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John Verelst (1670–1740): Sa Ga Yeath Qua Pieth Tow, König der Maquas (Mohawk) (Detail), 1710, Öl auf Leinwand. © Library and Archives Canada, Gatineau, QC. Fotoquelle: Bundeskunsthalle Bonn

Auf den Spuren der Irokesen


Indianer ohne Winnetou: Die Irokesen in Nordost-Amerika lebten in Langhäusern aus Holz und hielten Verträge mit Perlenschnüren fest. Ihr einzigartiges Stämme-Bündnis bescherte ihnen Frieden; diese unbekannte Kultur stellt der Martin-Gropius-Bau vor.


Karl May ist schuld: Deutsche mögen Nordamerikas Grasland-Indianer mehr als alle anderen außereuropäischen Kulturen – obwohl jeder weiß, dass die Schmöker von May mit ihrer Lebenswelt kaum etwas zu tun haben. Heute wirken die Verfilmungen aus den 1960er Jahren unfreiwillig komisch. Doch ihren Helden-Status als "edle Wilde" haben Winnetou & Co. nicht verloren.

 

Info

 

Auf den Spuren
der Irokesen

 

18.10.2013 - 06.01.2014

täglich außer dienstags

10 bis 19 Uhr

im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7,  Berlin

 

Katalog 32 €

 

Weitere Informationen

 

In beiden Teilen der Republik: Die westdeutsche Öko-Bewegung ließ sich in den 1980er Jahren von indianischer Weisheit, oder was man dafür hielt, als Richtschnur für naturnahes Leben inspirieren. Und in der DDR wurde Begeisterung für Indianer als scheinbar systemkonforme Solidarität mit Amerikas unterdrückten Ureinwohnern geduldet.

 

Mehr als Bürsten-Haarschnitte

 

Wobei die Lieblinge der Deutschen – Apachen, Comanchen und Sioux – im Mittleren Westen bis zur heutigen Grenze zwischen USA und Mexiko lebten. Von den Irokesen im Nordosten kennt man nur ihren Bürsten-Haarschnitt, den Punks gerne tragen. Die übrige Kultur dieser Stämme wird erstmals in einer Ausstellung der Bundeskunsthalle mit rund 500 Objekten vorgestellt; nun ist sie im Martin-Gropius-Bau zu sehen.


Impressionen der Ausstellung

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Himmelsfrau fällt auf Schildkröten-Insel

 

Die Stämme der irokesischen Sprachgruppen siedelten im heutigen US-Bundesstaat New York und den kanadischen Provinzen Québec und Ontario. Sie wohnten nicht in Zelten, sondern in Langhäusern aus Holz und Baumrinden für fünf bis 20 Familien – deshalb nannten sie sich selbst Haudenosaunee, d.h. "Leute des Langhauses". Der Name Irokesen leitet sich vom Wort Iroqu ("Klapperschlangen") der Algonkin-Indianer ab, die mit ihnen verfeindet waren.

 

Der irokesische Schöpfungsmythos ist einer der schönsten aller Völker: Eine Schwangere fiel vom Himmel, wurde von Vögeln aufgefangen und auf dem Rücken einer riesigen Schildkröte abgesetzt, die im Ur-Ozean schwamm. Auf deren Schild häufte eine Bisamratte so viel Meeresboden-Schlamm, bis die Erde entstand; daher heißt der nordamerikanische Kontinent "Schildkröten-Insel". Die Himmelsfrau gebar Zwillinge, die gemeinsam die Welt schufen: Taronhiawagon eine ideale Variante, danach sein Bruder Tawiskaron die etwas weniger perfekte, die uns umgibt.

 

Mutter war das Familienoberhaupt

 

Sie war leicht überschaubar. Die Irokesen waren matrilinear organisiert: Als Familienoberhäupter gaben Mütter den Besitz an Töchter weiter. Nach der Heirat zogen Männer ins Clan-Haus ihrer Gattin. Frauen kümmerten sich um Felder und Haushalte, Männer um Jagd, Hausbau und Kriegsführung. Als sesshafte Ackerbauen lebten sie von zahlreichen Sorten an Mais, Bohnen und Kürbissen sowie Obst. Fleisch und Fisch kamen eher selten auf den Tisch; bei vielen Anlässen wurde ausgiebig Tabak geraucht.

 

Da die Indianer weder Pflug noch Lasttiere oder Fahrzeuge kannten, blieben Erträge und Bevölkerungszahl niedrig: Um 1600 zählten alle irokesischen Stämme nur rund 20.000 Mitglieder. Ab 1650 breiteten sich von Europäern eingeschleppte Krankheiten aus. Die Irokesen reagierten, indem sie im Krieg gefangene Angehörige anderer Stämme adoptierten. Dennoch sank ihre Gesamtzahl bis Ende des 18. Jahrhundert auf nur noch 8.000. Seither steigt sie beständig an: Heute betrachten sich 70.000 Personen als Irokesen.

