzt hat Davis noch eine Behandlung gut: Ein Jahr zuvor zahlte er im Voraus für einen anderen Eingriff, den die Geschwängerte dann unterließ.

 

Lob ohne Engagement kassieren

 

Geld bekommt er auch im winzigen Büro seiner Plattenfirma nicht: Seine erstes Solo-Album liegt wie Blei in den Kisten, von denen ihm gleich eine aufgehalst wird. Dafür darf Davis kurzfristig als Gitarrist bei einer Aufnahme im Tonstudio einspringen. Das Ulklied über den Wettlauf ins All ist ihm zu albern; für ein Handgeld verzichtet er auf Tantiemen. Dummerweise wird der Song später ein Hit.

 

Unverhofft kann er im Auto des Jazzers Roland Turner (John Goodman) nach Chicago mitfahren; dabei bleiben Turner und sein Fahrer (Garrett Hedlund) auf der Strecke. Davis kommt ans Ziel und spielt dem legendären Club-Besitzer Bud Grossmann vor. Von dem kassiert er laues Lob für seinen Gesang und seine Spieltechnik, aber kein Engagement.

 

Ewiger Geheimtipp sein

 

Hin und her, auf und ab – Davis strampelt eifrig und tritt doch auf der Stelle, wie viele Künstler vor und nach ihm. Etwa der 2002 gestorbene Folk-Musiker Dave Van Ronk, an dessen Biographie die Filmfigur angelehnt ist. Er war damals eine Szene-Größe, kam aber nie über den Status eines Geheimtipps hinaus; wie die meisten der zahllosen Bands, die heutzutage mit ein paar tracks auf myspace um Fans buhlen.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier ein Interview mit Joel + Ethan Coen über „Inside Llewyn Davis“

 

und hier eine Besprechung des Films „Frances Ha“  – New Yorker Bohemien-Tragikomödie von Noah Baumbach mit Adam Driver

 

und hier einen Bericht über den Film „On The Road – Unterwegs“ – Verfilmung von Jack Kerouacs Beatnik-Kultbuch durch Walter Salles mit Garrett Hedlund

 

und hier einen Beitrag über den Film „Ginger & Rosa“ – über Bohemien-Jugend in London 1962 von Sally Potter

 

Das hat sich in einem halben Jahrhundert Pop-Geschichte nicht geändert; da kann man Charakterstudien über scheiternde Musiker auch unter folkies im Greenwich Village ansiedeln. Sie hätten Songs von Bob Dylan und Konsorten schon immer gemocht, begründen Joel und Ethan Coen, warum sie diesen nicht gerade nahe liegenden Stoff gewählt haben. Wie von ihnen gewohnt, malen sie ihn liebevoll zum stimmigen Zeitpanorama aus.

 

Vor der Endlos-Debatte um Ausverkauf

 

Ihr New York von 1961 sieht so unglamourös aus wie das Ruhrgebiet: ein Häusermeer aus schmuddeligen Grau- und Brauntönen. Greenwich beatniks sind zwar mittellose Bohemiens und geben sich verbalradikal, laufen aber in braver Bürgerkleidung herum: Gegenkultur im Embryonalstadium.

 

Das änderten erst Dylans Welterfolg, Woodstock und die Folgen. Mit der Kommerzialisierung des Protestes begann die Endlos-Diskussion, die den underground – oder was sich dafür hält – seither beschäftigt: unabhängig und authentisch bleiben oder Kompromisse und Kasse machen?

 

Eine Phantom-Debatte, wie dieser Film vorführt: Qualität und Karriere haben wenig miteinander zu tun. „Jeder kennt doch Menschen, die extrem gut sind mit dem was sie tun – und trotzdem werden sie nie erfolgreich. Das ist eben so“, stellt Joel Coen lakonisch fest. Doch beautiful losers so aufmerksam beim Scheitern zu beobachten, kann sehr erfolgreich sein: Allen hoffnungsvollen Nachwuchs-Musikern machen die Brüder drastisch klar, was den meisten von ihnen blühen wird.


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