Ben Stiller

Das erstaunliche Leben des Walter Mitty

Walter Mitty (Ben Stiller) ist auf dem Weg zur Arbeit spät dran. Foto: © 2013 Twentieth Century Fox

(Kinostart: 1.1.) US-Version von Hans Guck in die Luft: Im Englischen ist der Titelheld Inbegriff eines Tagträumers. Die klassische Short Story verfilmt Ben Stiller als fantasievoll surreal-romantische Komödie, in der die Realität etwas kurz kommt.

Es ist eine besondere Auszeichnung, wenn ein Personenname durch Anhängen der Nachsilbe „-esk“ zum Attribut aufgewertet wird. Franz Kafka hat es mit seiner Erzählung „Die Verwandlung“ vorgemacht: Seit Gregor Samsas Erlebnis, der eines Morgens aus unruhigen Träumen als riesiger Käfer erwacht, nennt man sehr verstörende Situationen kafkaesk.

 

Info

 

Das erstaunliche Leben des Walter Mitty

 

Regie: Ben Stiller

114 Min., USA 2013

mit: Ben Stiller, Kristen Wiig, Shirley McLaine, Sean Penn

 

Website zum Film

 

Auch die literarische Figur Walter Mitty aus einer Kurzgeschichte von James Thurber, die 1939 in der Zeitschrift „The New Yorker“ erschien, hat solche Ehre erfahren. Im Englischen bezeichnet das Adjektiv mittyesque ein weltabgewandtes Verhalten, das eher in Tagträume flüchtet, anstatt sich mit der Wirklichkeit zu arrangieren.

 

Negative im „Life“-Archiv sortieren

 

Den Walter Mitty zu spielen, ist für Ben Stiller sichtlich ein Vergnügen. Als eher introvertierter, schüchterner Typ mit Schwierigkeiten, eine Frau kennen zu lernen, geht dieser Mitty im spießigen, hellgrauen Blouson tagein, tagaus ins Büro des Magazins „Life“, um im Fotoarchiv Negative zu sortieren.

Offizieller Filmtrailer


 

Regisseur will zu viel gleichzeitig

 

In seiner Fantasie zieht er jedoch gleich mit seinen Kollegen, den Kriegsreportern und Naturfilmern, und übertrifft sie sogar. Dabei sieht sich Mitty mal als unkaputtbarer Superheld, mal als selbstloser Retter in der Not oder als feuriger Liebhaber. Im wirklichen Leben wird seine Fähigkeit, träumerisch der Realität zu entfliehen, bald auf die Probe gestellt.

 

Thurbers Kurzgeschichte wurde bereits 1947 verfilmt. Stiller, der auch Regie führt, übernimmt in seiner Neuverfilmung eigentlich nur den Protagonisten und macht ihn zum Spielball einer Komödie, die rasant zwischen Fantasy und Drama hin- und herwechselt. Leider will der Regisseur zu viel gleichzeitig; er hat dabei Mühe, die verschiedenen Themen und Genres zu einem dramaturgischen Ganzen zu verbinden.

 

Untergang der legendären Illustrierten

 

Der Film soll nämlich nicht nur erzählen, wie Mitty dank seiner Fantasie auch in der Wirklichkeit zur starken Persönlichkeit heranreift, sondern zugleich, wie das Zeitalter der klassischen Printmedien zugrunde geht. Die legendäre US-Illustrierte „Life“, die Amerikas Blick auf die Welt (und umgekehrt) geprägt hat, ist gerade verkauft worden und wird in ein Online-Magazin umgewandelt.

 

Ein Übergangsmanager (Adam Scott) entlässt die Hälfte der Belegschaft, schikaniert die Übrigen und insbesondere Mitty: Er soll für das Cover der letzten Print-Ausgabe ein Foto des Life-Starfotografen (Sean Penn) besorgen. Doch das Negativ dieses Bildes, „das alles erklären soll“, ist einfach nicht auffindbar.

 

Herrlich selbstironisches Ensemble

 

Anstatt in seine Traumwelt flüchten zu können, muss Mitty nun sein heimisches New York verlassen und in den Außendienst, um Negativ Nummer 25 aufzuspüren. Und dann ist da noch die neue Kollegin Cheryl (Kristen Wiig), in die er sich verliebt hat, aber nicht weiß, wie er bei ihr landen soll.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Inside Llewyn Davis“  – tragikomisches Porträt eines erfolglosen Folkmusikers von Ethan + Joel Coen

 

und hier einen Beitrag über den Film „Rum Diary“ – Biopic über Hunter S. Thompson, Erfinder des Gonzo-Journalismus, von Bruce Robinson mit Johnny Depp

 

und hier einen Bericht über den Film “Cheyenne – This Must Be The Place”  – mit Sean Penn von Paolo Sorrentino

 

Als romantische Komödie mit surrealen Elementen funktioniert „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ gut; schon wegen des herrlich selbstironisch aufspielenden Ensembles. Sean Penn gibt weltentrückt den Star-Fotografen, den Mitty nach einer abenteuerlichen Reise über Grönland und Island endlich im Himalaya aufstöbert.

 

Desinteresse an Digital-Journalismus

 

Shirley MacLaine brilliert als gütige Mutter, die schließlich alles zum Happy End fügt. Auch die Kristen Wiig empfiehlt sich charmant als Mittys Romanze. Adam Scott füllt die überzeichnete Figur des new economy-Kapitalisten bestens, und Ben Stiller kann zeigen, wie gut er noch das Skateboard beherrscht.

 

Das Abdriften in fantastische Dimensionen kostet Stiller als Schauspieler wie als Regisseur mit skurrilem bis surrealem Humor aus. Doch die Rahmenhandlung hätte mehr satirisches Engagement gebrauchen können: In der gegenwärtigen Medienkrise sind sowohl Realitätssinn als auch Fantasie für neue Wege gefragt.

 

Doch mit der Frage, wie altehrwürdiger Qualitäts-Journalismus in der digitalen Revolution überleben kann, will sich der Film nicht auseinandersetzen. Das Magazin „Life“ ist übrigens schon im Jahr 2000 eingestellt worden. Und es wäre wohl mehr als mittyesque, zu glauben, in den nächsten Jahren würden ihm nicht noch viele weitere klassische Print-Titel folgen.


Diesen Artikel drucken