 

Liga der fünf Nationen seit 1570

 

Nordamerikas Geschichte prägten sie mit einer einmaligen politischen Einrichtung: der Irokesen-Liga. Nach langen, verlustreichen Kriegen vereinten zwei Häuptlinge namens Deganawida und Hiawatha um 1570 die fünf Stämme Mohawk, Oneida, Onondaga, Cayuga und Seneca zur "Liga der fünf Nationen"; später kamen als sechste die Tuscarora hinzu. Alle Stämme hatten Mitspracherechte; dieses Bündnis bescherte ihnen 130 Jahre lang inneren Frieden und Wohlergehen; erfolgreiche Kriegszüge dehnten ihr Einflussgebiet aus.

In Kriegen auf der Verlierer-Seite

 

Das änderte sich im Lauf des 18. Jahrhunderts. Im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) kämpften die Seneca auf Seiten der Franzosen und unterlagen mit ihnen: Paris verlor seine Besitzungen in Nordamerika. Ähnliches geschah im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Vier Stämme unter dem Mohawk-Häuptling Joseph Brant zogen als Verbündete der Briten ins Gefecht und wurden mit ihnen geschlagen; Brant und Gefolge flohen nach Kanada.

 

Dennoch lief das Verhältnis zwischen Europäern und Indianern keinesfalls auf deren unaufhaltsamen Niedergang hinaus. Im Gegenteil: Drei Jahrhunderte lang wurden die Irokesen von den Eindringlingen als Handelspartner und regionale Machthaber geachtet und gefürchtet. Sie kontrollierten ein strategisch wichtiges Gebiet; wer ins Landesinnere vordringen wollte – ob als Pelzhändler oder Siedler – musste sich mit ihnen arrangieren.

 

"Lilie der Mohawk" 2012 heilig gesprochen

 

Die teils tragischen, teils kuriosen Aspekte dieser Beziehung breitet die Ausstellung in vielen Facetten aus. So wurden vier Indianer 1710 als "Könige von Kanada" in London von Queen Anne empfangen, wo sie um Hilfe gegen französische Kolonialtruppen baten. Zu diesem Anlass ließ der britische Hof von ihnen Ölporträts anfertigen. Sie zeigen die Gesandten in konventioneller europäischer Herrscher-Pose mit Kugelkopf-Keule und Tomahawk, ihren üblichen Waffen, sowie aufwändiger Ganzkörper-Tätowierung.

 

Für die christliche Heilsbotschaft waren die Irokesen anfangs recht unempfänglich. Mit einer Ausnahme: Häuptlings-Tochter Kateri Tekakwitha konvertierte zum Katholizismus, zog 1677 in eine Jesuitenmission, legte zwei Jahre danach ein Keuschheitsgelübde ab und starb kurz darauf mit nur 34 Jahren. Rom dankte es ihr erst nach 300 Jahren: Die "Lilie der Mohawk" wurde 1980 selig und 2012 heilig gesprochen – Devotionalien, die ihrer gedenken, gibt es für jeden Geschmack.

 

Perlen-Gurte speichern Ereignisse im Muster

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Die Macht des Schenkens" über Potlatch-Rituale der Kwakwaka’wakw-Indianer an Kanadas Nordwestküste in der Kunsthalle im Lipsiusbau, Dresden

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung “Das göttliche Herz der Dinge” mit altamerikanischer Kunst aus der Sammlung Ludwig im Rautenstrauch-Joest-Museum Köln

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung “Kallawaya Heilkunst in den Anden” über Magie + Schamanismus im Grassi-Museum Leipzig.

 

Ohnehin greift die Schau in großem Umfang auf spätere Darstellungen zurück. Traditionell kannten die Irokesen weder Schrift noch Bilder; kreative Energie floss in Schnitzereien, Töpferware, Flechtwerk und aufwändige Stickereien. Hiawatha, Mitgründer der Irokesen-Liga, erfand Perlen aus Muschelschalen (wampum), die man zu langen Bändern auffädelte. Solche wampum-Gurte erinnern an wichtige Ereignisse, die in der Symbolik der Musterung gleichsam gespeichert sind: Damit wurden etwa Verträge festgehalten.

 

Sobald die Europäer massenhaft billige Glasperlen lieferten, erlebten Flecht- und Stickkunst einen Aufschwung; bis heute machen sie den größten Teil des Kunsthandwerks aus. Zudem haben sich die Indianer nach langer Stagnation neue Betätigungsfelder erobert. Sie sind schwindelfrei und arbeiten oft im Hochbau, etwa von Brücken und Wolkenkratzern. Da ihre Reservate steuerbefreit sind, gibt es dort vieles billiger, was alle US-Amerikaner brauchen: Sprit, Zigaretten und Spielcasinos.

 

Haudenosaunee-Pass an Grenzkontrolle

 

Was manche Irokesen kritisch sehen: Zu den eindrucksvollsten Exponaten der Ausstellung zählt eine kluge Auswahl zeitgenössischer Kunstwerke. Sie veranschaulichen oder kommentieren Elemente der irokesischen Kultur: vom Schöpfungsmythos und seit jeher geschätzten Feldfrüchten bis zum Lebenserwerb auf Großbaustellen und am Roulettetisch.

 

Oder sie träumen von einer unabhängigen Zukunft: wie Carla Hemlock, die einen Haudenosaunee-Pass als Quilt genäht hat. Doch damit kommt man nur schlecht durch Grenzkontrollen – so groß ist die Liebe zu Indianern nun auch wieder nicht.



Von Ivo Nagelweihler, veröffentlicht am 12.12.2013





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