Lucy Mulloy

Una Noche – Eine Nacht in Havanna

Elio (Javier Núñez Florián) mit seiner Zwillingsschwester Lila (Anailín de la Rúa de la Torre). Foto: Kairos Filmverleih

(Kinostart 12.12.) Leben auf Kuba nicht als Klischee-Parade mit Rum und Son-Musik, sondern als authentisches Jugend-Drama: Ein Trio flieht übers Meer, weil es die Enge nicht mehr aushält – unsentimental präzise von Regisseurin Lucy Molloy gefilmt.

Wenn es um Kuba geht, sind bestimmte Stereotypen unvermeidlich: marodes Gemäuer, alte Straßenkreuzer aus den 1950er Jahren und Menschen, die trotz widriger Umstände lachen und zu Son-Klängen tanzen. Die ersten beiden Zutaten bietet auch der Debütfilm von Lucy Mulloy; zum Lachen und Tanzen ist ihren jungen Protagonisten allerdings kaum zumute.

 

Info

 

Una Noche –
Eine Nacht in Havanna

 

Regie: Lucy Mulloy,

90 Min., Kuba/USA 2012;

mit: Dariel Arrechaga, Anailín de la Rúa de la Torre, Javier Núñez Florián

 

Website zum Film

 

Lila (Anailín de la Rúa de la Torre) und ihr Zwillingsbruder Elio (Javier Núnez Florián) sind ganz normale Teenager: Elio arbeitet in der Küche eines Nobelrestaurants, Lila geht noch zu Schule. Beide haben große Zukunftspläne, die sich aber auf Kuba nicht verwirklichen lassen. Deswegen träumen sie von einem besseren Leben in Florida, obwohl sie ihre Heimat lieben.

 

HIV-Arznei nur auf Schwarzmarkt

 

Das tut auch Elios Freund und Kollege Raúl (Dariel Arrechaga), der jedoch unter besonderer Beobachtung und immer mit einem Bein im Gefängnis steht. Seine Mutter hat sich als Prostituierte mit HIV infiziert; lebensverlängernde Medikamente für sie gibt es nur halblegal unter der Hand oder auf dem Schwarzmarkt.


Offizieller Filmtrailer, englisch untertitelt


 

Boot + Motor nur bei Schwarzhändlern

 

Elio hat ganz andere Sorgen. Er ist heimlich in Raúl verliebt und plant mit ihm schon länger eine Flucht übers Meer: Bis Florida sind es nur 90 Meilen. Vielen Kubanern ist die Überfahrt schon geglückt; das wissen auch die Schwarzhändler, bei denen Elio die nötige Ausrüstung besorgt. Es wäre ihm unmöglich, auf regulärem Weg ein Boot, geschweige denn einen Motor zu kaufen.

 

Aus Brettern und Autoreifen zimmern die Beiden ein provisorisches Floß und hoffen das Beste. Lila ahnt nichts davon, bis Elio plötzlich verschwindet. Sie macht sich auf die Suche nach ihm und Raúl, dem inzwischen die Polizei auf den Fersen ist. Schließlich wagen sie zu dritt die gefährliche Meeres-Überfahrt mit ungewissem Ausgang.

 

Außer Rum ist alles Mangelware

 

Die US-Amerikanerin Lucy Molloy taucht tief ins heutige Havanna ein: Atemlos wie ihre Protagonisten verfolgt die Kamera deren Wege durch das Großstadt-Labyrinth aus abrissreifen ehemaligen Prachtbauten. Außer an Rum mangelt es scheinbar an allem; man spürt die allgegenwärtige Sehnsucht nach etwas anderem, vielleicht einem normalen Leben ohne Überwachung und Schlangestehen.

 

Selten sieht man die Hauptfiguren unbeschwert. Immer hat jemand ein argwöhnisches Auge auf sie; sei es in der Schule, bei der Arbeit oder beim ziellosen Herumkurven mit dem Fahrrad. Das nehmen die Geschwister noch relativ leicht hin; sie haben und helfen einander. Dagegen reagiert Raúl auf die einengenden Verhältnisse auch körperlich mit Asthma. Da nützen der schönste Strand und Palmen nichts.

 

Authentizität durch kubanischen hiphop

 

Einmal sagt jemand, kubanische Heimkehrer, die den Weg in den Westen geschafft haben, hätten die nervöse Verzweiflung der Daheimgebliebenen verloren. Wenn Molloy die einfangen wollte, ist ihr das jedenfalls gelungen. Ihr Film ist aber nicht nur ein weiterer Abgesang auf das sozialistische Experiment der Karibikinsel.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Hasta La Vista, Sister“  – kubanische Komödie über Sozialismus-Nostalgie von John Roberts

 

und hier einen Bericht über den Film „7 Tage in Havanna“  – abwechslungsreicher Episodenfilm von 7 Regisseuren

 

und hier einen Beitrag über den Films „Juan of the Dead“ – kubanische Zombiefilm-Parodie von Alejandro Brugués.

 

Die Regisseurin bemüht sich um äußerste Authentizität und interessiert sich wirklich für die Menschen und ihre Motivationen. Ihre jugendlichen Protagonisten lässt sie scheinbar frei agieren. Kubanischer hiphop und schnelle Schnitte verleihen dem Film eine entschieden junge, moderne Dynamik.

 

Mumblecore ohne Gelaber

 

Die Außenaufnahmen in Havanna wirken dokumentarisch; die Handkamera ist sehr nah dran an den Figuren, deren fragmentarisch erzählte Geschichte im Off von Hauptfigur Lila kommentiert wird. Trotz physischen Nähe ist jedoch stets zu spüren, dass Regisseurin das Geschehen glücklicherweise völlig unsentimental und folkorefrei von außen betrachtet. Molloy hat in New York studiert hat; so erinnert ihr Stil teilweise an den dort entstandenen mumblecore.

 

Mit dem Unterschied, dass man in Havanna nicht einfach so vor sich hin labert und die Farben knallig strahlen. Eine politische Absicht weist die Regisseurin zwar weit von sich. Dass ihr Film den Publikumspreis beim Festival von Havanna erhielt, zeigt aber, dass sie einen Nerv der dortigen Zuschauer getroffen hat. Auch hierzulande dürften sich dafür mehr als die üblichen Kuba-Liebhaber erwärmen.


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