J.C. Chandor

Als Teenager war ich vom Segeln besessen

Regisseur J.C. Chandor. Foto: Universum Film
Segeln ist die teuerste Art, unbequem zu reisen: "All Is Lost"-Regisseur J.C. Chandor kennt sich mit Yachten aus. Im Interview erzählt er, wie er Robert Redford für seine Schiffbruch-Idee gewann und Kentern zur emotionalen Reise ins eigene Ich wird.

Mr. Chandor, wie realistisch ist der Schiffsuntergang in „All Is Lost“?

 

Alles, was Robert Redford im Film passiert, ist völlig wirklichkeitsgetreu. Selbst der Moment, in dem sich das Boot im Sturm überschlägt, liegt im Bereich des Möglichen. Normalerweise würde man jedoch nicht allein über den Indischen Ozean segeln.

 

Info

 

All Is Lost

 

Regie: J.C. Chandor

106 Min., USA 2013

mit: Robert Redford

 

Website zum Film

 

Mit heutiger Technik und der nötigen Aufmerksamkeit auf hoher See könnte man jeden Sturm umgehen und würde nicht direkt darauf zusteuern. Aber mir kam es darauf an, einen gut situierten Mann zu zeigen, der immer mehr verliert, bis es nur noch ums nackte Überleben geht.

 

Robert ansehen, wie fertig er war

 

Warum haben Sie sich ausgerechnet den 77-jährigen Robert Redford für eine dermaßen physisch anspruchsvolle Rolle ausgesucht? 

 

Robert hat uns letztlich viel mehr gegeben, als ich dachte. Was gewiss auch daran lag, dass am Set eine gute Atmosphäre herrschte. Erst beim Drehen des dritten Aktes, nachdem die Yacht gesunken ist, spürten alle auch die physische Anstrengung; das kam aber dem Film durchaus zugute. Man sieht in Roberts Gesicht, wie fertig er eigentlich war. Die Dreharbeiten waren aber nicht nur für Robert anstrengend, sondern für uns alle.


Offizieller Filmtrailer


 

Ständige Feuchtigkeit zermürbt

 

Was war so anstrengend?

 

Vor allem das Wasser: Es ist unkontrollierbar, und man ist ihm permanent ausgesetzt. Immer wieder nass zu werden, bis einem die Feuchtigkeit bis in die Knochen kriecht, kann ganz schön zermürben und nach einiger Zeit ziemlich deprimieren.

 

Eltern segeln noch mit über 70

 

Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee, einen Film über einen Mann allein auf einem Boot drehen zu wollen?

 

Ich bin mit dem Segeln groß geworden. Meine Eltern sind mit über 70 Jahren heute noch begeisterte Segler; ich selbst war als Teenager davon besessen. Heute segle ich nur noch selten, doch ich liebe noch immer Filme, die von Überlebenskämpfen handeln.

 

Die Idee zu „All Is Lost“ bekam ich in einem Zug, der an einer Küste entlangfuhr, an der Tausende von Yachten ankerten. Meist werden sie als Prestigeobjekte angeschafft und unterhalten. Doch mir kam der Gedanke: Was würde passieren, wenn man allein auf einer Yacht tatsächlich den Naturgewalten ausgesetzt wäre?

 

Robert Redford überzeugte andere

 

Wie ließ sich ein solches Filmprojekt über einen Mann auf einem Boot finanzieren?

 

Natürlich ist die Filmidee im Grunde genommen ziemlich simpel, aber die Story beinhaltet auch Elemente eines Actionfilms und sogar eines Horrorfilms. Auf jeden Fall ließ mich die Idee nicht mehr los, egal wie verrückt sie klang. Also führte ich erste Gespräche. Robert Redford interessierte für das Projekt und gab mir Ratschläge, wie ich vorgehen sollte. Als er an Bord war, war es leicht, auch andere zu überzeugen.

 

Nur noch auf eigene Fähigkeiten verlassen

 

Redford spielt einen offenbar reichen Segler, der am Ende alles verliert. Die Ähnlichkeit zu Ihrem ersten Film „Der große Crash – Margin Call“ über Finanzjongleure am Rand des Bankrotts liegt auf der Hand.

 

Das stimmt, obwohl man eigentlich wenig über die Figur erfährt. Doch das reicht aus, um sich ein Bild zu machen. Der Mann ist niemand, der schon seit 20 Jahren über die Meere segelt, sondern er hat sich eine oder zwei Wochen frei genommen, um allein zu sein. Dass er vom Funkgerät bis GPS über viel teures Zubehör verfügt, zeigt, dass er recht vermögend ist.

 

Nach und nach verliert er ein Stück Technik nach dem anderen; er wird wieder zu einem Allerweltsmenschen, der sich nur noch auf seine eigenen Fähigkeiten verlassen kann. Ich denke, dass sich jeder in ihn hineinversetzen kann, weil es letztlich eine emotionale Reise ins eigene Ich ist.

 

Es geht um letzte, essentielle Fragen

 

„All Is Lost“ ist also mehr als ein reiner Abenteuerfilm, oder?.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films "All Is Lost"  von J.C. Chandor mit Robert Redford

 

und hier einen Bericht über den Film "The Company You Keep – Die Akte Grant"  - Polit-Thriller von + mit Robert Redford

 

und hier eine Lobes-Hymne auf den Finanzmarkt-Thriller Der große Crash – Margin Call von JC Chandor mit Kevin Spacey

 

Meine Kindheit in den 1980er Jahren war geprägt von Filmen wie der „Indiana Jones“-Serie. Regisseure wie Steven Spielberg und George Lucas waren damals meine Helden. Erst als Teenager beschäftigte ich mich mehr mit dem europäischen Kino; schließlich wurde Stanley Kubrick mein großes Vorbild.

 

Als ich das Drehbuch zu „All Is Lost“ schrieb, hatte ich gewiss Actionfilme im Kopf. Die Handlung ist schon eine Achterbahnfahrt für die Hauptfigur, doch im dritten Akt passiert etwas, dass sich doch sehr von Actionfilmen der 1980er Jahre unterscheidet.

 

Es geht plötzlich um letzte, essentielle Fragen. Wie verletzlich ist der Mensch? Was habe ich aus meinem Leben gemacht? Was zählt, und was bereue ich? Für Robert und für mich wäre es zu dürftig gewesen, den Zuschauern einen Abenteuerfilm vorzuführen, in dem ein Kerl herumsegelt, um dann mit seinem Boot unterzugehen. Da muss schon mehr passieren, um innerlich gepackt zu werden.


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