Jim Jarmusch

Only Lovers Left Alive

Die Vampire Eve (Tilda Swinton) und Adam (Tom Hiddleston). Foto: Pandora Film

(Kinostart: 25.12.) Frohes Fest, Ihr Blutsauger! In seinem besten Film seit langem verwandelt Jim Jarmusch zwei Vampire in feinsinnige Bildungsbürger, die obskuren Kulturgütern frönen – zur Feier des Lebensgefühls von Postpunk in den 1980er Jahren.

Hier stimmt einfach alles. Der neue Film von Jim Jarmusch dreht sich um Stil als Lebenskunst, genauer: um die Kunst, sein Leben stilvoll zu gestalten, ohne als fashion victim oder special interest nerd zu enden. Wie das geht, führen nicht nur die beiden Hauptfiguren vor, sondern der gesamte Film: mit perfekt passender Ausstattung bis zum I-Tüpfelchen. Etwa im Titel: Der ist in der so genannten „Tannenberg-Schrift“ von 1933 gesetzt.

 

Info

 

Only Lovers Left Alive

 

Regie: Jim Jarmusch

123 Min., Großbritannien/ Deutschland 2013

mit: Tom Hiddleston, Tilda Swinton, Mia Wasikowska, John Hurt

 

Website zum Film

 

Das dürften Adam (Tom Hiddleston) und Eve (Tilda Swinton) wissen. Weil sie ohnehin fast alles kennen, was in den Hoch- und Subkulturen der letzten paar Jahrhunderte relevant war: Sie haben es miterlebt, denn als Vampire sind sie unsterblich.

 

Langzeitvorteil von Vampiren

 

Womit Regisseur Jarmusch die zurzeit wieder so beliebten Blutsauger wundervoll neu definiert: nicht als naive Teenies oder Ausgeburten der Hölle, sondern als feinsinnige Bildungsbürger, die ihren Langzeitvorteil nutzen, um ausgiebig ihren vielfältigen kulturellen Interessen zu frönen.


Offizieller Filmtrailer


 

Hexenhaus in downtown Detroit

 

Der Vampir als uomo universale ist vom Turbokapitalismus genauso bedroht wie alles, das sich nicht besinnungslos beschleunigen lässt. Da kann Adam in seiner einsamen Hexenhaus-Villa in downtown Detroit noch so voller Hingabe mit edlen Instrumenten und seltenen Effektgeräten vor sich hin tüfteln: Irgendwann nehmen ennui und Weltekel überhand.

 

Um ihrem Geliebten in seiner Sinnkrise beizustehen, jettet Eve mit dem nächsten Nachtflug aus Tanger herbei. Gemeinsam rare grooves zu lauschen und einander erlesene Zitate zuzuschnippen, ist ja auch viel schöner als via Skype.

 

Kleine Schwester leert Blutkonserven

 

Ihre Zweisamkeit stört bald Eves kleine Schwester Ava (Mia Wasikowska), die aus Los Angeles einfliegt. Sie bringt allerlei rüpelhafte Manieren aufgekratzter party girls mit: etwa, Adams rechte Hand Ian (Anton Yelchin) anzuknabbern, oder den gesamten Blutkonserven-Vorrat im Kühlschrank zu leeren.

 

Bislang bekam Adam seinen Stoff von einem korrupten Klinikarzt. Nun versiegt diese Quelle; das Paar kehrt rasch nach Marokko zurück, wo Eve von Marlowe (John Hurt) versorgt wird. Wohlgemerkt: dem Renaissance-Dichter Christopher Marlowe, der im London des 16. Jahrhunderts mit Shakespeare wetteiferte. Inzwischen lebt er in Tanger, doch seine Vorräte gehen zur Neige. Adam und Eve müssen ihren Lebenssaft auf archaische Weise beschaffen, die sie eigentlich verabscheuen.

 

Mehr als Kajal und Synthie-Klänge

 

Vampir-Liebe in den Zeiten von Blutgruppen-Soforttests mündet schnurstracks in herrlichen nonsense. Den hält Regisseur Jarmusch zwar vergnüglich durch, doch wichtig ist ihm etwas anderes. Seine Untoten mögen seit Jahrhunderten durch die Welt streifen, aber ihr Habitus ist genau datierbar: Adam wirkt wie ein neo psychedelia indie songwriter, Eve wie eine gothic queen von etwa 1985.

