Asghar Farhadi 

Le Passé – Das Vergangene

Bérénice Bejo (Marie), Ali Mosaffa (Ahmad). © Carole Bethuel. Fotoquelle: Camino Filmverleih

(Kinostart: 30.1.) Ingmar Bergman in Paris: Oscar-Preisträger Asghar Farhadi lässt eine französisch-iranische Patchwork-Familie uneingestandene Konflikte und Schuldgefühle austragen. Ein ebenso intensives Kammerspiel wie „Nader und Simin“.

„Le Passé“ setzt da ein, wo Asghar Farhadis letzter Film „Nader und Simin – eine Trennung“ aufhörte: bei der Scheidung. Marie (Bérénice Bejo) gelingt, woran ihre Vorgängerin Simin scheiterte: rechtskräftig die Bindung an ihren Ex-Mann zu lösen. Doch damit fangen die Probleme erst an; wie in „Nader und Simin“ ist die Personen-Konstellation komplex und lässt sich kaum entwirren.

 

Info

 

Le Passé – Das Vergangene

 

Regie: Asghar Farhadi,

130 Min., Frankreich/ Italien 2013;

mit: Tahar Rahim, Bérénice Bejo, Ali Mosaffa 

 

Website zum Film

 

Maries Noch-Gatte Ahmad (Ali Mosaffa) kommt aus Teheran nach Frankreich zurück, um die Ehe mit ihr gütlich zu beenden. Anders als abgesprochen, quartiert ihn Marie in ihrem Einfamilienhaus in der Pariser banlieue ein. Dort wohnen nicht nur Lucie und Léa, ihre Töchter aus erster Ehe, sondern auch ihr neuer Geliebter Samir (Tahar Ramin) und sein kleiner Sohn Fouad. Mit ihm soll sich Ahmad ein Etagenbett teilen.

 

Stieftochter mit Rivalen aussöhnen

 

Er reagiert verschnupft, zumal ihn bald eine weitere Enthüllung kränkt: Marie ist von Samir schwanger. Überdies erwartet sie von Ahmad eine Gefälligkeit. Er soll ihrer halbwüchsigen Tochter Lucie ins Gewissen reden, die Samir schneidet und nur noch zum Schlafen nach Hause kommt, damit der rebellische Teenager sich mit dem Vater ihres ungeborenen Kindes aussöhnt.


Offizieller Filmtrailer


 

Eingeholt vom geleugneten Schatten

 

Ahmad lässt sich darauf ein und spricht mit Lucie, zu der er stets ein gutes Verhältnis hatte. Von ihr erfährt er, dass Samirs Noch-Ehefrau einen Selbstmordversuch unternahm, als sie von dessen Affäre mit Marie erfuhr; nun liegt sie als hoffnungsloser Fall im Koma. Samir besucht sie täglich mit schlechtem Gewissen im Krankenhaus – er ist nicht der Einzige, den deshalb Schuldgefühle plagen.

 

Alles wie in „Nader und Simin“, und doch ganz anders: Waren es dort iranische Großfamilien mit ihren traditionellen Verpflichtungen in alle Richtungen, die Handlungsspielräume der Protagonisten einschränkten, ist es hier die westliche Patchwork-Familie. Aus verflossenen Lieben und gescheiterten Lebensentwürfen schleppen alle Beteiligten Lasten mit sich herum, die sie nicht abschütteln können. Je entschiedener sie den Schatten der Vergangenheit leugnen, desto rascher holt er sie ein.

 

Allmählich Leichen aus dem Keller holen

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Nader und Simin – eine Trennung“  – Oscar-prämiertes Meisterwerk über eine Ehekrise von Asghar Farhadi

 

und hier einen Bericht über den Film „The Artist“  – brillantes Stummfilm-Remake mit Bérénice Bejo von Michel Hazanavicius

 

und hier einen kultiversum-Beitrag über “Alles über Elly“ – fesselndes Psycho-Drama im Iran von Asghar Farhadi.

 

Dieses Psychodrama entfaltet Regisseur Farhadi in seinem ersten Film, den er nicht im Iran gedreht hat, wieder mit unnachahmlicher Präzision. Anfangs wirkt alles völlig unspektakulär: der Mittelklasse-Vorort, in dem die Apothekergehilfin Marie und der Reinigungsbesitzer Samir leben und arbeiten, ebenso wie die verhaltene, auf Ausgleich bedachte Weise, in der alle miteinander umgehen.

 

Allmählich werden die seelischen Leichen aus dem Keller geholt und Nerven blank gelegt. Alle Hauptpersonen verbinden nur noch die Konflikte, die sie miteinander austragen: Lautstarker Streit wird zum herrschenden Umgangston. Dass er keine Sekunde lang hysterisch oder affektiert wirkt, liegt an Farhadis Regiekunst: Vor dem Dreh lässt er seine Schauspieler wochenlang proben, bis jedes Wort und jede Geste sitzt.

 

Beste Schauspielerin in Cannes

 

In ihrer konzentrierten Intensität erinnern seine Kammerspiele an die seines Vorbilds Ingmar Bergman: Wie der schwedische Regisseur wählt Farhadi schlichte Ausgangssituationen, die er mit präziser Beobachtung zwischenmenschlicher Reaktionen zu Parabeln von universeller Gültigkeit ausbaut.

 

Dafür wurde „Nader und Simin“ mit Preisen überschüttet: neben dem Goldenen Bären und zwei Silbernen Bären für die besten Darsteller auch dem ersten Auslands-Oscar für einen Film aus dem Iran. Bei „Le Passé“ wurde bislang nur Bérénice Bejo in Cannes als beste Schauspielerin ausgezeichnet; dabei verdient dieser exzellente Film genauso viel Beachtung wie sein Vorgänger.


Diesen Artikel drucken