Daniel Radcliffe

Kill Your Darlings

Jack Kerouac (Jack Huston), Allen Ginsberg (Daniel Radcliffe) und Lucien Carr (Dane DeHaan) hecken in der Bibliothek einen Plan aus. Foto: © Koch Media (Neue Visionen)
(Kinostart: 30.1.) Wie die Beatniks wurden, was sie waren: Regisseur Krokidas begleitet den jungen Allen Ginsberg und seine Uni-Freunde William S. Burroughs und Jack Kerouac. Die Collage aus zu vielen Bruchstücken kratzt aber nur an der Oberfläche.

Das Geheul sollte erst ein Jahrzehnt später einsetzen. Mit dem Skandal um sein 1955 veröffentlichtes Lang-Gedicht Howl, das zeitweise verboten war und dessen Verleger verhaftet wurde, stieg Allen Ginsberg zum Literatur-Star in den prüden USA der 1950er Jahre auf.

 

Info

 

Kill Your Darlings - Junge Wilde

 

Regie: John Krokidas,

104 Min., USA 2013;

mit: Daniel Radcliffe, Dane Dehaan, Michael C. Hall

 

Website zum Film

 

Doch wie wurde Ginsberg überhaupt zum beatnik? Regisseur John Krokidas versucht, mit seinem Debütfilm „Kill Your Darlings“ dem Gründungsmythos der beat generation um Ginsberg, William S. Burroughs und Jack Kerouac auf den Grund zu gehen.

 

Ruhmloser steht im Zentrum

 

Im Zentrum des Dichter-Zirkels, der die US-Literatur mit einer „Neuen Vision“ revolutionieren wollte, stand allerdings eine Person, die nicht den Ruhm der großen Drei erlangen sollte: Lucien Carr (Dane DeHaan). Der Junge aus wohlhabendem Hause studiert 1944 an der Columbia University in New York City und hat wilde Gedanken.


Offizieller Filmtrailer


 

Schlechter Rotwein gegen Schreibblockade

 

Carr liest den englischen Romantiker John Keats und verehrt Arthur Rimbaud. Er mag es kompliziert, liebt Provokationen und setzt gern alles auf Anfang. Dummerweise leidet er aber auch unter einer Schreibblockade, die er mit dem Konsum schlechten Rotweins und dem Hören von Brahms aufbrechen will.

 

In einem solchen Moment stürzt der 18-jährige Allen Ginsberg (Daniel Radcliffe), der als Frischling gerade ebenfalls sein Literaturstudium begonnen hat, in Carrs Studentenbude auf dem Universitätsgelände: Dem war Ginsberg schon in der Vorlesung mit einem Plädoyer für den Dichter Walt Whitman aufgefallen, während vom Katheder klassisches Versmaß mit Reim und Metrum doziert wurde.

 

Kerouac als Hemingway-Double

 

So beginnt eine verhängnisvolle Freundschaft. Carr führt Ginsberg in die bohème von New York ein, während in Europa der Zweite Weltkrieg tobt. Man begleitet beide auf ausschweifende Partys im Greenwich Village, lernt den mit Lachgas, Benzedrin oder Morphin dauerbedröhnten Burroughs kennen und trifft bald auch den dichtenden Sportler und Seemann Kerouac, der wie ein Hemingway-Double auftritt.

 

Aber auch den arroganten Stalker David Kammerer, der es seit Jahren auf Carr abgesehen hat und ihm überallhin folgt. Dazu ertönt wilder Jazz. Und Ginsberg sucht nach sprachlich angemessenen Worten für die neue Welt, für eine gleichermaßen empfindsame wie präzise Literatur. Allerdings nicht nur für sich, sondern auch für Carr: Dessen Hausarbeiten muss er gleich mit schreiben.

 

Campus-Film + coming of age

 

Regisseur Krokidas inszeniert den Film als zeitgeschichtliches coming of age-Drama, dem seine Begeisterung für die beat generation anzumerken ist. Leider bleibt er dabei recht brav und einer konventionellen Regie verpflichtet. Als Hommage an die Poesie der Beatniks collagiert er seinen Film aus erzählerischen Bruchstücken.

 

Zunächst orientiert er sich am Campus-Film und lässt seine prankster-Studenten durch die Bibliotheken sausen und am akademischen System rütteln, das in Selbstgefälligkeit erstarrt ist. Er will aber auch eine sensible Geschichte des Heranwachsens erzählen: vom jungen Ginsberg, der seine Homosexualität entdeckt, und dem ein Jahr älteren Carr, der sich die eigene Attraktivität auf Männer nicht eingestehen mag.

 

Nostalgische Bildsprache in Sepia

 

Zugleich muss der Regisseur aber auch eine Kriminalgeschichte dokumentieren, denn Carr begeht einen Totschlag oder war es Mord? an seinem Verehrer David, der ihn selbst für zwei Jahre hinter Gitter bringt. Was seine Freunde darin bestätigt, wenigstens in der Literatur der Emotionalität und Wildheit ihrer Gedanken weiterhin Ausdruck zu verleihen. Natürlich möchte Krokidas auch dieser sprachlichen Unverblümtheit nahe kommen.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films "On The Road - Unterwegs"  - Roadmovie nach Kerouacs Beatnik-Roman von Walter Salles

 

und hier einen Bericht über die Dokumentation William S. Burroughs: A Man Withinvon Yony Leyser

 

und hier einen kultiversum-Beitrag zum Film Howl – Das Geheul über das gleichnamige Poem von Allen Ginsberg

 

Leider gelingt es ihm nicht, all diese Perspektiven zusammenzuführen. Mit seiner nostalgischen Bildsprache in weich ausgeleuchteten, wie in Sepia getränkten Einstellungen kratzt der Film nur an der Oberfläche. Seine Charaktere bleiben blass oder werden überzeichnet.

 

Radcliffe spielt mit viel Elan

 

Dem Exzentriker Burroughs (Ben Foster) wird nur die Nebenrolle als Karikatur eines Avantgardisten mit zuviel elterlicher Protektion zugestanden. Auch über die ambivalente Gestalt von Kerouac (Jack Huston) zwischen rüpelhaftem buddy und sensiblem Schriftsteller hätte man gern mehr erfahren.

 

Dane DeHaan verleiht Carr mit diabolisch-wässrigem Blick zwar große Präsenz, doch seine psychischen Unwägbarkeiten verharren im Dunkeln. Auch Daniel Radcliffe spielt den noch bartlosen Ginsberg mit viel Elan.

 

Sein waidwunder Blick deutet an, worauf der Film eigentlich hinauswollte: zu zeigen, dass die revolutionäre Sprache der beatniks eine völlig neue Sichtweise erforderte. Die wahre Größe der Welt musste gesehen, erfahren und erlebt werden, um sie überhaupt beschreiben zu können.


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