 

Pop-Lexika nennen die Musik jener Jahre post punk oder new wave – die beiden nichtssagenden Begriffe lassen kaum ahnen, wie komplex die Jugendkultur der Zeit war. Wer wie die Protagonisten des aktuellen 1980er-revival damit nur Kajalstifte, Nietenhalsbänder und düstere Synthie-Klänge verbindet, hat nichts begriffen.

 

Vampirhafte Vergangenheits-Aneignung

 

Vermutlich muss man diese Epoche in all ihrer Vielschichtigkeit selbst miterlebt haben, wie die Vampir-Helden des Films, um die zahllosen Anspielungen genießen zu können. Etwa erinnern, dass Nick Cave mit seiner ersten Band „The Birthday Party“ wüsten Lärm-Blues machte, bevor er mit den schwarzromantischen Balladen der „Bad Seeds“ ein Weltstar wurde – denn Adam ähnelt im Auftreten Nick Cave bis aufs halblange Strubbelhaar.

 

Gut wäre auch, zu wissen, dass die Neo-Rockband „The White Stripes“ aus Detroit kommt: Adam und Eve fahren zum Geburtshaus von Bandleader Jack White. Doch es geht nicht um memorabilia oder namedropping, sondern um die Geisteshaltung von underground: in einer Generation, die mit no future und tabula rasa von Punk anfing und wenig später begann, sich kulturelle Hinterlassenschaften anzueignen. Das hat stets etwas Vampirhaftes: aus der Vergangenheit heraussaugen, was in ihr steckt.

 

Blut-Cocktails für Weinliebhaber

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der gelungenen Doku „Blank City“ von Céline Danhier über die New Yorker No-Wave-Szene um 1980 mit Jim Jarmusch

 

und hier einen Bericht über die Foto-Ausstellung „The Ruins of Detroit“ im Kühlhaus Berlin

 

und hier einen Beitrag über den Film “We need to talk about Kevin” – Mutter-Kind-Drama mit Tilda Swinton von Lynne Ramsay

 

und hier einen Bericht über den Film „Stoker“stilvoller Thriller mit Mia Wasikowska von Park Chan-wook.

 

Von vergessenen Renaissance-Autoren bis zu obskuren garage rock singles der 1960er Jahre: Diese Vampire schätzen alles, was ihre Nerven kitzelt, auch bewusstseinsverändernde Substanzen: wenn sie gut gemixte Blut-Cocktails schlürfen. Nicht mit der Verzückung von Pillenschluckern, die endlos weitertanzen wollen, sondern der exzentrischer Connoisseure; wie Weinliebhaber, die edle Tropfen verkosten.

 

Dieser way of life ist in die Jahre gekommen; auch das zeigt der Film schön selbstironisch. Ava muss lange quengeln, bis sich Adam und Eve endlich aufraffen, um mit ihr in ein Rockkonzert zu gehen – wo alles genauso aussieht und klingt wie 1985: Seither ist offenbar nichts Wesentliches passiert.

 

Verführerische Sinneseindrücke

 

Jarmusch dürfte das ähnlich empfinden: Mit seinem Film „Stranger than Paradise“ von 1984, der die Goldene Palme in Cannes gewann, fasste er wie kein anderer Regisseur das Lebensgefühl dieser Ära in Bilder. In drei abgebrannten hipsters aus New York, die sarkastisch witzelnd durch ein schwarzweißes Amerika streunten, erkannten sich Millionen wieder.

 

So ist Jarmusch wie niemand sonst berufen, drei Jahrzehnte später Bilanz zu ziehen, was daraus geworden ist. Er beschönigt nichts: Bei aller Raffinesse sind Adam und Eve Randexistenzen, die von Auslöschung durch Austrocknung bedroht werden. Von ihrem sehr speziell schöngeistigen Gestus nimmt die Gegenwart keine Notiz.

 

Aber irgendwie kommen sie durch – und was sie dabei an verführerisch schillernden Sinneseindrücken sammeln, breitet der Film verschwenderisch aus. All den Spätgeborenen, die damals nicht dabei waren, führt er vor, was sie verpasst haben.


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